Corona-Splitter (7)


Sommer-Feeling

Der Sommer ist da.
Seinen ersten großen Auftritt wird er in den nächsten Tagen mit über dreißig Grad haben. Im Fischerdorf sind die Urlauber und Tagesgäste zurück und bevölkern Straßen, Restaurents, Geschäfte und den Strand. Endlich wieder Leben im Ort! Am meisten freuen sich die Möwen, denn eine harte Zeit liegt hinter ihnen. Lange waren keine Touristen mit Bockwürsten oder Fischbrötchen in Sicht. Die Sommerzeit gilt es für sie zu nutzen, denn eine eventuelle vierte Welle könnte den Ort wieder einsam werden lassen.

Am Strand haben die altbekannten Spanner wieder Postion bezogen und glotzen. Die Diskussionen darüber, ob FKK-oder Textilstrand oder doch gemischt, halten an. Die FKKler kämpfen um ihr Revier und lehnen Mischstrand ab. Der Ortsbeirat wird noch viele Male tagen und im Herbst nach Saisonende sicher einen Beschluss fassen.

Inzwischen sind die Hotels wieder geöffnet und ab morgen braucht’s nur noch einen Willkommens-Test für den gesamten Aufenthalt. Es wird über die Maskenpflicht diskutiert und sicher gibt es bald weitere Lockerungen. Nun wurde von offizieller Seite gesagt, dass das Virus nicht verschwinden wird, sondern wir uns auf ein Zusammenleben einstellen müssen, so ähnlich wie mit dem ‚Influenzio‘.
Welch eine Erkenntnis!
Unser »normales« Leben ohne Maske wird erst einmal ungewohnt sein, wenn wir uns begegnen. Wie wird es sein mit den Umarmungen und Küssen zur Begrüßung?
Ehrlich gesagt, wenn das alles wegfällt, wäre es absolut in meinem Interesse. Ich mochte die Art der Verbrüderungen nicht. Vielleicht auch deshalb nicht, weil ich nie wusste, wie die Regeln dafür sind. Erst rechts, dann links? Oder doch umgekehrt? Was macht man mit den Händen? Den anderen umarmen, auf die Schulter legen? Gibt es hierbei Sympathieabstufungen? Bei welchen Gelegenheiten ist richtiges Drücken erlaubt? Es war schwierig für mich.
Wenn ich mich an früher, also vor 1989, erinnere, gab es keine Umarmungen außerhalb der Familie. In französischen und italienischen Filmen umarmten sich die Leute immerzu, was ich nie hinterfragt habe, sondern als gegeben hinnahm. Natürlich hätte ich mich von Marcello Mastroianni gern einmal umarmen und küssen lassen. Rechts oder links zuerst oder umgekehrt wäre dabei egal gewesen. Das waren wohlige Gedanken, mehr nicht.
Dann steht die Frage: Hände wieder zur Begrüßung reichen oder nicht? Ich finde ja, dass man am Händedruck schon etwas auf den Anderen und sein Wesen schließen kann. Wenn ich Jemandem mit laschen, feuchtem Händedruck begegne, dann, ja, also, dann ist das so. Und dann gibt es Männer, die meinen, die Hand ist eine Zitrone und muss ausgedrückt werden. Ich bin mit Händeschütteln zur Begrüßung sozialisiert. Auch jetzt ertappe ich mich, dass ich die Hand bei einer Begegnung ausstrecke und sie dann aber reflexartig zurückziehe wegen Keimübertragung und so.
Ich bin echt gespannt, wie sich das entwickeln wird.
Ich weiß aber auch ganz genau, dass ich meine engen Freunde zur Begrüßung weiterhin umarmen werde, genauso, wie sie mich umarmen. Natürlich ohne Maske.
Jetzt gehe ich aber erst einmal an den Strand, auch ohne Maske und lasse mich von den warmen Sonnenstrahlen und dem etwas kälteren Wasser einlullen.

Corona-Splitter (6)

ZUFÄLLE

Manchmal frage ich mich,
ob es Zufälle gibt. Immer dann, wenn ich auf etwas treffe, das absolut in mein Leben passt, so perfekt, als hätte ich darauf gewartet. Arthur Schopenhauer, ein deutscher Philosoph, hat es so ausgedrückt:
“Die Bestimmung eines Individuums wird sich unvermeidlich an das Schicksal eines anderen Individuums anpassen, und jeder ist der Protagonist seines eigenen Theaterstücks, während er gleichzeitig eine Rolle im Stück seines Mitmenschen spielt. Es handelt sich hierbei um etwas, was unsere Fähigkeit des Verstehens übersteigt.”
Gut, das klingt etwas kompliziert und ich bleibe bei der einfachen Variante, die ihren Anfang im Frühjahr nahm. Im Haus stand eine Reparatur an, die für den Hausherrn zu kompliziert war. Ein Handwerker aus einem Dorf weiter musste her, der auch relativ schnell einen Termin freihatte. Der Chef kam selber. Er war nicht das erste Mal bei uns. Bei früheren Aufträgen kam er, die Absprache wurde geführt, keinerlei Smalltalk und nach ganz kurzer Zeit war er wieder weg.
Wie auf der Flucht!
An diesem Tage war er jedoch gesprächig, vielleicht coronabedingt, ich weiß es nicht. Was ich aber weiß, ist, dass er erzählte, er spiele seit einiger Zeit Tischtennis. Ich war wie elektrisiert, da ich leidenschaftlich gern TT spiele. Okay, es lag schon eine Weile zurück, dass ich an der Platte stand. Es war im Kinderferienlager und wir spielten ‚chinesisch‘, rannten wie besessen um die Platten und versuchten, den Ball zu treffen.

