Herr B. kauft ein

In unserem Herrenkonfektionsgeschäft am Marktplatz weiß man, es ist wieder soweit. Die Spezie der Gattung Mann in Ausführung von Herrn Brotschkowski, kurz Herr B. genannt, ist wieder unterwegs.
Einkaufen gehört für Herrn B. zu den Höhepunkten seines Alltages. Er verbindet diese Ausflüge meist mit einem Gaststättenbesuch. Das Restaurant darf nicht zu teuer sein und sollte die deutsche Küche auf dem Speiseplan haben. Die abgestandene Luft speichert Herr B. gern in seiner Kleidung.
Mit einem breitem Lächeln und seiner Gattin am Arm betritt er an diesem frühsommerlichem Tag das Geschäft.
Sofort breitet sich dieser typische Geruch nach Kochdünsten, Zwiebeln und frittiertem Öl, aus. Dieser Geruch bildet eine perfekte Symbiose mit seinem eigenen Körpergeruch von altem Schweiß.
Herr B. möchte immer von mir, der Inhaberin, bedient werden. Darauf besteht er. Was auch kein Problem ist, da in dem Moment , wo Herr B. das Geschäft betritt, jeder der Angestellten sofort stark beschäftigt ist.
Ich bewundere sein frisches Aussehen und die geschmackvolle Kleidung. Dann folgt der obligatorische Satz des Herrn B., dass er das alles nur hier in diesem Geschäft kauft. Ich hatte beim Hereinkommen des Herrn B. seine Kleidung taxiert und registriert, dass davon nichts je in unserem Angebot war.
Ich lächle.
Herr B. formuliert seine Wünsche. Meist braucht er eine neue Hose. So auch diesmal.
Herr B. isst gern und gut. Seine Hosengröße schwankt deshalb, nicht so seine Meinung von der Größe. Ich bereite ihn behutsam auf seine neue Größe vor, ohne seine Eitelkeit zu verletzen und sein Wohlgefühl zu stören. Halbherzig lehnt sich Herr B. auf. Vergeblich! Der Spiegel ist unbestechlich. Ganz leise sage ich zu ihm, nur er, seine Frau und ich wissen um seine neue Größe. Außen steht nichts und wir sprechen nicht drüber!
Herr B. lächelt seinem Spiegelbild zu, dreht sich mehrfach um die eigene Achse und meint dann:
„Auf Sie ist Verlass, Sie kennen mich und meine Wünsche. Und deshalb kaufe ich nur hier bei Ihnen ein. Die Hose passt wieder perfekt und ich lasse sie gleich an.“ Dabei strahlt er.
Ich lächle.
Während des Bezahlens macht mich Herr B. darauf aufmerksam, dass er den Gutschein der Weihnachtswerbung vom November, den er gerade nicht dabei hat, noch nicht eingelöst und jetzt gerne gut geschrieben haben möchte.
Dem Lehrling, der das hört und zufällig in der Nähe der Kasse steht, fällt der Stapel Hemden aus der Hand. Sein Mund steht offen.
„Du musst noch viel lernen und vor allem ruhiger werden, mein Junge!“, sagt daraufhin Herr B. gönnerhaft zum Lehrling, der mit rotem Kopf die Hemden aufsammelt.
„Und nun gehen wir Kaffee trinken, oder? Am liebsten würde ich Sie mitnehmen, weil es wieder so nett war!“, sagt er zu mir.
Beim Hinausgehen sehen wir alle, dass das Etikett aus der Hose ragt und die Größe deutlich zu sehen ist. Der Lehrling will eilfertig etwas sagen, aber ich meine zu ihm:
„Du willst doch Herrn B. nicht den Tag verderben, oder? Wo er doch so ein Netter ist.“

Nimm mich

Corona macht eine Pause.
Noch nicht so ganz und keiner weiß, ob es vielleicht ein Dauerzustand wird. Auch ich mache mit meinen Corona-Splittern eine Pause.
Neue Themen- neues Glück!

Nimm mich

Sie haben sicher auf dem Wege zu einem Ihrer Strandspaziergänge gesehen, wie ich so lässig in der Sonne döse. Seien Sie mal ehrlich, würden Sie mich nicht gerne berühren? Einfach so? Nur um mich mal zu spüren? Ich zähle zu denen, die man nicht unbedingt zum Leben braucht. Besitzt man mich jedoch, so löse ich körperliche Lust, Sinnlichkeit aus.

Einer dieser Lustbeziehungen war ich schon ganz nahe oder anders gesagt, dieser aufregende Mann wollte sie mit mir ausleben. Es war Liebe auf den ersten Blick! Er mochte meine Farbe und meine weiche Haut. Er begehrte mich. Ich schmiegte mich an seinen Körper, der perfekt für mich gemacht schien. Immer wieder strichen seine Hände über mich, verweilten kurz auf meiner zarten Oberfläche, drückten, ja, fast kann ich sagen, knüllten mich zusammen, um dann wieder in ein Streicheln zu verfallen. Ein verzücktes Lächeln begleitete diesen Akt. Ich war wie für ihn gemacht. Seine Körperwärme erhitzte mich und ließ uns noch enger zusammen sein. Sein Blick blieb nur immer in seiner Körpermitte hängen, die ein wenig herausragte. Der Bauch hatte gegenüber den Schultern nicht das rechte Verhältnis, eines zuviel, das andere zu wenig. Das war die sensible Stelle, auf die sich seine Blicke zunehmend konzentrierten. Eine Dissonanz, sicher, die man aber ändern könnte. Mich störte es nicht, denn ich fühlte mich wohl bei ihm.

„Was willst du denn mit der?“, hörte ich eine schrille Stimme. Sie gehörte einer jungen Frau mit bleichblondiertem Haar und knallengen Jeans. Der Bauch der Frau wehrte sich gegen das Eingepresstsein und hing über dem Hosenbund. Er wurde durch Anspannen der schwach ausgeprägten Muskulatur ständig zur Ordnung gerufen, nutzte aber jede Möglichkeit, um wieder aus der Hose zu drängen.

„Wieso? Was hast du denn?“, antwortete der Mann und drehte sich langsam um. Seine Zuneigung zu mir war bereits Liebe. Doch es machte sich Enttäuschung in ihm breit. Ich spürte es. Seine Schultern fielen herab.

„Du willst die doch nicht etwa haben? Diiiie? Die kannst du dir doch gar nicht leisten!“, hörte ich die Frau zwischen Baucheinziehen und Atmen sagen. Die Hände des Mannes strichen wieder über mich hinweg. Es war ein anderes Streicheln, langsamer, schon ein wenig mit Wehmut vermischt. Ich spürte den Abschied, ehe er ihn vollzog. Er übergab mich wieder der Verkäuferin, die mich erneut im Schaufenster drapierte. Und da liege ich nun, eine sattbraune Lammnappa-Jacke, warte auf eine neue Leidenschaft, auf einen Mann, der mit mir einen Lebensabschnitt verbringen möchte.

Und die Sonne scheint weiterhin heiß vom Himmel.

Corona-Splitter (29)

Lilly und Cilly

Die Farbkombination blau-gelb besitzt seit einiger Zeit eine neue Bedeutung, überall sehe ich sie, denke nun anders über Europa-Flaggen oder Firmenlogos oder Outfits von Fremden nach, die ich zufällig im Alltag sehe. Ja, es ist eine Zeit der Verwirrung, der Deprimiertheit und der Angst.
Es ist Krieg in Europa.

Die Frage steht, braucht man diese ‚Splitter‘ mit letztlich banalem Inhalt in derartigen Krisenzeiten ?
Sie zeigen, dass wir teils keine existenzielle Probleme haben und den Alltag genießen können. Wie schnell das vorbei sein kann, lesen und hören wir gerade in den Nachrichten. Ich muss an dieses Zitat von Philippe Dijan denken: »Wenn es mir schlecht geht, gehe ich nicht in die Apotheke, sondern zu meinem Buchhändler.«
Ich hoffe, dass ich mit dieser kleinen Kolumne dem einen oder der anderen die Zeit im Homeoffice oder woanders vertreiben kann.

Sie kommen unangemeldet.
Ich lade sie nicht ein. Jetzt, in Zeiten von Corona, wird sowieso seltener eingeladen. Nein, sie laden sich selbst ein und lassen sich ganz, ganz schwer wieder ausladen. Früher gab es Zeiten, an denen sie überhaupt nicht auftauchten. Ja, ich wusste gar nicht, dass sie existieren.
Jetzt sind sie da, ständig.
Am Anfang hoffte ich, sie werden wieder verschwinden. Doch weit gefehlt! Ich ignoriere sie. Was sie in keinster Weise stört. Ich rege mich masslos auf, beschimpfe sie. Ohne Erfolg!
Jeden Morgen grinsen sie mich an. Ich versuchte schon, sie auszuhungern. Sie bekamen so gut wie nichts mehr zu essen, was anstrengend war. Eine Kontaktsperre zum Kühlschrank gab und gibt es ja nicht! Das half- kurzzeitig. Sie verschwanden für einige Tage, um dann ganz frech wieder aufzutauchen. Und das in Momenten, wo ich nicht mit ihnen rechnete.
Um ihnen beizukommen, musste ich meine Taktik ändern.
Ich arrangierte mich mit ihnen. Wir schlossen einen Pakt und -welch ein Wunder- sie hielten sich dran.
Bis heute!
Wir einigten uns, dass sie jetzt zu mir gehören, es kein Verstossen mehr von meiner Seite gibt. Vom Lieben bin ich allerdings meilenweit entfernt!
Morgens begrüssen wir uns, ich oftmals unwirsch. Abends sagen wir uns ‚gute Nacht‘- auch nicht unbedingt fröhlich. Wenn ich ganz ehrlich bin, hasse ich sie noch immer.
Sie aber sind glücklich über den neuen Zustand, denn sie möchten unbedingt dazugehören. Die Rolle der notorischen Störenfriede war auch für sie undankbar. An besonderen Ereignissen ziehen sie sich zurück, tatsächlich sind sie dann nicht sichtbar. Wie sie das wohl machen? Oder will ich sie in besonderen Momenten nur nicht sehen?
Ich weiss natürlich, dass sie da sind, meine Lilly und meine Cilly, meine beiden „Speckröllchen“.

Inzwischen gehören sie richtig zu mir und wenn ich ehrlich bin, mag ich sie auch. Deshalb bekamen sie einen Namen. Und das Verrückte an der Sache ist, von Aussenstehenden werden sie oftmals wenig wahrgenommen oder als störend empfunden.
Würde ich sie weiterhin aushungern, was würden sie wohl machen? Richtig!
Lilly und Cilly würden sich in ihre Speckfäustchen lachen.
Laut und lange.