Nun hatte ich also das Spielparadies direkt vor Augen!
Ich fragte sofort nach, ob noch eine Spielerin gebraucht werde. Zufällig hatte gerade einer aufgehört und es wurde eine vierte Person für gemischtes Doppel gesucht. Ein Glückstag, mein Glückstag!
Mit etwas skeptischen Blick meinte er:
»Kommen Sie am Freitag 16 Uhr in die Werkstatt und dann schauen wir mal!«
Schauen? Nein, spielen, ich wollte spielen.

Inzwischen spielen wir schon seit ein paar Wochen ein Dorf weiter, duzen uns und wissen, wer in unserer Rentner-Gang der Champ ist. Die Stimmung ist immer gut und der Freitag wird von allen sehnlich erwartet.
Die Platte wird in einer der Werkstätten aufgebaut und dann geht es los. Würde man den Raum in einem Katalog beschreiben, dann stände dort: Flair, ein Raum mit morbidem Charme der Arbeitsgeräte aus vergangener Zeit und in der Mitte eine Tischtennisplatte.
Der Champ möchte den kleinen Ball immerzu schmettern, was dem Chef nicht so ganz gefällt. Natürlich sagt er nichts, sondern kommuniziert über Körpersprache, die ein-eindeutig ist. Die Schmetterbälle werden weniger. Bis der Spieler wieder im Flow ist. Dann holt er jeden Ball auf die Platte und wenn er sich vergisst, schmettert er.
Marion, die zweite Frau neben mir, ist ihm auf der Spur und konnte im Einzel schon gegen ihn gewinnen. Ich auch! Aber meist nur einen Satz, die anderen beiden gewinnt er immer.
Die Doppelbesetzungen wechseln, so dass keiner sagen kann, wer besser ist. Ich, zum Beispiel, erziele mit der Rückhand mehr Punkte als mit der Vorhand.
Wenn ich fleißig übe, kann sich das noch ändern.
Inzwischen weiß ich, dass diese Idee, Tischtennis in der Werkstatt zu spielen, Corona geschuldet ist. Sport fiel aufgrund der Maßnahmen für alle weg und der Chef mochte nicht immer im Küstenwald hin-und zurücklaufen. Neue Ideen waren gefragt.
In unserer kleinen Gruppe haben wir die Herdenimmunität erreicht:
Drei sind geimpft! Eine ist gesund.
Die Aussichten sind gut, dass wir in der fünften Rentner-Liga spielen können.
Nur unser Chef nicht, der ist 10 Jahre zu jung.

Corona-Splitter (5)

Pfingstausflug

Seit gestern gibt es in MVP weitere Lockerungen im öffentlichen Leben. Ein Besuch in Restaurants ist möglich, mit Test. Die Aussengastronomie darf ohne Test und ohne Impfung genutzt werden. Wobei für mich, der Frau mit der schwachen Blase, die Frage steht:
Darf ich die Toilette im Innenraum benutzen?
Ich bin gesund, nicht genesen, nicht geimpft, nicht übergewichtig, halte mich an die Regeln. Was darf ich alles?
Auf jeden Fall dürfen wir einen Fahrradausflug nach Rosenort, Richtung Graal Müritz an den Strand unternehmen.

Der Pfingstmontag verspricht, schön zu werden. Schäfchenwolken am Himmel, etwas kalter Wind und immer wieder Sonne. Es ist Mai und da ist einfach nicht mehr zu erwarten. Bisher war es kalt und regnerisch und wir haben erst den dritten Tag in diesem Monat, der wärmer ist.
Der Weg führt über die Warnow, wo wir mit der Fähre übersetzen und weiter über Markgrafenheide durch den Wald. Saubere, klare Luft und satte Farben- der Mai hält im Allgemeinen, was er verspricht.
Während der Fahrt driften meine Gedanken ab in die tiefe, in die ganz tiefe Vergangenheit über vierzig Jahre zuvor. Schon einmal waren wir Ende Mai zusammen unterwegs, allerdings per Fuß und Richtung Westen. Das Wetter an jenem Tage war wie an dem heutigen: etwas kalter Wind und Sonne, die regelmäßig von Wolken verdeckt wurde. Michael und ich kannten uns ein halbes Jahr, waren aber immer nur kurz aufeinander getroffen, da ich in Berlin und er in Rostock lebte. An jenem Maitag hatte er frei, ich zufällig einen Termin in Rostock und wir beschlossen, eine kleine Wanderung entlang der Küste Richtung Kühlungsborn zu unternehmen.
Es war aufregend.
Jedes Wort hatte eine besondere Bedeutung, die Luft vibrierte von den Sehnsüchten und Hoffnungen. Als das Meer vor uns auftauchte, war der Strand ganz leer. Es war ein normaler Wochentag, an dem die meisten beschäftigt waren. Die Jugendlichen hielten sich an belebteren Stränden auf, ging es doch für sie ums Sehen und Gesehen werden.
Wir waren allein und verschwanden mit unserer Lust aufeinander relativ schnell in den Dünen. Ich erinnerte mich, dass die Sonne heiß auf das nackte Hinterteil brannte, das jedoch immer mal wieder von einem kalten Windstoß abgekühlt wurde. Die feinen Sandkörner rieben die Haut auf. Es störte uns alles nicht.
Als das Meer heute in der Ferne auftaucht, die Räder angeschlossen sind, frage ich:
„Erinnerst du dich?“

Auch er erinnert sich und ich sehe das Glitzern in seinen Augen. Der Strand ist relativ leer. Vereinzelt sieht man Windschützer an den schrägen Dünen und noch vereinzelter Spaziergänger direkt am Meer.
Wir schauen, lächeln und verschwinden wieder sofort in den Dünen. Das gleiche Gefühl überkommt uns.
Wir lächeln etwas verlegen, als wir denken:
„Wollen wir? In unserem Alter?“
Ich gebe ihm lachend einen Schubs und er fällt in den Sand. Es ist anders, aber immer noch besonders,
Der Gedanke an das Alter ist so flüchtig.

Später laufe ich am Strand entlang, in der Hoffnung, einen Hühnergott zu finden. Diese Steine, in die das Meer ein Loch gewaschen hatte, faszinieren mich von jeher. Selten habe ich einen gefunden, mich aber immer über die Leute gewundert, die einmal am Meer entlang liefen und -zig Götter fanden!
Der Gatte ist im Sand eingeschlafen und erschrickt, als er meine euphorische Stimme hört:
„Los, rate mal, wie viele Götter ich in meiner Hand habe!Sieben Götter habe ich!“
Dann bestaunen wir gemeinsam die sechs Steine, die ich in der Hand halte.
Was für ein schöner Tag, denke ich,
Pfingsten eben.
Zurück, auf auf der Fähre mit starkem Wind im Gesicht, ertönt die Stimme aus dem Lautsprecher:
„Bitte denken Sie daran, die Maske zu tragen, um Ihre Mitmenschen zu schützen!“

Der Alltag hat uns wieder.

Corona-Splitter (4)

Spitzkohl

Die Pandemie teilt die Menschen für mich in zwei Gruppen, in eine, die gern kocht und eine andere, die dem Kochen nichts abgewinnen kann. Der eine Teil wartet, dass die Restaurants wieder öffnen und der andere probiert sich am Herd aus.
Ich gehöre zur zweiten Gruppe und koche jeden Tag, auch deshalb, um dem Alltag etwas Struktur zu geben. Ich gestehe, dass ich neuerdings gern mal eine Kochshow ansehe. Es überrascht mich immer wieder, wie ein Hobbykoch in 30 Minuten ein Essen kochen kann. Das auch noch schmeckt. Ich ertappe mich, dass ich denke, da wird bestimmt geschummelt, denn bei mir klappt das nie!
Wobei- ich hab es noch nie probiert.
Am Kochen fasziniert mich die relative Ungenauigkeit und der Mangel an Disziplin. Sollte ich hier in der Küche versagen, sind die Folgen nicht schlimm: Enttäuschung, vielleicht ein Anflug von selten geäußerter Unzufriedenheit. Ich mag Kochbuchautoren, die von einer ’Handvoll’ reden, eine ’Prise’, davon dieses oder jenes großzügig untermengen. Die Autoren geben alternative Zutaten an und ermuntern zu Experimenten. Ich bin nicht die ordentliche Köchin und koche meist nach Gefühl. Der Erfolg gibt mir Recht. Ich mag es , wenn Gäste mitkochen und wir ein Glas Wein trinken. Wir betrinken uns nicht, sondern es inspiriert zu einem lockeren Umgang mit den Zutaten.
Zur Zeit spricht man viel von Nachhaltigkeit und auch davon, Produkte aus der Region zu verarbeiten. Eines meiner Lieblingsgerichte sind Spaghetti mit Pesto, dick mit geriebenem Parmesan bestreut und dazu gegrillten Lachs. Köstlich! Okay, nicht unbedingt Produkte aus der Region, außer die Spagetti, die sind vom EDEKA am Kirchenplatz.
Gilt das?
Neulich hörte ich, dass Spitzkohl angesagt ist, den ich noch nie verarbeitet habe. Ich erinnere mich, dass es früher in der Betriebsküche Krautgulasch gab.
Meine persönliche Challenge ist es jetzt, eine Art Krautgulasch alá Jutta zu kreieren.