Corona-Splitter (28)

Erinnerungen

Ich bin gegen Krieg und gegen jegliche Aggressionen. Punkt.
Es ist Krieg in Europa.
Sieben Jahre nach dem zweiten Weltkrieg geboren, dachte ich, dass ich das selbst nicht mehr erlebe. Bis jetzt bin ich nicht betroffen, was sich ändern kann. Noch gibt es keinen Mangel. Auch das wird sich ändern.
Die Erinnerungen an die späten Nachkriegsjahre sind lückenhaft. Manches läuft wie ein Film ab, Geräusche rufen Erinnerungen hervor und vor allem Kälte ist für mich stark präsent. Ich habe oft gefroren und vermute heute, dass es auch eine emotionale Kälte war, der ich ausgesetzt war. Wir waren fünf Geschwister in kurzen
Geburtsabständen, da gab es andere Schwerpunkte, um das Leben zu meistern.
Teilweise wurden wir als Kinder ausgegrenzt, weil wir so anders waren, oft nicht mithalten konnten bei den materiellen Dingen und später bei den Schulausflügen.
Diskriminierungen gab es immer und auch jetzt gibt es welche.
A b e r – ein Mensch ist immer ein Mensch!
Meine Gedanken sind bei den vielen Flüchtlingen und ich hoffe, dass sie zurück in ihre Heimat können. Irgendwann.

Ich hörte heute, dass russische LKW- Fahrer ausgegrenzt werden und bin entsetzt. Sie stehen auf Parkplätzen und kommen nicht weiter, da das Geld auf den Banken eingefroren ist. Kein Sprit und keine Nahrung. Sie haben den Krieg nicht angezettelt. Sie sind Menschen.

Ende der fünfziger Jahre hatte ich Erlebnisse mit Russen-Autos.
Wir wohnten in der Nähe einer deutschen und einer Russen-Garnision, die nebeneinander lagen. Meine Mutter arbeitete in der deutschen als Sekretärin und ich holte sie manchmal ab. Der Weg war weit, Geld für den Bus hatte ich nicht. Manchmal hielt ein russisches Militär -Auto an und ich wurde gefragt, wohin ich will und ob ich mitfahren möchte.
Ich fuhr immer mit.

Ich erinnere mich an den intensiven Tabakgeruch, sehe die schweren Stiefel und den Stern an den Mützen und erinnere mich an die Freundlichkeit der Russen. Sie sangen ihre schwermütigen Lieder und gaben mir Mischka-Konfekt.
Eigenartigerweise hatte ich nie Angst.
Wenn ich heute darüber nachdenke, kann ich mir schwer vorstellen, dass ich so unbedarft war.
Solch eine kindliche Unbedarftheit gibt es heute nicht mehr. Die Kinder von heute sind meist extrem behütet und selbst das Spielen auf der Straße wird als Gefahr angesehen. Ich vermute, dass es dafür Erfahrungen gibt.

In der fünften Klasse hatte ich wie alle eine russische Brieffreundin. Swetlana wohnte in Wladiwostok. Wir schickten uns Sonnenblumenkerne und Bonbonpapier, malten Blumen auf Briefpapier und warteten sehnsüchtig auf Post. Sie schickte mir ein rotes Halstuch, auf das ich stolz war.

Ich denke, jeder hat Kindheitserinnerungen, die in der heutigen Zeit lebensfremd anmuten, man sich teils nicht vorstellen kann.
Ich wünsche mir, dass die ukrainischen Kinder wieder in ihre Heimat zurückkehren können und eine Kindheit haben, an die sie sich gern erinnern.

Es ist immer noch ein Corona-Splitter!!

Unser Gesundheitsminister hat heute wieder vor Optimismus gewarnt.
„Wir müssen mit einer Sommerwelle rechnen“, sagte er und dass er es für möglich hält, dass das Coronavirus noch für mehrere Jahrzehnte bleibt.
Wer hätte das gedacht.

Corona-Splitter (27)

Melancholie in Rubin

Vor einigen Tagen bekam ich eine Rose geschenkt. Ich war überrascht und erfreut zugleich. Inzwischen ist sie leicht verblüht und ich schaue etwas melancholisch auf die Blüte. Das Wetter ist typisch für den Februar, nasskalt und trist.

Melancholie – die positive Traurigkeit
I’ve got the blues …
Wer kennt solche Tage nicht: Man ist schwermütig und hat nahe am Wasser gebaut. Beinahe ist es, als ob sich ein feiner Schleier über die Seele gelegt hat, der alles in einem traurigen Licht erscheinen lässt. Keine Lust auf Smalltalk mit Freunden, der in diesen Zeiten eh schwierig ist, lieber allein sein , den Gedanken nachhängen, tagträumen.
In unserer heutigen Spaßgesellschaft scheint dieser Zustand fast etwas „Uncooles“, etwas Anormales, ja Krankhaftes an sich zu haben. Daher kommt auch die weit verbreitete Meinung, dieser Zustand müsse mit allen Mitteln bekämpft werden. Wirklich?
Nicht unbedingt.
Ich werde in mich hineinhören und versuchen, herauszufinden, ob es eine Ursache für diese Stimmung gibt.
Frage steht: Warum mag ich Rosen und keine Nelken?
Mit Rosen oder besser mit EINER Rose verbinde ich ein Erlebnis Mitte der 70iger Jahre in Leipzig.
Das Studium war erfolgreich abgeschlossen und ich arbeitete in einem Berliner Lebensmittelbetrieb, der u.a. Mayonnaisen produzierte, deren Fettgehalt reduziert werden sollte.

Dazu gründete das Ernährungsinstitut Potsdam-Rehbrücke eine Arbeitsgruppe, in die ich berufen wurde. Wir trafen uns regelmäßig und stellten die Ergebnisse vor. Als Ziel diente uns ein ähnliches Produkt wie MIRACEL WHIP, eine fettreduzierte Salatsauce aus der BRD. Das fertige Produkt bei uns hiess später Salatcreme.
Als Abschlussveranstaltung für dieses Projekt war in Leipzig eine Weinverkostung mit einem Kulturprogramm organisiert. Eine Nacht im Hotel Stadt Leipzig inclusive!
Alkohol gehörte damals nicht unbedingt zu meinen Grundnahrungsmitteln und ich vertrug wenig oder besser gesagt, nichts. Am Abend kamen Weißweine, Rotweine und zum Abschluss einen Rotkäppchen Sekt mit entsprechenden Erklärungen zur Verkostung. Zur Geschmacksneutralisierung wurde Weizenbrot gereicht.
Da mein Zug Verspätung hatte, verpasste ich das Essen davor und trank sozusagen auf leeren Magen. Die Wirkung trat sofort ein! Ich wurde übermütig und als ein Schlangenbändiger mit einer lebigen Schlange auftrat und in die Menge rief, wer denn diese Schlange um den Hals gelegt bekommen will, meldete sich niemand.
Doch. Eine. Ich. Ich meldete mich!

Ein sicheres Zeichen dafür, dass ich definitiv nicht mehr nüchtern war.
Ich erinnere mich, dass ich keinerlei Angst hatte und immerzu mit dem Bändiger lachte, fast ein wenig flirtete, die Schlange um den Hals zu liegen hatte und das Publikum amüsiert klatschte.

Daran, wie ich in mein Hotel zurückgekommen bin, erinnere ich mich nur bruchstückhaft. Ganz sicher weiß ich, dass ich am nächsten Tag weit nach 11 Uhr aufwachte, mir kotzübel war, ich mich mehrfach übergeben und das Zimmer für diesen Tag bezahlen musste,
Als ich endlich aus meinem Zimmer trat, lag vor der Tür eine rote Rose, langstielig und wunderbar dunkelrot.
Ich erfuhr nie, wer der edle Spender war.

Inzwischen hat sich ein Lächeln in mein Gesicht geschlichen und die melancholische Stimmung vertrieben. Vielleicht ist das nicht unbedingt eine Erinnerung, die für mich spricht, aber sie gehört zu mir. Was wäre das Leben langweilig, wenn ich nicht auch auf solche Begebenheiten zurückblicken könnte. Deshalb werde ich mit mir darauf anstoßen. Womit?

Mit einem Glas Rotkäppchen Sekt, Sorte Rubin – womit sonst?

Corona-Splitter (26)

Solche Tage und die Resilienz

Die Pandemie hat uns nach wie vor im Griff. Man spricht davon, dass der Frühling Erleichterungen bringen wird. Wettermässig auf jeden Fall. In einer Seitenstraße fand ich diese Winterlinge. Der erste Vorbote einer angenehmeren Zeit?

Immer wieder lese ich, dass jetzt Resilienz gefragt ist. Dabei handelt es sich um einen Begriff aus der Psychologie, der die Fähigkeit beschreibt, u.a. Krisen zu meistern, ohne sich davon dauerhaft unterkriegen zu lassen. Statt ohnmächtig und hilflos das eigene Leben zu betrachten und in Selbstmitleid zu versinken, verhilft Resilienz dazu, weiterzumachen und das Tief zu überwinden.
Ich gehöre zur großen Gruppe der Rentner, für die, Gesundheit und materielle Sicherheit vorausgesetzt, die Pandemie leichter zu ertragen sein soll. Der Genuss des natürlichen Erwachens lässt die Tage meist stressfrei beginnen. Dann beginnt der Alltag, der gestaltet werden will. Ab da wird es schwierig , da vieles nur begrenzt oder gar nicht möglich ist. Schwimmen? Ja, ist möglich, in der Ostsee. Etwas kühl, sicher, man gewöhnt sich daran, wenn man im September nicht mit dem Baden aufhört hat. Seit Wochen keine Kultur im ganzen Mecklenburger Land trotz guter Konzepte. Das ständige Testen hält von vielen Aktivitäten ab. Jetzt ist Fantasie gefragt!

Ich bin ein kontaktfreudiger Mensch und lechze nach spontanen Begegnungen.
Ein guter Ort dafür ist unser Wochenmarkt am Samstag. Da er fast vor unserer Haustür stattfindet, benötige ich maximal 1/2 Stunde, um meine Einkäufe zu erledigen. Was heißt benötige?
Benötigte muss es heißen, denn das ist inzwischen einer der wichtigen Ort für Begegnungen! Oder sollte es sein, denn auch der Markt findet mittlerweile immer reduzierter statt. Mehrere Händler haben ihr Kommen eingestellt. Nunmehr ist alles sehr übersichtlich.
Während ich früher ein schnelles HALLO rief, traf ich auf Bekannte, bleibe ich jetzt stehen und beginne eine Unterhaltung oder lasse mich in eine verwickeln.