Als erste Zutat fällt mir Chorizo ein, eine feste, grobkörnige mit Paprika und Knoblauch gewürzte Rohwurst. Früher nahmen wir Knacker, aber der Kohl soll etwas Flair haben, so, als hätte er die Welt gesehen und nicht nur eine deutsche Ackerfurche. Dazu Kartoffelbrei, nein, Kartoffelstampf heißt das jetzt.
Die Kartoffeln werden nicht mehr total zermanscht, sondern mit warmer Milch gestampft und haben noch Struktur. Kalte Butter wird untergemischt, damit etwas Sämiggkeit entsteht. Bisher kochte ich die Kartoffeln, zerdrückte sie und rührte heiße Milch mit aufgelöster Butter hinein. Abgeschmeckt mit Pfeffer, etwas Vanille und Salz ist es perfekter Kartoffelbrei. Ob ich zu dem Spitzkohl Stampf oder Brei oder Salzkartoffeln gebe, entscheide ich später.
Chorizo gibt es nur als Scheiben in unserem Dorfkonsum namens EDEKA, hm, gut oder doch nicht gut? Auf jeden Fall nicht zu ändern, also werde ich die Scheiben einzeln braten. Spitzkohl schmeckt feiner und dezenter mit seinen zarten Blättern, feiner als Weißkohl, lese ich im Kochbuch. Er soll der verträglichste aller Kohlsorten sein. Und, sehr wichtig, er bläht nicht!
In Teile geschnitten, den Strunk entfernt, brate ich den Spitzkohl in Butter an, gebe etwas Senf, Zucker, Meersalz, Zitrone und Sahne dazu, lasse es köcheln, bis er bissfest ist. Die knusprigen Chorizoscheiben richte ich um den Kohl an. Der Geruch ist köstlich und Geschmack auch. Dazu gibt es Salzkartoffeln, die ich in dem Fett der Chorizo geschwenkt habe.
Ein Riesling aus dem Rheingau ist das passende Getränk.
Wie pflegt der Norddeutsche beim Anstoßen zu sagen:
»Nicht lang schnacken- Kopf in’n Nacken!«
Der Gatte schenkt ein und das Essen kann beginnen.

Corona-Splitter (3)

Kino

Etwas, was ich in diesen Zeiten so richtig vermisse, ist das Kino. Wieder einmal in den Sessel sinken, die fünf Bonbons essen, den Vorspann ansehen und dann in den Film eintauchen- das wär’s!

Ich habe immer genau fünf Bonbons mit und wenn der Hauptfilm startet, sind sie alle, ein Ritual. Schon in ganz frühen Jahren ging ich ins Kino. Wir wohnten auf dem Dorf, wo einmal im Monat im Dorfgasthof ein Film vorgeführt wurde. Nachmittags die Kindervorstellung und später noch zwei weitere Vorstellungen. Eine Kinokarte kostete 25 Pfennig und manchmal war selbst dieses Geld knapp, da wir sehr viele waren. Wenn ich kein Geld für die Karte bekam, lungerte ich vor dem Gasthof, bis der Vorführer, der mich schon kannte, sagte:

„Nun komm schon rein!“

1961

Ansonsten kaufte ich mir eine Karte und lief zur ersten Reihe. Ich sass immer in der ersten Reihe und wenn der Film begann, hatte ich die Kinokarte vor Aufregung aufgegessen. Begann der Film, vergass ich alles um mich herum und tauchte in eine fremde Welt ein. Die Bilder faszinierten mich und weckten Sehnsüchte nach fernen Ländern und einem anderen Leben.

Mein erster Erwachsenen-Film, in den mich meine Mutter mitnahm, war Anfang der sechziger Jahre VERGESST MIR MEINE TRAUDEL NICHT mit Eva Maria Hagen in der Hauptrolle. So richtig verstanden habe ich ihn nicht, es war eher das Gefühl, das man im Leben alles erreichen kann. Die 18jährige Traudel läuft aus einem Heim davon und hat nur einen Zettel bei sich, auf dem obiger Satz steht. Selbst fast noch ein Kind kommt sie mit Charme und Witz durchs Leben. Das gefiel mir.

Ende der 60iger Jahre kam der Film MANCHE MÖGEN’S HEISS in die Kinos. Auch nach Riesa! Ich schaute ihn dreimal an, an drei Tagen hintereinander. Einfach ein grandioser Film! Insgesamt sah ich ihn bestimmt über 20x und wenn er heute im TV kommt, schaue ich ihn wieder an. Inzwischen kann ich die Dialoge auswendig, klar. Und immer wieder amüsiere ich mich köstlich über den Wortwitz der Akteure.

Auf einer Rundreise durch Kalifornien besuchten wir das Hotel Coronado, wo einige Szenen des Filmes gedreht wurden.

Mir fällt bei der Erinnerung auf, dass ich sehr oft allein im Kino war. Es war für mich ein kurzes Vergessen des Alltages, den ich auch mit dem Lesen erreichte.

Ein Film, der mein Lebensgefühl absolut traf, war DIE LEGENDE VON PAUL UND PAULA. Inzwischen studierte ich in Berlin und die Kinos waren grösser und moderner. Dieser Film lief 1973 im Kino International in der Karl-Marx-Allee. Ich sah den Film 6x, an sechs Tagen hintereinander. Die Musik der Puhdys und die Texte der Lieder gingen unter die Haut, das Spiel von Angelika Domröse und Winfried Glatzeder war absolut authentisch, zwei Menschen, die sich in einer Zeit begegnen, in der sie einander brauchen, die nicht viel fragen. Die Fragen kommen erst, als aus dem Verliebtsein Liebe wird.