Am Stand von Sybille, meist mein erster Stopp, kaufe ich ’nen Sack Kartoffeln, ’n paar Karotten, Rosenkohl und frische Eier, erfahre, dass es dem Gatten gut geht, der Hühnerverkauf läuft und dann noch: „… du weißt schon!“
Letzteres dauert länger und ich bin bemüht, den Gesprächsfluss zu stoppen, da die Schlange hinter mir schon lang ist.
„Komm nachher nochmals vorbei“,
höre ich sie sagen „… dann erzähle ich den Rest“. Mal sehen.

Weiter geht’s an meinen Lieblingsstand mit Wildfleisch. Ah, der Chef ist selber da, ein attraktiver Mitt40iger, der immer freundlich ist. Heute mit Hut- wow!
„Ich habe ich Filet von Hirsch und Reh!“, begrüßt er mich. Das klingt gut. Ich entscheide mich jedoch für Wildschweinschulter , weil ich Gulasch zubereiten will. Insgesamt wird aber Reh und Hirsch bevorzugt, meint er. Egal, diese Woche gibt es Gulasch. In einigen Teilen von Deutschland dürfen wegen Afrikanischer Schweinepest keine Wildschweine geschossen werden. Aber auch dort, wo der Abschuss möglich ist, reichen Abschussprämien nicht, um die Wildschweinbevölkerung unter Kontrolle zu bekommen. Einige Dorfbewohner können den Wildschweinen beim Durch-Ackern der Böden in ihren Vorgärten zusehen, wo sie mit der ganzen Familie auftauchen. Zusammenhalt in der Familie zählt auch zur Resilienz.
MVP ist noch nicht betroffen, aber die Schweine werden vor der Zerlegung auf ASP untersucht. Problematisch ist, dass das Ergebnis erst nach ein paar Tagen vorliegt. Der Aufwand insgesamt ist größer, was sich in den Preisen niederschlägt. Das wiederum wird nicht immer akzeptiert und muss mit den Kunden ausdiskutiert werden. Schwierige Situation! Ich sage zu ihm, dass ihm das mit seinem Charme sicher gelingt und verabschiede mich bis zur nächsten Woche. Er lächelt etwas schwach.

Dem Mann mit den gletscherblauen Augen vom Broilerstand winke ich nur zu. Er lacht und winkt zurück.
Heute ist es ungewöhnlich ruhig und ich bin tatsächlich nach einer halben Stunde wieder zuhause. Für heute ist ein Orkan angekündigt. Kann sein, dass es daran liegt.
Zuhause die Info, dass das Treffen mit den Freundinnen wegen der Sturmwarnung ausfällt. Auch das noch! Wie soll ich da die sieben Säulen der Resilienz aufbauen?

Realismus kombiniert mit Akzeptanz der Situationen ist noch am ehesten möglich.
Optimismus verlieren, würde heißen, alles verlieren. Also optimistisch bleiben und den Geist etwas anstrengen, immer nach dem Spruch: Wenn ICH nichts tue, dann passiert auch nichts!

Corona-Splitter (25)

Ausgebremst

Ein operativer Eingriff hat meine Inspirationsquelle für das Verfassen der »Splitter«, das Radfahren, einige Zeit ausgebremst. Es fällt mir schwer, ruhig zu Hause zu bleiben, aber wenn der Doktor das so sagt, dann mache ich das, so, wie ich immer alles mache, was man mir sagt. Oder so ähnlich.
Heute Morgen las ich in der Zeitung, dass die Pandemie einen regelrechten Sauna-Boom ausgelöst hat. Öffentliche Saunabäder mussten monatelang schließen, dafür verkauften Hersteller zunehmend Saunen an Privatleute. Wir gehören zu dieser Gruppe und waren also Trendsetter im letzten Sommer!
Ich erinnere mich, dass es nicht so einfach war, einen Lieferanten zu finden, da das Holz knapp war. Fündig wurden wir bei einem russischen Lieferanten, der das Material aus Karelien bezog. Specksteine aus Karelien! Immer etwas Besonderes, die Frau W., meinte eine Freundin.
Einer der erfolgreichsten Tischler aus dem Ort hatte ein Zeitfenster zur Anfertigung einer Überdachung für die Sauna. Wunderbar!

Lieferung und Aufbau erfolgten an einem Tage. Gesprochen wurde nicht viel, einfach deshalb, weil wir unsere Russischkenntnisse teilweise vergessen hatten und die Monteure so gut wie kein deutsch sprachen. Kommunikation erfolgte über den Brigadier, was völlig ausreichte. Kaffee und Snacks kann man gut ohne Sprachkenntnisse reichen. Natürlich hätten wir die Sauna auch selbst aufbauen können. Immerhin hatte mein Mann als Kind einen Stabilbaukasten. Aber wir wollten den Sommer noch genießen und die Leute waren hochmotiviert.

Auch der Elektriker konnte das Anschließen kurzfristig einschieben, so dass die Sauna relativ schnell einsatzfähig war.

Ein Problem war und ist die Wasserbereitstellung, da wir keinen Anschluss im Garten haben.
Sollte das ein Problem sein? Eher nicht. Die Regentonne ist meist gut gefüllt, Gießkanne und Schöpfkelle liegen bereit.

Aus dem Bekanntenkreis gab es mehrere Vorschläge, wie wir die Wasserzufuhr gestalten könnten. Vielleicht setzen wir einen der Vorschläge um. Irgendwann.

In Finnland gehört die Sauna zum Alltag wie das Zähneputzen.
Von einer guten Blutzirkulation profitiert neben dem Herz auch das Gehirn, las ich. Ein möglicher Grund, warum extreme Saunagänger ein um 66 Prozent niedrigeres Demenzrisiko haben. Finnische Forscher vermuten außerdem, dass verringerte Entzündungsprozesse das Hirn schützen. Denn bestimmte Entzündungsfaktoren treten bei Saunagängern in niedrigerer Konzentration auf. Noch ein Grund, regelmäßig die Sauna zu besuchen.

Wer ist wer und wann war wo?

Verschiedene Studien bescheinigen der Schwitzkur geradezu Wunderkräfte für die Gesundheit und besagen, dass Saunieren sogar schöner macht. Die Frage steht: Noch schöner?
Auf jeden Fall ein Grund, ein kollektives Saunieren zu veranstalten, denn in der Gruppe ist der Spaßfaktor doppelt so hoch.

Zwei meiner Freundinnen waren sofort bereit, sich mit mir in die Sauna zu setzen, Wasser auszuschwitzen und sich im Garten mit dem Wasser aus der Tonne zu übergießen. Ich weiß nicht, wie die Nachbarn das hysterische Quieken und unbändige Lachen gedeutet haben, das an einem frühen Abend vom Hof erschallte.
Die Zeit zwischen den Außengüssen konnte für einen inneren Aufguss genutzt werden: ein Crémant geht immer! Kleine gesunde Snacks rundeten die Pause ab und dann erfolgte der zweite Gang.

Zu dritt verging die Zeit wesentlich schneller, als wenn wenn ich allein in der Sauna meiner Gedankenflut nachhängen würde.

Mit rosigen Gesichtern und samtener Haut saßen wir später am Tisch und verputzten ein „Spreizhuhn“ aus dem Backofen. Die Stimmung war gut und wir sagten wie früher in der KNORR-Werbung:

Das machen wir mal wieder!

Corona-Splitter (24)

Das neue Splitter-Jahr

Zwei ereignisreiche Wochenenden sind fast vorüber. Allgemein und in den Medien nannte man sie Weihnachten und Jahreswechsel. Aber letztlich waren es verlängerte Wochenenden, da der Freitag normalerweise Arbeitstag ist.
Der größte Unterschied zu einem normalen Wochenende war das Essensangebot.
Stand Deutschland vor einem Hungertod? Nein, natürlich nicht, es galt einfach, sich etwas Besonderes zu gönnen und das Besondere können eben auch viele Kalorien sein. Am ersten der Wochenenden gab es für die meisten Geschenke, die unter einem Baum lagen. Für einige nicht.
Hatten sie es nicht verdient? Doch, das hatten sie. Es waren entweder keine Schenker da oder aber sie hatten den Geschenken abgeschworen.
Jeder hat für diese Zeit andere Traditionen und für mich beginnen diese Völler-Tage mit einem Karpfenessen.
Schon der Gang zu dem ambulanten Verkaufsstand vor dem Ort löste Vorfreude aus. Ah, sehr gut, der Verkäufer war immer noch der gleiche und er grinste, als er mich sah.
»Wie immer?«, hörte ich ihn fragen und er begann mit dem Kescher die Karpfen umzuwühlen. Drei, die das eventuelle Gewicht hatten, schöpfte er aus dem großen Bottich und kippte sie in den kleinen. Einer der Karpfen wollte entkommen und sprang heraus.
Er hatte keine Chance!

Gefühlsmäßig war halb Deutschland in das Fischerdorf gereist, um die Tage hier zu verleben.
Trotz der Corona-Beschränkungen!
Vom Versorgungsmarkt, der ursprünglich Weihnachtsmarkt hieß, ertönte lautes Gelächter und die Schlangen an den Glühweinständen waren lang. Die kleine Eisenbahn sprühte zur Freude der Kinder Funken, wenn sie kreischend um die Kurven fuhr.

Das Wetter spielte mit. Es schneite und der Schnee blieb fast zwei Tage liegen. Die Temperaturen fielen in den Minusbereich. Es herrschte Sturm, der das Wasser weit an den Strand drängte, wo es gefror. Fast alle hatten die Idee, einen Strandspaziergang zu unternehmen. So stelle ich mir eine Völkerwanderung vor. In Zweier- und Dreierreihen marschierten die Besucher und Einheimischen von der Mole Richtung Wilhelmshöhe und zurück. Einen Stopp gab es an der Eisbahn, wo es für die Ungeschickten Ausrutscher gab. Erster Vorgeschmack auf den Rutsch in das neue Jahr? Vielleicht nicht ganz.

Am zweiten Wochenende war die Stimmung genauso gut. Inzwischen fand ein kleiner Wechsel der Besucher statt. FeWo sollen ausgebucht gewesen sein. Das Wetter spielte nicht mehr so richtig mit- sehr regnerisch! Aber Glühwein geht immer und der Versorgungsmarkt war nach wie vor offen.

Die Strassen voller Menschen, die ein Lächeln oder eine Maske im Gesicht hatten.
Das neue Jahr konnte kommen, die Menschen waren für den Empfang bereit.
Und tatsächlich: Pünktlich am 31.12.2021 um 24 Uhr ertönten die Kirchenglocken und läuteten es ein, das Jahr 2022!