1971

Einer meiner ersten Filme im CAPITOL in Rostock war der Film EINER FLOG ÜBER’S KUCKUCKSNEST. Es war November, eisiger Wind pfiff durch die Breite Strasse und als ich aus dem Kino kam, fror ich noch mehr. Die Vortäuschung einer psychiatrischen Erkrankung, um dem Arbeitsdienst im Gefängnis zu entgehen, wird von Jack Nicholson gespielt und endet tragisch. Ich denke, diesen Film hat fast jeder gesehen.

1982

Ich gehöre zu denen, die nah am Wasser gebaut haben und natürlich im Kino weinen. Inzwischen so, dass die Tränen rinnen, aber kein Schluchzer ertönt. Stimmt nicht ganz!

Im Film WEISSER OLEANDER mit Michelle Pfeiffer musste ich fast von Anfang an weinen. Sie spielt in diesem Film eine alleinerziehende Mutter, die ihren Mann, der sie enttäuschte, vergiftet. Vom Gefängnis aus führt sie Korrespndenz mit ihrer Tochter, die in verschiedenen Pflegefamilien, teils im Heim aufwächst. Eine psychologische Studie, die brillant gespielt wurde und unter die Haut ging.

Neben mir sass damals ein Mann, der genauso heulte und schluchzte wie ich. Ich kannte ihn nicht, fand das aber sympathisch. Das Kino war mässig besetzt, ein Glück!

Nachdem die Tränen getrocknet waren, wir uns im Dämmerlicht scheu gemustert hatten, beschlossen wir, bei einem Glas Wein den Film auszuwerten. Es war ein langer Abend, denn es gab viele Parallelen in unserem Film-Konsum.

Inzwischen bevorzuge ich die Programmkinos aus einem banalen Grund heraus: es gibt kein Popkorn und die Filme sind anspruchsvoller.

Ich wurde irgendwann einmal gefragt, wie ich Filme auswähle und musste erst einmal überlegen. Krimis mag ich nicht so gern, weil ich Spannung schlecht aushalte. Diese schaue ich lieber Zuhause an, weil ich dort ständig das Zimmer verlassen kann. Filme mit Tiefgang, psychologisch angehaucht, ja, das mag ich. Sehr gern französische Filme, die auch der Gatte gern mag. Er kommt mit ins Kino, sofern es keine amerikanischen Filme und Psychodramas sind. Hat halt jeder eine Vorliebe.

Nun warte ich darauf, dass bald ein Kinobesuch möglich sein wird. Mit der Alternative Netflix und Streaming kann ich mich schlecht anfreunden, weil die Atmosphäre fehlt, diese Stimmung, wenn das Licht langsam ausgeht,das letzte Flüstern verstummt, es ganz dunkel wird und dann der Film beginnt.

Ich verstehe bis heute nicht, warum Kinos geschlossen sind und EDEKA in Warnemünde, wo man beim Einkaufen fast Hautkontakt hat, öffnen darf. Die Hygienregeln wurden mehr als eingehalten, jede zweite Reihe frei, zwei Plätze rechts und links ebenfalls frei. Es sei denn, man hatte mit dem direkten Nachbarn ein Verhältnis oder Beziehung oder gab es vor, dann durfte man nebeneinander sitzen.

PS. Eben kam die Nachricht, dass nächste Woche die Kinos in den USA unter bestimmten Bedingungen öffnen können. Das lässt hoffen! Wenn Amerika, nunmehr mit Präsident Biden, etwas vorgibt, ist es gut und Deutschland greift es auf.

Oder doch nicht?

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Corona-Splitter (2)

Erste Schritte

Der Lockdown ist seit heute vorbei, sagen wir besser, etwas vorbei, etwa 20 %, was jeder anders sieht. Die fehlenden 80% sind bei mir Kino, Theater, Konzert und Gruppentreffen.
Mich lockte heute der Zahnarzt nach Rostock, der an meinem Gebiss eine größere Reparatur durchführen will. Natürlich habe ich wieder Schiss!
Die ist S-Bahn voller als sonst. In der Straßenbahn ist jeder zweite Platz besetzt, im Gang dazwischen hat hat man fast Hautkontakt. Die Breite Straße und Kröpeliner Strasse sind nicht stark frequentiert. Schlangen sind nur vor dem Kaufhof, H&M und C&A, alles übersichtlich.

Völlig verkrampft sitze ich dann auf dem Stuhl, scherze mit dem Zahnarzt. Noch wird gelacht. Dann erzählt er, dass ein Verwandter von ihm früher bei CLOSED (Konfektionsfirma) gearbeitet, dabei viel zu sagen hatte und er immer Jeans aus dem Westen bekam. Die natürlich nie passten, vor allem hinten nicht.
Er hatte keinen richtigen, optisch gut sichtbaren Po in der Hose!
Nun, antwortete ich aus der schlechten Position heraus, wo nichts ist, kann auch die Hose nichts machen!
Kurzes Schweigen und dann Gelächter.
„Gerade wollte ich die Spritze aufziehen, aber das lass ich nun“, meinte er verschmitzt. Darauf konnte ich nicht antworten, denn der Mund stand wieder offen.


Nach dem Zahnarztbesuch eine Shoppingtour durch Rostock. Sehr kurze Tour! Am Eingang muss ein Vordruck mit Adresse ausgefüllt werden. Noch nichts mit LUCA-App! War es nur ein Schwatzen des Herrn Madsen?
Unabhängig davon, ich kaufe erst wieder ein, wenn die Spiegel in den Umkleidekabinen ausgetauscht sind. Ich habe mich irgendwie ganz anders in Erinnerung

Corona-Splitter (1)

Jutta, der Jammerlappen

Ich vermisse Kinos und Theater. Ich vermisse das Fitnesstudio mit der Sauna und Schwimmhalle. Zum Joggen im Regen oder zu Turnübungen vor dem Computer kann ich mich nicht aufraffen. Es reicht nur zum Frühsport. Ich vermisse die Galerien, den Besuch in der Kunsthalle. Ich vermisse das Reisen, einfach in ein warmes Land abhauen zu können. Ich vermisse es, durch Läden ohne Maske zu streifen.
Jammern hilft mir, auch, wenn keiner zuhört. Wenn ich eine Weile gejammert habe, geht es mir meistens besser. Nein, ich will nicht hören, dass es anderen viel schlechter geht, was sicher auch stimmt. Nur- was hilft mir das?
Stellt euch vor, ein Mann oder Frau ist gerade vom Fahrrad gefallen, hat sich die Hand gebrochen, Fuss verstaucht, brüllt vor Schmerzen, da sage ich ja auch nicht:
“ Sie haben Glück gehabt, nur eine Hand gebrochen. Das Rad ist auch noch heil. Nun machen Sie mal nicht so ein Theater!“
Das wäre unsensibel.
Ich aber will Trost, Verständnis, Zuwendung- das ist es, was ich will. Wenigstens kann mir keiner sagen, dass ich selber Schuld habe. Ich habe keine infizierte Fledermaus gegessen, deshalb bin ich unschuldig.
Ich will auch nicht politisieren und über Sinn und Unsinn einiger Massnahmen nachdenken und vielleicht sogar darüber zu diskutieren. Dazu bräuchte es Kraft, Energie, Hoffnung auf bessere Zeiten und das habe ich gerade wenig. Ich schaffe es gerade noch, zu sagen: Es ist zur Zeit nicht schön hier und früher war alles besser! Zumindest vor zwei Jahren.
Arbeiten, Essen, Kaufen, Kopulation und Netflix sind erlaubt. Immerhin.
Ich könnte mir einen Döner holen, denn auch zum Kochen fehlt mir manchmal die Lust. Bis ich Zuhause bin, wäre er kalt. Ich könnte mich in irgendeinen Hausflur stellen, wo es nicht so windig ist und den Döner heisshungrig runterschlingen. Müsste nur aufpassen, dass die Knoblauchsosse nicht runtertropft, Treppen verschmiert und ein zufällig daherkommender Hausbewohner mich anschnauzt. Irgendwie haben viele schlechte Laune. Ich vermisse die gute Laune, das Glück und werde dabei immer dicker.
Am schlimmsten ist für mich, dass sich wegen der Maske die Brille ständig beschlägt. Egal, wie ich den Maskenbügel biege, es funktioniert nicht. Wenn ich dann an der Kasse stehe und sehe, dass ich nicht den Spinat mit dem Blubb sondern den gehäckselten im Korb habe, bin ich meist zu faul, umzukehren.
Soll ich weiterjammern?
Wenn ich das nicht mehr dürfte, wäre das ein sehr, sehr grosser Verlust.
Prost!

Eine schusslige Rentnerin?