PS.
Prominente Virologen sehen Anlass für vorsichtigen Optimismus bei der weiteren Entwicklung der Corona-Pandemie in Deutschland. Es kann passieren, dass es eine Entwicklung von der pandemischen in die endemische Situation geben wird.
Das hiesse, dass sich das Virus zwar weiterhin verbreitet, aber weniger gefährlich ist, etwa vergleichbar mit typischen Erkältungsviren, zu denen auch andere Coronaviren zählen.

Wer hätte das gedacht?!

Corona-Splitter (23)

Weihnachten 2021

In diesem Jahr wird das Weihnachtsfest sicherlich etwas anders verlaufen.
Die Pandemie und ihre Einschränkungen treffen viele und verlangen ein Umdenken. Familienbesuche werden schwierig, teils unmöglich sein.

Etwas, das da ist und immer da sein wird, ist für mich das Meer.
Es saugt meine Gedanken ein, zieht sie hinaus auf das Wasser und spuckt sie als Wellen wieder aus, nunmehr verändert.
Besser? Schlechter?
Wer will das beurteilen. Anders sind sie, die Gedanken und das ist gut so, weil es eine andere Sicht auf das gleiche Problem ermöglicht.

Ich werde am Heiligabend, am späten Nachmittag, nach der Thermoskanne mit dem Glühwein oder vielleicht nach Champagner greifen, mich winterfest ankleiden, in die Wohnung rufen:
“Hast du die Gläser eingepackt?”, und ein sonores JA als Antwort hören.
Wir werden an den Strand laufen und unsere Wünsche in verschlüsselter Form dem Meer übergeben. In dieser Form deshalb, damit das Meer sie entschlüsselt und so zurückgibt, wie wir es uns wünschen.
Aber- will ich, dass jeder Wunsch erfüllt wird? Ist nicht manchmal der Weg das Ziel?
Meine Gedanken werden auch bei den Menschen verweilen, die erkrankt sind und auf Genesung hoffen.
Am Meer angekommen wird es vielleicht, wie so oft im Dezember, ruhig sein. Ganz leise wird das Wasser an den Strand plätschern, irgendwie gesättigt, träge und unfähig, irgendwelche Wünsche zurückzugeben.
Wir werden etwas trinken und später langsam zurücklaufen mit Blick in fremde Wohnungen, werden die leuchtenden Weihnachtsbäume sehen, Familien, die am Tisch sitzen und Geschenke auspacken und wir werden einsame Leute sehen, die auf den Fernseher starren.
Das alles wird in die Klänge der Kirchenglocken eingehüllt sein.
Zuhause wartet ein Karpfen aus einem Mecklenburger See auf seine Zubereitung, ein Ritual, das bleibt, egal, ob uns gerade ein Virus beschäftigt.

Frohe Weihnachten!

Corona-Splitter (22)

Schwärmereien

Kürzlich liefen zwei Mädchen im Park vor mir und unterhielten sich. Eine der Beiden blieb plötzlich stehen, sagte laut und fast etwas entrüstet zu ihrer Freundin:
“Du schwärmst wirklich für den, nicht dein Ernst, oder!!?“
Etwas erschrocken drehte sich die Sprecherin um, bemerkte mich und beide liefen schnell weg.
Das Wort ‚schwärmen‘ setzte sich in meinem Kopf fest und brachte mich zum Nachdenken.
Schwärmen wird oft mit Verliebtsein verwechselt, ich vermute, weil die Übergänge fließend sind. Aus einer Schwärmerei kann sich mehr entwickeln. Muss aber nicht. Der Unterschied zum Verliebtsein besteht vielleicht darin, dass eine Verliebte(r) nicht tatenlos schmachten möchte, sondern versucht, der(dem) Angebeteten näher zu kommen. Dem oder der Schwärmenden genügt ein Anhimmeln aus der Ferne. Die Vorteile liegen auf der Hand. Nur so können dauerhaft eigene Wünsche und Vorstellungen auf die andere Person und die imaginierte Beziehung projiziert werden. Das Ideal wird nicht der Konfrontation mit der Wirklichkeit ausgesetzt.

Ich erinnerte mich an eine Jugendschwärmerei und musste lächeln.

An meinem ersten Tag auf der Erweiterten Oberschule rutschte ich auf der Treppe aus und schlug mir an der eisenbeschlagenen Treppenkante das Knie auf.
Es war das rechte Knie mit der großen Brandnarbe auf der Kniescheibe. Der Schmerz ließ mich zusammenzucken und aufschreien. Das Blut schoss aus der Wunde und ich wimmerte noch mehr. Eine fremde Hand ergriff meinen Arm und zog mich hoch. Ich blickte in das Gesicht eines Jungen, der mich aufmerksam musterte und fragte: „Alles ín Ordnung? Kannst du laufen?“
Ich starrte ihn wie hypnotisiert an, verschluckte meine Tränen und nickte. Sprechen konnte ich nicht. Was er wohl von mir denken mochte? Wie sah ich nur aus? Das Gesicht verheult, die Augen dick und rot und dagegen er! Wie kann man als Junge nur so schöne Haare haben, dachte ich auf dem Weg zum Sekretariat, um mir ein Pflaster zu holen.
Ich hatte mich in diesen schlaksigen Jungen mit den langen, blonden Haaren aus der Zwölften sofort verguckt. In den Pausen, während wir die Klassenzimmer wechselten, versuchte ich immer, einen Blick auf ihn zu erhaschen.
Er nahm keinerlei Kenntnis von mir.
Wenn wir Hofpause hatten und um den Schulteich marschierten, wollte ich in seiner Nähe sein, seine Blicke auf mich ziehen. Nichts, er sah mich nie an.
Jedes Jahr fand im Treppenhaus ein Treppenfest statt.
Die Frage der Kleidung gestaltete sich für mich etwas schwierig, da kein Geld für Kleidung außer der Reihe vorhanden war. Da brauchte ich mit dem Wunsch nach etwas Neuem zum Anziehen gar nicht erst kommen. Ich war uneinsichtig und bockig, so wie man mit 14 Jahren ist. Ein Kleid von der Mutter meiner Freundin, das viel zu weit war, wurde mit einer Naht auf dem Rücken enger gemacht und ich fand, dass es mir steht und ich auch etwas älter aussah.
Auf dem Fest versuchte ich, immer mit dem Rücken zur Wand zu stehen, weil die Naht recht liederlich war.
Mein Schwarm kam mit seinen Kumpels und ließ den Blick schweifen. Bei mir blieb er hängen. Sollte er mich meinen? Endlich!
Aber nein, hinter uns kam ein anderer Freund von ihm, dem die Blicke galten.
Irgendwie hatte ich mich schon fast von meinem Traum verabschiedet, war enttäuscht, als über den Lautsprecher die Aufforderung zur Damenwahl kam.
Damenwahl… Damenwahl… wie durch einen Schleier hörte ich es und dachte, oh Gott, das ist deine Chance! Jetzt oder nie! Du musst ihn auffordern… einfach hingehen, jetzt!
Wie im Trance ging ich zu ihm hin und bat mit total heiserer Stimme um den Tanz.
Die Gespräche um ihn verstummten, er schaute vollkommen verdutzt auf mich herunter, lächelte verlegen, schaute zur Seite, schaute mir wieder ins Gesicht und sagte:
„Gut, komm mit!“

Und dann tanzte ich mit ihm. Ich, die nicht tanzen konnte, bewegte mich wie eine, die meinte, tanzen zu können. Ich vergaß die liederliche Naht an meinem Rücken, vergaß meine Umwelt. Ich tanzte! Mit ihm! Er hielt die drei Titel durch und brachte mich dann zu meiner Freundin zurück. Ich war einfach nur glücklich.
Wenn wir uns später im Schulhaus trafen, schaute er sofort weg. Gerne hätte ich mit ihm gesprochen, über diesen Tanz, über irgendetwas, einfach nur sprechen. Mit fehlte der Mut für einen zweiten Anlauf und irgendwann war es vorbei mit meiner Schwärmerei.
Jahre später, als ich in Berlin an der Humboldt-Universität studierte und auf einem der seltenen Wege nach Hause war, traf ich ihn im Zug. Er drängelte auf mich zu und fragte, ob ich mich an den Tanz erinnere, an das komische Kleid, das ich anhatte. Und wie ich mich erinnerte. Sollte ich ihm von meiner Schwämerei erzählen?
Nein, es war meine Erinnerung und das sollte sie bleiben.

Die Kinos sind wieder geschlossen und deshalb wird das Kopfkino aktiviert.
Es sind nicht die schlechtesten Film, die da ablaufen.

12j21w

Corona-Splitter (21)

Lust

Hätte mir vor einem halben Jahr jemand gesagt, dass ich mal mit Lust und Freude im Dezember bei diesigem, feuchtem und kaltem Wetter das traute Heim voller Elan verlasse, hätte ich laut gelacht und abgewinkt. Ausgerechnet ich, die nie eine Freundin von Spaziergängen war?

Aber nun, wo ich Kijimea kenne … oh🤫 – etwas stimmt jetzt nicht?
Das ist doch die Lieblingswerbung unseres Staatssenders ARD um kurz vor 20 Uhr? Die ich selbstverständlich kenne, da für Leute wie mich gemacht👍

Nein, ich meine natürlich den Zeitpunkt, seit ich mich mit Geocaching infiziert habe!

Es gibt noch viel zu finden! Aber es leuchten schon einige Smileys, die gefundene Caches anzeigen.

Drei Stunden streiften wir heute durch die feuchtnasse Gegend, Blick nach unten gerichtet, Äste und Herbstlaub wegstreifend, immer mal wieder in Brombeergestrüpp hängenbleibend und außer dem schmatzenden Geräusch, wenn Schuh in Pfütze taucht, nichts hörend.
Ist das Spaß? Sicher nicht ständig!
Aber ab und an, wenn ich einen Cache gefunden habe ( heute zwei von vier!!!) mich mit steifem Rücken aufrichte und den Blick schweifen lasse, nunmehr zufrieden und wenn dann direkt vor mir die Fähre einläuft, ja, dann stellt sich ein Glücksgefühl ein.

12j21w

Corona-Splitter (20)

Wahrnehmungen

Der November hat mich fest im Griff.
Als ich aus dem Haus trete, hüllt er mich in sein diffuses Licht ein und lässt die feuchte Kälte am Körper hochkriechen. Die Tage sind inzwischen kurz, die Abende werden immer länger.
Genauso wie seit gestern die Schlangen an den Teststationen, die den notwendigen Test für das 3G und 2G+ Leben ausstellen.
Ganz leise hat sich das nächste Virus mit dem Namen OMIKRON (eine Erweiterung des griechischen Buchstaben OMEGA) aus Afrika angeschlichen, noch besorgniserregender und mit noch mehr Mutationen als Delta. Diese ‚Schlangen‘ an den Testzentren werden uns also die nächste Zeit begleiten.

Mit dem Rad fahre ich gen Küstenwald, parke es auf der Promenade und wandere in den Wald. Um die Taille habe ich meinen
PRO-X WALKER, eine ‚Mutation‘ der Nordic-Walking-Stöcke und beginne mit der Arm-Arbeit.

Das Laub raschelt, leicht modriger Geruch, ansonsten ist es still. In der Ferne rauscht das Meer, idyllisch das alles.
Interessant, was ich alles wahrnehme, mit welchen Sinnen und wie ich darüber in meinem Inneren kommuniziere, sozusagen meine Welt in einem inneren Gespräch aufrechterhalte. Die Welt ist so und so, nur weil ich mir sage, dass sie so und so ist. Wenn ich mein Selbstgespräch unterbreche, ist die Welt so, wie sie sein sollte.
Klingt etwas kompliziert.
Natürlich nehme ich nicht alle Reize wahr, sondern meist nur die, die eine Empfindung hervorrufen

Ich laufe einen der Strandzugänge hinab zum Meer. Nun kommen der Geruch des Salzwassers mit Tang und das Geräusch der Wellen hinzu. Auch das Laufen durch den Sand und die Steine erzeugt ein Geräusch.
Eine Rose liegt am Strand, herangeschwemmt von einer Seebestattung. Meist finde ich Strelitzien, seltener Rosen. Mein Kopfkino arbeitet sofort.
Ich vermute, dass ein Ehepartner(in) verstorben ist, denn es darf nur eine Blume zum Abschied in das Meer geworfen werden.

Einer der mutigen FKK-Winterbader steigt aus den Fluten und seine zwei Hunde springen an ihm hoch. Ich beginne etwas zu frieren. Nein, lacht er, als ich frage, ob die Hunde noch baden gehen. Sie springen an mir hoch und ich halte ganz still. Schnell sind sie wieder weg, ich bin uninteressant für sie.

Uninteressant …
Da fällt mir eine Begegnung ein.
Im November vor einigen Jahren besuchten wir Weimar. Auch damals war es neblig und kalt. Dadurch, dass es viel zu sehen gab, wir Theaterkarten hatten, nahmen wir es weniger wahr. Nach einem Stadtrundgang suchten wir ein Café, um uns aufzuwärmen und etwas zu essen. Die Suche gestaltete sich schwierig und letztlich fanden wir eine Bäckerei, wo schon mehrere Leute anstanden. Der Gatte verschwand, um noch zu fotografieren und ich stand allein an. Ein mittelalter Mann mit Pudelmütze, die sein längeres, lockiges Haar nur knapp bedeckte, stand vor mir und wir kamen relativ schnell ins Gespräch. Ob ich auch nur zu Gast sei in der Stadt, ja, bin ich, was ich schon alles gesehen habe und wo ich unbedingt noch hinsollte, das Gespräch plätscherte dahin. Ich fühlte mich wohl und nahm an, er auch. Dann standen wir im Innenraum der Bäckerei, schauten in die Vitrine und nach freien Plätzen. Wir lachten viel.
Kurz bevor ich dran war, nahm ich meine Mütze ab und wuschelte durch die Haare.
Der Mann schaute mich an, fast erschrocken und drehte sich weg. Wir sprachen kein Wort mehr.
Seine Wahrnehmung hatte ihn getäuscht.
Nein, diese Frau war definitiv zu alt. Wofür auch immer😉!
Was dachte ich? Ich dachte, die einfache Creme für das Gesicht reicht völlig aus, macht jünger, vielleicht künftig einfach die Mütze aufbehalten?

Irgendwie neigen wir alle dazu, uns unsere Welt schönzureden.

11j21w

Corona-Splitter (19)

UNO

Corona-Splitter (19) soll die Kurzgeschichte zu Splitter (18) werden. Schwierig?

Eher weniger. Frage ist nur, wo der Schwerpunkt liegt.
Würde ich sie aus der Erwachsenensicht und vielleicht noch aus der Sicht meiner Frauengruppe schreiben, dann wäre sie, ja, sie wäre irgendwie ganz anders. Würden da erpresserische Anrufer auftauchen und auf eine aus unserer Gruppe treffen, tja, das wäre lustig.
Für uns, nicht für den Erpresser.
Wir, die meist bei Zusammenkünften in guter Stimmung sind, würden es als Herausforderung sehen, die wir -natürlich- gut meistern . Immerhin hätte jede von uns ein halbes Glas Sekt intus und deshalb eine lockere Zunge.
Mehrere von uns haben Enkel*innen und deshalb wäre es schwierig, uns zu erpressen.
Aber die Geschichte soll für die beiden Enkelinnen sein und da brauchte es einen neutralen Kommunikator.

Das soll der Hund UNO sein.
Hier meine kleine Geschichte:

Wie ihr auf dem Foto seht, bin ich ein kleiner Hund, ein Havaneser, und heisse Uno. Den Namen gab mir die Enkelin Sophie von Oma Betty. Sophie meinte, UNO heißt auf Spanisch und Italienisch ‚Eins’ und das ist der erste Hund. Oma Betty heißt Elisabeth Schreiber, aber alle nennen sie Oma Betty. Die Idee, dass ich zu ihr komme, hatten Sophie und ihre Mama. Sie meinten, Oma braucht Gesellschaft, weil sie allein und weit weg wohnt. Beide suchten einen Hund und sahen mich im Tierheim.
Sophie fand mich sofort ganz süß. Sie fragte nach, ob sie mit mir Gassi gehen darf und wir wanderten zu ihrer Oma.
So richtig begeistert war Betty nicht von der Idee. Was soll sie mit einem Hund? Der will ständig Gassi gehen, frisst viel und gekämmt werden muss er auch noch.
Aber dann sah sie mich!
Wir schauten uns an und wussten, wir werden uns lieben. Ich bin ein richtiger kleiner Racker, ein Familienhund, bin nicht gern allein zuhause, will überall mitgenommen werden und ich kuschle gern. Betty wuschelte durch mein Fell und ich hielt ganz still.
»Wie weich sein Fell ist?«, rief sie ganz aufgeregt und nahm mich auf den Arm. Normalerweise mag ich das nicht bei Leuten, die ich nicht kenne, aber bei Betty fühlte ich mich sofort wohl. Wieder auf dem Boden, blieb ich an ihrer Seite.
Ich wollte nicht mehr weg.
Sophie regelte alles mit dem Tierheim und so kam ich zu Betty.
Wir wurden Freunde und Betty wusste ganz schnell, was ich gern fresse. Und jeden Tag machen wir Spaziergänge durch den Park. Wenn andere Hunde Betty zu nahe kommen, belle und knurre ich ganz laut. Ich bin nicht sehr groß, aber laut bellen, das kann ich gut.
Sophie rief anfangs oft an und fragte, wie es uns geht und ob wir gut zurechtkommen. Betty erzählte ihr, dass ich schon kleine Kunststücke kann. Wenn sie einen Stock über meinen Kopf hält, dann laufe ich auf meinen Hinterbeinen fast einen Meter weit. Dafür bekomme ich ein Leckerli. Dass ich schon drei Schuhe zerfleddert habe, erzählt sie nicht. Ein Glück!
Das Studium strengt Sophie an und die Anrufe werden seltener.
Nach den Spaziergängen sind wir manchmal müde und Betty schläft in ihrem Sessel ein. Ich springe auf ihren Schoss und dann schnarchen wir gemeinsam. Das ist immer richtig gemütlich.
Bis gestern etwas passierte.

Gestern klingelte das Telefon und Betty war ganz aufgeregt vor Freude, weil sie dachte, Sophie oder ihre Mutter rufen an.
Ich spitzte meine Ohren und hörte zu.
»Hallo, haben Sie eine Enkelin?«, hörte ich eine Männerstimme.
»Wer spricht da?«, fragt Betty etwas verschlafen.
»Das ist jetzt nicht wichtig! Ihre Enkelin hatte einen Unfall mit dem Auto und braucht sofort Hilfe.«
»Wer spricht denn dort?«, hörte ich Betty, nun aufgeregt.
»Ich sagte doch, das ist nicht wichtig. Sie müssen ihrer Enkelin helfen. Sie braucht dringend Geld für die Reparatur des Autos.«
»Auto?«, rief Betty »meine Enkelin hat kein Auto!«
»Ja, das stimmt. Sie hat sich das Auto geliehen und diese Männer wollen sofort das Geld für die Reparatur! Bis dahin halten Sie Ihre Enkelin fest.«


»Warum ruft sie mich nicht selber an?«, fragte Betty aufgeregt.
»Naja, das ist so, also, wie gesagt … «, stotterte der Anrufer.
Betty hielt den Hörer nach unten, strich mir durch das Fell und ich knurrte, denn ich spürte, Betty hatte Angst. Hunde spüren, wenn etwas nicht stimmt. Ich bellte das Telefon an.
»Hören Sie, sagen Sie mir jetzt, was Sie wollen!«, rief sie dann aufgeregt in das Telefon.
»Wir brauchen sofort 500€ für die Reparatur des Autos. Jemand kommt zu ihnen und holt das Geld ab.«
»Soviel Geld? Das habe ich gar nicht hier.«
»Doch, das haben Sie, das wissen wir!«, antwortete der Mann.
Ich spürte, wie Betty zitterte und fing an, laut zu bellen. Ich hörte gar nicht auf. Plötzlich klingelte es und Betty lief mit dem Telefon zur Tür. Der Nachbar schaute erschrocken auf die aufgeregte Betty. So hatte er sie noch nie gesehen.
»Warum bellt UNO so laut?«, fragte er und Betty begann zu weinen. Ich bellte noch lauter. Der Nachbar nahm ihr das Telefon aus der Hand und rief:
«Hallo, wer spricht dort?«
Aber es war niemand mehr am Telefon.
Nun erzählte Betty dem Nachbarn, was sie eben erlebt hatte.
Gemeinsam gingen sie zur Polizei und machten eine Anzeige.
Der Polizist sagte, dass das ein Trick sei, von älteren Leuten Geld zu erpressen. Es war gut, dass sie gleich zur Polizei gegangen sind.
Dann schauten alle auf mich und Betty hob mich hoch und drückte mich. Ich knurrte leicht, weil sie zu fest drückte.
»Wenn ich dich nicht hätte, liebster UNO, ich weiß nicht, was dann passiert wäre.«
Und dann gab es eine doppelte Ration an Leckerlis.