Dem gemeinen Rentner*in an sich
geht es gut in Zeiten mit Pandemie. Rente kommt pünktlich, Termine, wenn überhaupt, sind überschaubar und Kontakte meist steuerbar. Das einzige, was zu schaffen macht oder machen könnte, ist er/sie selber und der Stand seiner/ihrer eventuell beginnenden Demenz.
Ich spreche jetzt von mir!
Samstags stelle ich mir den Wecker, vertraue nicht auf das natürliche Erwachen, denn es ist Markttag. Direkt vor der Haustür werden gesunde und nicht so ganz gesunde Waren nebst Blumen/Sträuchern angeboten. Frische Eier, gelegt von Hühnern mit nachweisbarer Vita, gehören zum Standardangebot.
Ein Besuch ist Pflicht!
Seit der Gatte, mit extremen Ehrgeiz, einen Teil der Hausarbeit nebst Einkaufen übernommen hat, ist mein Anteil daran überschaubar geworden. An den Stand mit Wildfleisch kann ich ihn noch nicht allein lassen, da fehlt ihm schlicht die Fachkenntnis. Immer wieder will er allein hingehen und beweisen, dass er schon „gross“ ist und es schafft, das Richtige zu kaufen. Milde lächelnd nehme ich dann seine gekauften Produkte entgegen und überlege gleichzeitig, was daraus gemacht werden könnte.
Allein- der Wille zählt.
Heute ist ein trister Tag, kalt, neblig, ungemütlich. Schnell über den Markt gehuscht, das Übliche gekauft, Lebensmittel zuhause gebunkert, die Tasche gegen eine andere ausgetauscht. Nächster Weg, nunmehr mit Rad, zum Fischkauf an den Hafen. Nur Heringe im Angebot! Wird spontan abgelehnt nach einem prägenden Erlebnis. Briet vor Jahren Heringe in der Wohnung, Freundin besuchte mich eine Woche später und meinte: „Oh! Riecht das lecker bei dir, hast du HEUTE Heringe gebraten?“
Eine Woche Fischgeruch in der Wohnung will keiner. Ich auch nicht.
Weiterfahrt zum REWE!
Während der Fahrt Umdisponieren des Mittagessens von Fisch auf Porree, Kartoffeln und Salsiccia (italienische Bratwurst). Das Glück ist mir hold, drei Sorten der Wurst im Angebot! Ich entscheide mich für Fenchel, passt gut zu Porree.
Kurz vor der Kasse greife ich locker in die Tasche zum Geldbeutel- nichts! Ich wühle in der Tasche, immer noch nichts. Also kein Geld mit und kurze Überlegung, wieso ich auf dem Markt bezahlen konnte und nun nicht mehr? Keinerlei Erinnerung. Egal! Umschauen, wer mir Geld leihen könnte. Das ist der Vorteil, wenn man auf dem Dorf wohnt, einen kennt man immer.
Nur eben heute nicht.
Also Wurst wieder ins Regal, das andere Beiwerk auch und zurück, Geld holen. Stopp!
Da steht Frau P. und verstaut ihren Rieseneinkauf im Mercedes-Cabrio. Auf meine Frage, ob sie mir 10€ leihen kann, lacht sie laut auf und meint:“Wer hat denn heute noch Bargeld?“ Sie jedenfalls nicht.
Oh! Da kommt Ehepaar B., ebenfalls voll beladen, aber nicht vom REWE, sondern vom ALDI. Auch hier meine Frage nach 10€.
„Also, ich habe gar kein Geld mehr, seit ich Zuhause bin, das macht mein Mann“, tönt es von Frau B., „… er macht inzwischen alles!“
Herr B. schleppt zwei schwere Taschen mit Gemüse und anderen leckeren Dingen. Wieso kauft er das nicht auf dem Markt?, schiesst kurz ein Gedanke durch mein Hirn. Bargeld habe ich auch keins, meint er, aber ich soll mal warten und beginnt in all seinen Taschen zu wühlen. Tatsächlich, er findet zwei 5€-Scheine. Glück gehabt! Wir quatschen noch über die aktuelle Corona-Situation, was alles geht und was nicht, bis seine Frau meint, er solle die Maske aufsetzen, wenn er mit mir spricht, daran denken, dass sie heute noch ein Paket erwartet und langsam mit dem Gequatsche, das eh nichts bringt, aufhören. Klare Ansage!
Ich setze ebenfalls die Maske auf, laufe zurück ins Geschäft, hole die Wurst und mit Rad geht es zurück ins warme Nest. Nach wie vor eisig kalt. Zuhause angekommen, merke ich, dass ich immer noch die Maske trage. Wie doof ist das denn? Auf dem Fahrrad mit Maske!
Immerhin- sie hat den kalten Wind abgehalten. Schade, dass es keiner gesehen hat, wie systemrelevant ich mich verhalte.
Im Gang zum Haus steht die Tasche vom Markt und griffbereit daneben liegt der Geldbeutel!!
Ist das nun eine Form von Demenz oder nur Schussligkeit?