Wir beide sind schon ein gutes Team und passen aufeinander auf, oder?

PS. Habe die Geschichte dem Nachbar-Enkelkind vorgelesen und es fand den Hund gut.

j11w21

Corona-Splitter (18)

Telefonate

Die ganz große Telefoniererin bin ich nicht.

Allerdings hat sich das in der Pandemie- Zeit geändert.

Mit den Enkelinnen telefoniere ich oft. Skype finde ich nicht so gut, weil dann vier ‚Sinne‘ beansprucht werden: hören, reden, sehen und als vierter Sinn: Faxen machen und rumalbern. Beim Telefonieren sind sie auf zwei ‚Sinne‘ konzentriert.
Am letzten Samstag erzählten sie von den Erlebnissen in den Herbstferien und vor allem davon, dass sie von einem Fake-Polizisten gehört haben. Das hat sie sehr beeindruckt und ihre aufgeregten Stimmen überschlugen sich beim Erzählen. Mir rutschte in einer kleinen Pause heraus, dass das ja fast so schlimm sei wie die Enkeltricks.
Sofort waren die falschen Polizisten vergessen und ich sollte ihnen diesen Trick verraten. Ich erklärte ihnen, was damit gemeint sei und es war einen Moment still. Dann flüsterten beide.
»Oma«, hörte ich sagen »das können wir doch mal spielen. Ich bin der Anrufer und du bist die Oma, die betrogen werden soll.«

Das Rollenspiel funktioniert gut zwischen uns . Wenn ich zu Besuch bei ihnen bin oder sie hier, werden die verschiedensten Alltagsangelegenheiten durchgespielt. Gerne Restaurant mit frechen Gästen, unartigen Kindern und unqualifizierten Kellnern!
Der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt.


Das Enkel-Trick-Spiel begann etwas holprig, da sich jeder Argumente für seine Forderung ausdenken musste. Es gefiel aber allen gut, so dass die Rollen getauscht wurden.
»Nun noch einmal umgekehrt, du der Anrufer, ich die Oma!«, kam es aufgeregt aus der Leitung. Gesagt, getan.
Die Stimmen wurden etwas lauter. Sie waren zunehmend begeisteter.
Nach Ende dieses Spieles kam es wie so oft zum Streit zwischen ihnen, weil ich angeblich immer nur mit einer spreche. Also das ganze Spiel von vorn!
Ich sollte auch gleich wieder der Anrufer sein und ertappte mich, dass ich leidenschaftlicher wurde und noch mehr in der Rolle aufging. Mein Ton und auch der der Enkelin wurde aggressiver und lauter. Die Argumentation auf beiden Seiten hatte neue Elemente und das Gespräch dauerte länger.
»So, jetzt ist aber Schluss«, rief ich und wollte ein anderes Thema anschneiden.
»Mit Pina hast du zweimal gesprochen, ich will auch noch einmal der Anrufer sein!«, rief Olivia und das Spiel begann ein viertes Mal. Die Argumente auf beiden Seiten waren nunmehr ausgefeilter und fantasiereicher, der Ton beim Anrufer aggressiv, die Stimme der Oma weinerlich.
Der Gatte kam aufgeregt die Treppe hinunter und fragte, was denn passiert sei? Ob es mir gut geht?
Es wurde Zeit, das Spiel abzubrechen.
Die Beiden hatten nunmehr die Idee, dass wir doch auf Skype weiterspielen könnten. Da sehen wir uns auch!
Anderthalb Stunden intensives Telefonieren reichten und ich sagte, dass jetzt Schluss sei.
»Aber morgen können wir das doch nochmals spielen, Omi?«, fragte beide fast gleichzeitig, als ich schon fast aufgelegt hatte. Woher haben die Beiden nur ihre Energie und Fantasie? In meinem Kopf geistert die Idee, daraus für sie eine kleine Geschichte zu formulieren. Denke mal, die Pandemie ist noch nicht vorbei und es gibt einen Corona-Splitter(19). Diesmal für die ganz junge Generation!

Meine grauen Zellen sind aktiviert.

j11w21

Corona-Splitter (17)

Infiziert

Immer wieder wird in diesen Zeiten vor Infektionen gewarnt. Man soll vorsichtig sein, Maske tragen und vor allem Abstand halten, nicht Fremdhusten oder -gehen.
Aber manchmal gibt es ‘Infektionen’, die schleichend und ohne Vorankündigung kommen.
Ich infiziere mich, als ich in Wegeleben bei unseren Freunden bin.
Sie waren und sind infiziert und steckten mich an. Einfach so. Nein, nichts Schlimmes, nur etwas, das zur Sucht werden kann.
Sie sind Geocacher!
Auf einem Ausflug nach Goslar erzählen sie, wo sie schon überall waren, machen das an Caches (Verstecken) fest und auch daran, wer diese zuerst entdeckt hat.
“Den habe ich gefunden”, ruft Männe selbstbewusst, was Gisi mit einer lässigen Handbewegung negiert.
“Von wegen! Ich habe dich darauf hingewiesen!”, korrigiert sie ihn.
Der Gatte und ich verstehen nichts.
Die Gesichter unserer Freunde glühen, als sie uns endlich die Regeln und weitere Erfolge aufzählen.
Geocaching ist eine GPS-Schnitzeljagd, eine Art Schatzsuche. Ein Geocache ist ein wasserdichter Behälter, in dem sich ein Logbuch oder aber kleine Tauschgeschenke befinden.
Der Finder trägt sich in das Logbuch ein, um seine erfolgreiche Suche zu dokumentieren. Der Cache wird dann an gleicher Stelle wieder versteckt. Der Fund kann im Internet vermerkt werden, so dass ihn auch andere Sucher finden können. Im Frühjahr 2019 soll es bereits 3 Mio Cacher gegeben haben.
Für mich ist das insofern interessant, als dass ich ungern spazieren gehe und wenn doch, dann bitte mit Ziel. Sollte ein neuer Lockdown kommen, so wäre das eine ideale Aussenbetätigung.
Ich lege mir sofort einen Account im Internet an, lade die App auf das Handy und will auch SOFORT einen Erfolg.
Goslar als Stadt wird für mich etwas uninteressant, denn auf Handy kann ich ein Cache ausmachen, das ich unbedingt finden will.

Die Koordinaten haben wir und stehen vor der Buchsäule, wo es sein soll. Wir nahmen jedes Buch heraus- nichts! Dann der Hinweis, dass man Vorteile hat, wenn man größer ist. Weitergesucht! Der Gatte fand dann das Logbuch, denn er ist der Größte. Ich trug mich ein. Die erste Lektion ist, dass man mit Ungeduld nicht viel findet.
Zurück in Wegeleben will ich einen zweiten Erfolg.
Hier gibt es an der Ruine einer Malzfabrik ein Cache und ich laufe mit Gisi dahin! Nun zeigt sich, dass ich zwei Eigenschaften habe, die nicht zielführend sind: blind und taub (O-Ton des Mannes, mit dem ich 43 Jahre verheiratet bin- vielleicht genau deshalb?)
Ich stehe direkt davor, vor diesem Cache und sehe es nicht! Eine schwarze Filmhülle ist mit kleinen Magneten an einer Art Schiene befestigt, die auch schwarz ist. Ich gucke wie ‚Schwein ins Uhrwerk‘, ohne etwas zu entdecken. Nach drei (!) von Hinweisen von Gisi finde ich es endlich.

Es folgen noch viele allgemeine Hinweise bzgl. der Caches und worauf wir künftig achten müssen.
Zurück in Warnemünde schaue ich auf der App nach Caches und finde mehrere. Der auf der Mole erscheint mir einfach, also leicht zu finden.

Die Sonne scheint und ich marschiere gen Mole. Es dauert eine ganze Weile, bis ich den Cache am Ende des offenen Geländers gefunden habe. Wiederum eine kleine Filmdose mit Logbuch, in das ich mich eintrage.

Zurück geht es über den Georginenplatz, wo auch eins versteckt sein soll. Ich suche und suche und finde nichts. Ein Mann kommt den Weg entlang, suchend auf das Handy und ins Gebüsch blickend. Ich spreche ihn an und frage, ob er ein Geocacher sei. Ja, er sei einer mit immerhin schon fast 2000 gefundenen Verstecken. Wow! Dieses hier findet er auch nicht, hat aber viele Begründungen dafür. Es liegt nicht an ihm. An mir sowieso nicht. Geocaching ist wie mit dem Hundi Gassi gehen- man kommt sofort ins Gespräch!

Einer geht noch, denke ich mir und laufe zum Alten Strom. Relativ schnell finde ich die Koordinaten des nächsten Cache, nur das Versteck nicht. Ein Hinweis lautet: Efeu, ein Meter hoch. Ich stehe die ganze Zeit davor und taste nun den ganzen Baum ab. Es ist wieder eine kleine Filmdose, mit braunem Klebeband versehen. Schwer erkennbar!

Nun immerhin schon einige gefunden, die alle im Netz vermerkt werden. Es könnte zum Hobby werden, ein mühsames, stimmt, aber immer an der frischen Luft. Knapp 10 000 Schritte und 7 km – das reicht für heute!

Ob sich diese Infektion zu einer Sucht entwickeln wird? Man weiß es nicht.

j10w21

Corona-Splitter (16)

Spontane Herbstreise

Unsere Reiseaktivitäten in diesem Jahr tendieren gegen Null. Diese Entscheidung ist eine reine Kopfsache, da es verschiedene Gründe dafür gibt, die sich uns mehr oder weniger erschliessen.
Während eines Essens bei uns erzählten Freunde, dass sie demnächst nach Nürnberg in ihre Zweitwohnung fahren und fragten an, ob wir nicht mitkommen bzw. sie ein paar Tage besuchen wollen. Hm, spontane Frage, die spontane Antwort verlangte.
Ja, wir wollten.
Kurzfristige Bedenken wegen Stören der Ehezweisamkeit kamen, wurden verdrängt, um der Vorfreude Platz zu machen. Vielleicht doch zu schnell ‚ja‘ gesagt? kam trotzdem immer mal wieder durch.
Ich hatte vergessen, wieviel Freude es bereitet, anderen seine Lieblingsorte zu zeigen. So war es auch hier. Der Tisch immer reichlich gedeckt und die süffisante Bemerkung:
«Ihr hattet doch nichts und freut euch, nun mal im Westen zu sein!«, amüsierte uns mehrmals.

Nürnberg , Bamberg und Bayreuth waren die großen Ziele und dazwischen immer Abstecher auf die Dörfer und in die Berge.

Nachdem ich aufgeklärt wurde, dass ein Kreuz auf einem Berg nicht heißt, dass hier ein Unfall war, sondern eine religiöse Bedeutung hat, entwickelte es sich zum Running Gag. Bei jedem Kreuz wurde aufgejucht.

Museums- und Schlossbesuche fielen aus wegen Corona-Regeln und Zeitmangel, trotzdem wir von morgens bis abends unterwegs waren.
In Bayreuth entdeckten wir ein Lokal mit Aussengastronomie und deftiger Hausmannskost, was uns ein freudiges Lächeln ins Gesicht zauberte. Und dann gab es da noch dieses wundervolle Geschäft mit dänischer und schwedischer Bekleidung und anderen Dingen aus dem hohen Norden. Ich glaube, niemand möchte wissen, was ich mir kaufte und warum ich anschließend juchzend das Geschäft verließ. Lakrids von Bülow waren es nicht. Die kaufte Sven.
In Franken verhungert keiner, weil es überall Aussengastronomie mit den verschiedensten Biersorten und verschiedensten Würstchen und Würsten gibt. Kurzzeitig tauchte deshalb der Wunsch auf, das Bundesland zu wechseln. Nur- hier müsste ich die Kalorien abwandern, während ich sie bei uns abschwimmen kann. Der Gedanke wurde deshalb schnell verworfen!

Gepflegte Orte, schöne Landschaften- der Herr Dr. Söder weiß, weshalb er gerade hier der Landesfürst ist.
Zurück ging es über den Harz mit 3-tägigem Stop in Wegeleben. Nachdem ich einer Freundin von unserem Nürnberg-Trip schrieb, lud auch sie uns ein. Diesmal fiel die Entscheidung schneller, da wir uns aus Studienzeiten kennen.
Hier und auch schon in Nürnberg fiel mir auf, dass viele unserer Generation zu den ‚Be-Erbern*innen‘ zählen. Geld? Das weiß ich nicht, aber auf jeden Fall Geschirr und Haushaltsgegenstände! Sowohl in Nürnberg als auch in Wegeleben kam das Frühstück jeden Tag mit einem anderen Kaffeeservice auf den Tisch. Komplett! Gläser sind sehr viele vorhanden genau wie Bestecke aus Silber oder Edelstahl. Warum nur eine Zitronenpresse, wenn Platz für drei ist? Oder Öffner… oder Töpfe … oder…
Keiner weiß, was noch kommt und man kann es damit begründen, dass der Jäger- und Sammlertrieb in den Genen liegt. Oder damit, dass jeder ein Hobby hat.
Egal, das beeinflusste die Aufenthalte nicht, sondern ließ uns nur erstaunen, kurz innehalten und verschämt an die eigenen drei Mokka-Service denken, die Geschenke waren und nie benutzt wurden.
Etwas haben wir aber noch nicht: den Sollbruchstellenverursacher.
Absolut gutes Wort für Galgen-Raten! Hier kommen aber nur die gekochten Eier an den Galgen oder besser gesagt, sie werden geköpft. Der Gatte und ich stellten uns etwas ungeschickt an, aber am dritten Tag brauchten wir keine Hilfe mehr.

Der Harz begeisterte uns bereits im letzten Jahr. Der Mann meiner Freundin wusste zu allem, was wir sahen, etwas zu berichten. Wahnsinns-Kenntnisse und dazu abgründigen Humor- eine gute Kombination. Es wurde viel gelacht.

Eines meiner Wunschziele war die längste Hängebrücke im Rappode-Tal zu überqueren. Trotz starkem Wird und Böen über 70kmh musste ich hinüber laufen. Der Gatte weigerte sich. Also kam die Freundin mit.

Über 100m hoch mit Gitterblick nach unten und Schwankungen- es hat sich gelohnt! Etwas irritiert haben mich einige Leute mit Maske auf der Brücke. Man hätte dem Wind vertrauen können, kein Virus hätte es bis zu einer Übertragung geschafft!
Am Abend kochte der Hausherr. Er erwartete viel Lob, das er reichlich bekam. Einmal durfte ich das Gericht aus CORONA-Splitter (15) kochen und bekam ebenfalls Lob.

Abends am Kaminfeuer ließen wir den Tag nochmals passieren und schwelgten in Erinnerungen.

Fazit: Solltet ihr irgendwann eine Spontaneinladung bekommen, dann nicht überlegen, sondern SOFORT zusagen.
j10w21

Corona-Splitter (15)

»Nudelbude«

Eine Meldung schreckte mich neulich auf:
Es droht ein Nudelnotstand!
Hartweizen wird teurer und deshalb könnten die Nudeln knapp werden. Nicht die Nudeln selber, aber der Hartweizen, der die Grundlage dafür ist.
Auf nichts im Leben ist so sehr Verlass wie darauf, dass ich irgendwo und immer einen Teller Nudeln auftreiben kann. Fragt man Kinder, was sie essen wollen, so kommt zu 94,98% die Antwort:
Nudeln mit Tomatensoße!
Es ist so einfach: kochendes Salzwasser, 9 Minuten, al dente, fertig.

Und nun droht eine Krise, weil der Preis für Hartweizen dramatisch gestiegen ist.
Es handelt sich eigentlich nicht um eine Nudelkrise, sondern um Pastakrise. Nudeln können auch aus Reis hergestellt werden. Pasta ist kompromisslos. In Italien gibt es sehr viele Pastasorten, bei denen der Teig durch ein Metallsieb gepresst und so in Form gebracht wird. Hinter dem Sieb heißt es dann Farfalle, Penne, Linguine und so weiter.

Ich bin in einer Nudelhochburg aufgewachsen und zwar in Riesa. Zu meiner Zeit, Ende der 60iger Jahre, gab es in Riesa die ‘Nudelbude’, die ‘Zündholz’, die ‘Seifenbude’, das Stahlwerk, das Reifenwerk, das Aropharmwerk und die Ölmühle. Dementsprechend war die Luft geschwängert mit Industrieabgasen. Richtig aufgefallen ist mir das erst sehr viel später, als ich einen Vergleich hatte. Ich bin in meiner Jugend wenig gereist, ab und an als Helferin in ein Kinderferienlager, eine Klassenfahrt, das war es auch schon. Auf diesen Fahrten gab es andere, interessantere Dinge, als einen Luftvergleich anzustellen. Zum Beispiel die Entdeckung des anderen Geschlechts.

Die ‘Nudelbude’ gibt es immer noch, nunmehr die Teigwarenfabrik Riesa, die ich im Rahmen eines Klassentreffens besuchte.

Ich war erstaunt und begeistert, wie vielfältig das Sortiment inzwischen ist.
Beim Spaghetti-Test im Oktober ‘21 haben die Schlemmerliebling-Spaghetti mit Bestnote abgeschnitten. „Sehr gut“ lautet das Gesamturteil, das das seit 1985 erscheinende Verbrauchermagazin gefällt hat. Das lässt mein Sachsenherz höher schlagen!
Insgesamt hat Ökotest für seine Untersuchung Spaghetti von 20 Anbietern unter die Lupe genommen. Unter anderem mit dabei: Spaghetti von bekannten Marken wie Barilla oder Buitoni, aber auch Eigenmarken von Discountern oder Drogerien. Neben den Riesaer Nudeln schnitten sieben weitere Produkte mit dem Gesamturteil „sehr gut“ ab.
Ich denke nicht, dass uns die Nudeln ausgehen und wir uns die schrecklichen Folgen von leeren Regalen im Supermarkt ausmalen müssen. Augenblicklich fallen mir aber die leeren Klopapier-Regale zu Pandemiebeginn ein. Damals wurden wir beruhigt und trotzdem war es gut, einen kleinen Vorrat angelegt zu haben.
Und bei Pasta in getrockneter Form ist das ja auch problemlos möglich.
Vorher bereite ich mir mein Lieblingsnudeln zu. Wollt ihr das Rezept?
Linguine al dente kochen, abgießen, in eine Schüssel mit Olivenöl+Saft Limette+Chiliflocken füllen, alles vermischen und mit frisch geriebenem Parmesan sowie kross gebratenem Bacon servieren. Dazu ein Glas Chardonnay!
Guten Appetit!

Corona-Splitter (14)

Vorbei …

Ich lebe momentan in der ’vorbei-Zeit’.
Die Wahlzeit ist vorbei, wenn auch noch nicht ganz, da die endgültige Regierung noch gewählt werden muss.
Vorbei ist die Sommersaison, die nahtlos in die Nachsaison überging.
Etwas, das nicht vorbei ist, ist die Pandemie, glaubt man den Leuten, die es wissen wollen. Den Virus sind wir vielleicht bald los, vielleicht noch ein paar Monate, vielleicht auch länger. Die Folgen werden wir noch länger spüren.
Vorbei ist für mich auch das morgendliche Baden in der Ostsee- Wasser zu kalt! Wobei das so nicht ganz stimmt. Das Wasser ist tatsächlich kalt, aber wesentlich unangenehmer ist das An- und Ausziehen vor dem Gang ins Wasser. Der Wind weht kalt, der Sand bis zum Wasser ist kalt und die aufgewirbelten Sandkörner bei Sturm sind wie kleine »Geschosse«, die sich in die Haut bohren.
Der heutige Tag bietet sich zum Abbaden an.

Bei Sonnenschein fahre ich mit dem Rad durch die Friedrich-Franz-Str, biege in die Schulstrasse ein, erreiche den Park und vorbei geht es am Hotel Neptun auf die Promenade Richtung Strandaufgang Nr.18. Der Strand ist fast leer, vereinzelte Besucher laufen am Wasser entlang. Ich sehe keine Frühbader. Einzelne Strandkörbe stehen noch im Sand und warten auf den Abtransport in das Winterquartier.

Ulli vom Strandkiosk sagte neulich bei einem MO-Bier, dass es eine gute Saison war, die nur zu spät begann. Gab schon schlechtere Saisons, meinte er, Stammgäste waren alle wieder da und das ist es, was zählt. Mit einem lauten Rülpser unterstrich er seine Aussage.

Schnell ziehe ich mich aus und laufe ins Wasser. Huh! Es ist kalt, aber gut auszuhalten. Nicht sehr lange.
Die Möwen sind träge heute, fliegen nicht weg. Köpfe gehen in alle Richtungen, aber es ist keiner da, der Abfall hinterlässt. Wenn sie fressen wollen, müssen sie sich Fische oder anderes Kleingetier selber aus dem Wasser holen.

Der Himmel bedeckt sich und ein paar Regentropfen fallen, die für einen Regenbogen reichen. Schön!