Lakrids by Bülow

Heute hatte ich ein Erlebnis der besonderen Art!
Kürzlich erzählte mir eine Bekannte, dass ihr Mann einen Weihnachtskalender mit Produkten von ‚Lakrids by Bülow‘ geschenkt bekommen hat.
Sofort war ich aufmerksam! Lakritz liebe ich schon immer, erinnerte mich an das aus Island und natürlich Amsterdam.
Wo gab es LAKRIDS by Bülow?
Ich musste es haben!
Google sagte, im eigenen Online-Shop von LAKRIDS und Geschäften in großen Städten wie HH bzw. Berlin. Also nicht bei uns auf dem Land. Enttäuschung breitete sich aus.
Auf meinem Pandemie-Spaziergang zum Schutz vor Corvid 19 lief ich durch die Straße Am Leuchtturm und stolperte fast über einen Fahrradständer. Nein, ich war nicht betrunken, es war nur dunkel. Was ich dann als Werbung auf dem Ständer las, entzückte mich: LAKRIDS by Bülow! Leider war es nach 18 Uhr und das Geschäft geschlossen.
Am nächsten Tag um 11 Uhr stand ich auf der Matte und tatsächlich, der BASSETTI-Laden führt neben vielen schönen Textilien und Dingen für das Auge und die Haptik auch besagte Lakritzerzeugnisse.
Sehr nette Beratung durch die Chefin, Frau von der Thüsen, mit Verkostung und nach einer halben Stunde hatte ich meine zwei Dosen LAKRIDS, einmal mit gesalzenem Karamell und einmal mit Kaffee/Schokolade ummantelt.
Die Schokolade außen mit Kaffee-bzw. Karamellgeschmack schmeckte einfach nur köstlich. Von dem Lakritzkern war ich enttäuscht, fand ihn zu lasch, einfach zu mild.
Ich ging deshalb nochmals zu Frau ‚Bassetti’, um ihr mein Problemchen vorzutragen. Sie wusste sofort, wovon ich sprach und meinte, viele mögen eher den milden Geschmack. Richtig ‚scharf‘ sind die Salmiakkugeln mit Schokolade. Sie gab mir eine. Tatsächlich!
Genau das war der Geschmack, den ich wollte. Damit ich wirklich sicher war, gab es noch drei andere Kugeln zum Vergleich- sehr großzügig.
Ich gestand ihr, dass ich den Inhalt einer Dose sofort aufgegessen hatte. Trotzdem es nicht so war, wie ich es mir vorgestellt hatte. Aber die Schokolade außen war einfach nur köstlich. „Möchten Sie noch eine Dose von den Salmiakkugeln mit Schokolade mitnehmen?“, fragte sie.
Ich wollte, hatte aber kein Geld mit.
„Das macht nichts“, meinte sie „bringen Sie es morgen oder übermorgen vorbei!“
Wow! Welch ein Vertrauen.
Ich steckte die Dose ein und sie sah auf meine Uhr, erzählte, ihre Schwester habe auch so eine und dass bei ihr selbst der erste Wert beim Blutdruck extrem hoch und der zweite sehr niedrig sei. Der Blutsauerstoff sei auch zu niedrig.
Das war mein Stichwort und Startschuss!
Sofort nahm ich meine Uhr ab, band sie ihr um und dann, siehe da: 94% Sauerstoffgehalt im Blut!
Sie zufrieden mit ihrem Sauerstoff, ich zufrieden mit den Salmiakkugeln in Schokolade und bereit für einen neuen Gourmet-Abend im Sessel.

Impressionen Sommer 2020

Susi lacht

Wenn ich morgens das Haus Richtung Strand verlasse, steht manchmal ein weisses Rad vor dem Hauseingang. Nicht immer, aber ziemlich oft. Es ist ein weisses SCOTT-Rad, etwas Besonderes nicht nur in der Farbe sondern auch rein technisch gesehen. Wer fährt schon ein weisses Rad, das gepflegt werden will? Ich kenne keinen ausser Frau W. aus W., die einen “Fahrrad-Pfleger” hat, der ab und an mosert, warum es ein weisses Rad sein musste.
Das Rad vor der Tür gehört Susi, die es günstig erstanden und schon einen Teil ihres grossen Gehaltes in Durchsichten und Reperaturen investiert hat.
Laufe ich morgens an der Tür zur Zimmervermittlung vorbei, wo sie beschäftigt ist, dann lacht sie und winkt. Genau wie ich. Lachen und winken.
Morgens ist die Welt in Ordnung.
Susi kommt aus Magdeburg und hat sich irgendwann in den Norden verliebt. Nun teilt sie ihre Gunst zwischen dem Norden und der Mitte von Deutschland. Natürlich hat sie einen Freund, den Stefan, der aber nicht in den Norden will. Gern für ein Wochenende oder etwas mehr am Meer, aber nicht für immer.
Susi ist immer modisch gekleidet und kann so ziemlich alles tragen. Ausser schwere Wassereimer, aber die trägt ja der Stefan. Neulich postete Susi Bilder vom Strand, auf dem ein Stuhl mit einer gelben Tasche zu sehen war.

Wow! Der Designer muss beim Kreieren der Form und Farbe ein Bild von einer Frau wie Susi vor Augen gehabt haben. Gross, blond, schlank und immer ein Lachen im Gesicht! Dazu das Meer, das als Kontrast im Hintergrund leuchtet. Ist die Tasche praktisch? Auf jeden Fall, denn sie ist gross. Als ich das Bild sah, hätte ich gern die Tasche gefragt, wo sie schon überall war. Am Mittelmeer? Oder doch nur am Strand der Ostsee? Am Badesee? Oder vielleicht wurde sie zum schnellen Einkauf bei EDEKA missbraucht?
Man weiss es nicht.
Tagsüber herrscht reger Betrieb bei der Zimmervermittlung bzw. es wird unentwegt telefoniert. Warnemünde ist ein gefragter Ort und in Zeiten der Pandemie noch mehr. Nun lacht Susi nicht mehr so viel, denn bei einigen Kunden vergeht ihr das Lachen. Ihr Gesicht ziert jetzt ein Lächeln, dass weisse Zähne ahnen aber nicht sehen lässt.
Um 17 Uhr hat sie Schluss und radelt zurück nach Nienhagen. Sicher etwas gemächlicher als am Morgen. Hält sie unterwegs an und springt in die Ostsee? Und wen lacht sie unterwegs an? Oder wird sie angelacht? Wird sie angeflirtet und flirtet zurück?
Man weiss auch das nicht.
Ich weiss nur, dass es sehr erfrischend ist, wenn Susi lacht, sich freut und diese Lebensfreude an andere weitergibt.
07j20w