Auf der Promenade geht’s zurück und ich beschließe, zum Abschluss auf die Mole zu fahren. Das Verbotsschild für Radfahrer werde ich dabei großzügig übersehen. Die Sonne scheint jetzt wieder und die Promenade ist leer. Der Verkaufskiosk vor dem Kurhaus hat sein Sortiment umgestellt. Statt Sommerhüte werden Strickmützen und Schals verkauft.

Weiterlesen „Corona-Splitter (14)“

Corona-Splitter (13)

Ab in die Pilze

Im Sommer fragten mich meine Enkelinnen:
„Oma, sind Viren und Pilze eigentlich Lebewesen?“
Oh! Da hatten sie mich ertappt und ich gebe zu, dass ich das Gespräch in eine andere Richtung lenkte und diese ungewöhnliche Frage vergaß.
Inzwischen ist der Spätsommer da, hat den Herbst im Schlepptau und es geht in den Wald, zum Pilze sammeln. Ich erinnere mich an die Frage und mache mich nun schlau.
Viren sind keine Lebewesen, zumindest nach der gängigen Definition für ein Lebewesen, die demnach mindestens zu folgenden Dingen in der Lage sein müssen: Stoffwechsel, Fortpflanzung und Evolution. Viren besitzen keinen eigenen Stoffwechsel, sondern benutzen „nur“ den Stoffwechsel anderer Organismen und manipulieren ihn für ihre eigenen Zwecke.
Keine eigene Fortpflanzung: Viren können sich nur in in lebenden Wesen (zum Beispiel dem Menschen) vermehren. Dazu infizieren sie Zellen eines Wirtes, schleusen ihr Erbgut in dessen Zellen ein und vermehren sich dort mit Hilfe der infizierten Zelle.
Eine Evolution können sie durchlaufen, da sie mutieren. Ein Punkt wäre demnach für Lebewesen erfüllt. Es soll aber Riesenviren geben, die ein etwas anderes Verhalten aufweisen.
Anders die Pilze, die unter allen Lebewesen sowohl morphologisch als auch physiologisch die größte Biodiversität (Vielfalt) aufweisen. Sie können Hyphen, Myzelien und Fruchtkörper bilden. Die Ausbreitung geschieht meist durch Sporen, die entweder asexuell (ungeschlechtlich) oder sexuell (geschlechtlich) gebildet werden.
Diese Art Lebewesen will ich mit zwei Freundinnen suchen und hoffentlich auch finden. Die Frage nach den besten Stellen im Wald steht. Wir hören uns im Freundes-/Bekanntenkreis um:
„… ihr müsst nach Rövershagen fahren, da hat meine Tochter innerhalb von zwei Stunden drei Eimer voller Pilze gesammelt, ein Drittel davon Steinpilze!“ meint Fietje. Aha!

Foto R.Lehmann

„… so weit braucht ihr nicht fahren, in Rostocker Heide wachsen jede Menge Pilze“, weiß Karin zu berichten. Rövershagen liegt nahe der Rostocker Heide. Klingt gut.
„… absolut die meisten Pilze wachsen um Karow/ Nossentiner Hütte bei Krakow“, meldet sich Peter zu Wort.
Irgendwie habe ich das Gefühl, dass es hier wie beim Erzählen der Angler von den Angelergebnissen ist. Ein Fisch größer als der andere!
Wir starten mitten in der Nacht (für mich als Rentnerin) gegen 7Uhr Richtung Krakow am See, parken das Auto Nähe Karow in einer Waldschneise. Es regnet. Regenwasser macht schön, also sollten wir gleich ausschwärmen. Vorher ein Imbiss mit einem Glas Prosecco, der die Pupillen weitet und uns besser durchs Unterholz kriechen lässt.
Wir verabreden, uns immer mal akustisch zu verständigen, also ein lautes HALLO, auf das mit einem noch lauteren HALLO geantwortet wird. Klappt gut.

Ich gestehe, dass meine Pilzkenntnisse nicht gut sind. Einen ASPERGILLUS NIGER, den Schwarzschimmel, erkenne ich sofort. Wenn ich in meine Giesskanne schaue. Der ist aber heute nicht gefragt.
Alles, was Lamellen hat, lasse ich stehen.

Nur glänzende, braune Hüte mit einem Schwamm darunter kommen in den Korb, der sich relativ schnell füllt.

Neue Behältnisse müssen deshalb her. Ich rufe laut. Nichts, kein Echo, keine Antwort. Ganz leicht macht sich ein Panikgefühl bemerkbar und ich rufe nochmals. Nun eine leise, entfernte Antwort, die ich zuordnen und finden kann. Kristina fehlt. Wir rufen laut, nix, keine Antwort. Rechts hören wir ganz leise Motorengeräusche, also muss die Straße hier sein. Wir laufen, versuchen Kristina per Handy zu erreichen. Kein Netz! Die Straße sehen wir hinter einem kleinen Graben. Petra durchquert ihn und schreit auf. Kein Tier ist die Ursache: die Schuhsohle hat sich abgelöst!

Es regnet immer noch und Petra spürt es nun auch von unten. Am Auto angelangt, versuchen wir, unsere verlorene Freundin zu orten, was auch gelingt. Leider läuft sie in die entgegengesetzte Richtung der Straße. Einen Radfahrer fragte sie unterwegs nach dem Weg und ob er sie auf dem Gepäckträger mitnehmen könnte. Er wollte nicht, erschrak förmlich und fuhr fluchtartig los. Welche Erinnerung hat diese Frage bei ihm ausgelöst? Wir werden es nie erfahren.
Unser Wiedersehen und das Betrachten der Ausbeute wird mit kleinem Schluck Prosecco gefeiert. Die Aktion selbst muss allerdings wegen fehlender Schuhsohle abgebrochen werden.

Für die Enkelinnen werden die Pilz-Lebewesen aus dem Wald fotografiert. Wenn sie welche suchen und finden wollen, sollten sie gut ausgerüstet sein, z.B. mit Gummistiefelchen.
Viren haben wir keine gesehen, gespürt oder aufgenommen. Zumindest nicht wissentlich. Ein Test wird es zeigen.

Corona-Splitter (12)

Unterwegs im Plakatdschungel

Ein früher Herbst erreicht uns in diesen letzten Augusttagen.
Es ist kalt, nicht so richtig kalt wie mitten im Herbst, aber 14 Grad im August sind gewöhnungsbedürftig. Ich versuche mich zu erinnern, ob es das früher schon gab und ja, das gab es früher auch. Immerhin, MV hatte die meisten Sonnenstunden bisher. Darauf sind wir stolz, auch wenn wir nichts dafür getan haben.
Etwas nervig sind die ständigen Corona-Informationen mit immer neuen Ankündigungen von Verboten bzw. neuen Test-Ideen. 2G im Zug? Wer soll denn das kontrollieren? Ich frage mich , ob immer neue Verbote für Nichtgeimpfte deren Meinung ändern. Druck erzeugt immer Gegendruck!
Unruhige Zeiten im Moment!
Was mich aber regelmäßig einholt, sind ganz gewöhnliche Heißhungeratacken. Diesmal nach geräuchertem Fisch!
In einem früheren Leben war es eine meiner Aufgaben, Fisch zu begutachten, sowohl Frischfisch als auch Fertigprodukte. Aussehen/Geruch/Geschmack/Konsistenz – mussten bei Fisch und -produkten begutachtet werden. Das war eine interessante und auch verantwortungsvolle Aufgabe, die mir Spaß machte, aber auch dazu führte, dass ich heute keine Fischkonserven bzw. fertige Fischsalate esse. Räucherfisch esse ich nach wie vor sehr gern und hole ihn mir im ehemaligen Fischkombinat. Natürlich könnte ich auch in Warnemünde Fisch kaufen, aber hier ist der Weg ein Ziel. Mit dem Fahrrad geht’s von Warnemünde nach Marienehe.
Dabei wird mir wieder bewusst, wir haben bald eine Wahl in Deutschland!
Die ganze Strecke ist voller Wahlplakate und diese lösen bei mir verschiedene Assoziationen aus.
Erstens die Frage: Sind Wahlplakate schön? Oder ist die Größe des Plakates entscheidend?
Vom Kirchenplatz Richtung Warnemünde Werft, Durchquerung des Tunnels und dann gen Rostock. Fast die ganze Strecke habe ich einen Begleiter, den Christian Lindner, mal irgendwie leicht verschämt und dann wieder auftrumpfend.
Was für ein schöner Mann!
Er schaut auf mich herab oder ganz knapp daneben, durchgestylt und -scheinbar- in Gedanken versunken. Immer, wenn sein Bild auftaucht, also fast an jeder dritten Strassenlaterne, denke ich: Warum eigentlich FDP, Krischi, wo du doch glatt als Vertreter für den Thermomix durchgehen könntest? Oder als Model für BOSS?
Auf seine Botschaften kann ich mich nicht einlassen, denn er schaut mir tief in die Augen, geradezu betörend.
Dann taucht eine riesige Straßenlaterne auf, auf der alle Platz haben. Ganz oben die Linke mit dem blonden Herrn Bartsch und seinem sonorem Lächeln, darunter mein Christian und noch darunter die ‚Manu‘, unser aller Lichtblick in MV. Wollt ihr das? Oh!
Falsch gelesen: VOLT- Für eine Gemeinschaft, die gemeinsam Chancen schafft. Habe ich noch nie gehört. Gemeinsame Chancen?

Nun, an der Kreuzung zum Altenheim in Schmarl, ganz groß die SPD mit unserem Olav, nein, nicht mit ‚v’ sondern mit ’f’- Olaf! Für Klimaschutz, da passt mein Rad gut hin. Und zur Farbe auch: rot-weiß.

Ah! An der Kreuzung zum IGA- Park nochmals Klima retten, diesmal mit den Grünen.

Frau Baerbock lächelnd im Vordergrund und, ja, wie schaut er eigentlich, der gute Herr Habeck? Aber auch da passt das Rad: grün – weiß. Sie sind bereit, weil ich es auch bin: Radfahren statt Autofahren. Also- nicht immer, aber immer öfter.
Ich vermisse die AfD. Da, ein kleines Plakat, einsam an einer Laterne. Helmut Schulz, Allerweltsname, nie gehört.

Und schon bin ich am Ziel in Marienehe, kaufe kaltgeräucherten Lachs, heissgeräucherten Heilbutt, Sprotten und zwei frische Forellen, scherze mit dem Verkäufer und verlasse hochzufrieden das Geschäft.
Sie werden mir auf meiner Rückfahrt alle nochmals begegnen und ich werde sie auf ihren Plakaten anschauen und überlegen:
Was oder wen soll ich denn nun wählen?