Corina-Splitter (4)

Spitzkohl

Die Pandemie teilt die Menschen für mich in zwei Gruppen, in eine, die gern kocht und eine andere, die dem Kochen nichts abgewinnen kann. Der eine Teil wartet, dass die Restaurants wieder öffnen und der andere probiert sich am Herd aus.
Ich gehöre zur zweiten Gruppe und koche jeden Tag, auch deshalb, um dem Alltag etwas Struktur zu geben. Ich gestehe, dass ich neuerdings gern mal eine Kochshow ansehe. Es überrascht mich immer wieder, wie ein Hobbykoch in 30 Minuten ein Essen kochen kann. Das auch noch schmeckt. Ich ertappe mich, dass ich denke, da wird bestimmt geschummelt, denn bei mir klappt das nie!
Wobei- ich hab es noch nie probiert.
Am Kochen fasziniert mich die relative Ungenauigkeit und der Mangel an Disziplin. Sollte ich hier in der Küche versagen, sind die Folgen nicht schlimm: Enttäuschung, vielleicht ein Anflug von selten geäußerter Unzufriedenheit. Ich mag Kochbuchautoren, die von einer ’Handvoll’ reden, eine ’Prise’, davon dieses oder jenes großzügig untermengen. Die Autoren geben alternative Zutaten an und ermuntern zu Experimenten. Ich bin nicht die ordentliche Köchin und koche meist nach Gefühl. Der Erfolg gibt mir Recht. Ich mag es , wenn Gäste mitkochen und wir ein Glas Wein trinken. Wir betrinken uns nicht, sondern es inspiriert zu einem lockeren Umgang mit den Zutaten.
Zur Zeit spricht man viel von Nachhaltigkeit und auch davon, Produkte aus der Region zu verarbeiten. Eines meiner Lieblingsgerichte sind Spaghetti mit Pesto, dick mit geriebenem Parmesan bestreut und dazu gegrillten Lachs. Köstlich! Okay, nicht unbedingt Produkte aus der Region, außer die Spagetti, die sind vom EDEKA am Kirchenplatz.
Gilt das?
Neulich hörte ich, dass Spitzkohl angesagt ist, den ich noch nie verarbeitet habe. Ich erinnere mich, dass es früher in der Betriebsküche Krautgulasch gab.
Meine persönliche Challenge ist es jetzt, eine Art Krautgulasch alá Jutta zu kreieren.

Als erste Zutat fällt mir Chorizo ein, eine feste, grobkörnige mit Paprika und Knoblauch gewürzte Rohwurst. Früher nahmen wir Knacker, aber der Kohl soll etwas Flair haben, so, als hätte er die Welt gesehen und nicht nur eine deutsche Ackerfurche. Dazu Kartoffelbrei, nein, Kartoffelstampf heißt das jetzt.
Die Kartoffeln werden nicht mehr total zermanscht, sondern mit warmer Milch gestampft und haben noch Struktur. Kalte Butter wird untergemischt, damit etwas Sämiggkeit entsteht. Bisher kochte ich die Kartoffeln, zerdrückte sie und rührte heiße Milch mit aufgelöster Butter hinein. Abgeschmeckt mit Pfeffer, etwas Vanille und Salz ist es perfekter Kartoffelbrei. Ob ich zu dem Spitzkohl Stampf oder Brei oder Salzkartoffeln gebe, entscheide ich später.
Chorizo gibt es nur als Scheiben in unserem Dorfkonsum namens EDEKA, hm, gut oder doch nicht gut? Auf jeden Fall nicht zu ändern, also werde ich die Scheiben einzeln braten. Spitzkohl schmeckt feiner und dezenter mit seinen zarten Blättern, feiner als Weißkohl, lese ich im Kochbuch. Er soll der verträglichste aller Kohlsorten sein. Und, sehr wichtig, er bläht nicht!
In Teile geschnitten, den Strunk entfernt, brate ich den Spitzkohl in Butter an, gebe etwas Senf, Zucker, Meersalz, Zitrone und Sahne dazu, lasse es köcheln, bis er bissfest ist. Die knusprigen Chorizoscheiben richte ich um den Kohl an. Der Geruch ist köstlich und Geschmack auch. Dazu gibt es Salzkartoffeln, die ich in dem Fett der Chorizo geschwenkt habe.
Ein Riesling aus dem Rheingau ist das passende Getränk.
Wie pflegt der Norddeutsche beim Anstoßen zu sagen:
»Nicht lang schnacken- Kopf in’n Nacken!«
Der Gatte schenkt ein und das Essen kann beginnen.

Corona-Splitter (3)

Kino

Etwas, was ich in diesen Zeiten so richtig vermisse, ist das Kino. Wieder einmal in den Sessel sinken, die fünf Bonbons essen, den Vorspann ansehen und dann in den Film eintauchen- das wär’s!

Ich habe immer genau fünf Bonbons mit und wenn der Hauptfilm startet, sind sie alle, ein Ritual. Schon in ganz frühen Jahren ging ich ins Kino. Wir wohnten auf dem Dorf, wo einmal im Monat im Dorfgasthof ein Film vorgeführt wurde. Nachmittags die Kindervorstellung und später noch zwei weitere Vorstellungen. Eine Kinokarte kostete 25 Pfennig und manchmal war selbst dieses Geld knapp, da wir sehr viele waren. Wenn ich kein Geld für die Karte bekam, lungerte ich vor dem Gasthof, bis der Vorführer, der mich schon kannte, sagte:

„Nun komm schon rein!“

1961

Ansonsten kaufte ich mir eine Karte und lief zur ersten Reihe. Ich sass immer in der ersten Reihe und wenn der Film begann, hatte ich die Kinokarte vor Aufregung aufgegessen. Begann der Film, vergass ich alles um mich herum und tauchte in eine fremde Welt ein. Die Bilder faszinierten mich und weckten Sehnsüchte nach fernen Ländern und einem anderen Leben.

Mein erster Erwachsenen-Film, in den mich meine Mutter mitnahm, war Anfang der sechziger Jahre VERGESST MIR MEINE TRAUDEL NICHT mit Eva Maria Hagen in der Hauptrolle. So richtig verstanden habe ich ihn nicht, es war eher das Gefühl, das man im Leben alles erreichen kann. Die 18jährige Traudel läuft aus einem Heim davon und hat nur einen Zettel bei sich, auf dem obiger Satz steht. Selbst fast noch ein Kind kommt sie mit Charme und Witz durchs Leben. Das gefiel mir.

Ende der 60iger Jahre kam der Film MANCHE MÖGEN’S HEISS in die Kinos. Auch nach Riesa! Ich schaute ihn dreimal an, an drei Tagen hintereinander. Einfach ein grandioser Film! Insgesamt sah ich ihn bestimmt über 20x und wenn er heute im TV kommt, schaue ich ihn wieder an. Inzwischen kann ich die Dialoge auswendig, klar. Und immer wieder amüsiere ich mich köstlich über den Wortwitz der Akteure.

Auf einer Rundreise durch Kalifornien besuchten wir das Hotel Coronado, wo einige Szenen des Filmes gedreht wurden.

Mir fällt bei der Erinnerung auf, dass ich sehr oft allein im Kino war. Es war für mich ein kurzes Vergessen des Alltages, den ich auch mit dem Lesen erreichte.

Ein Film, der mein Lebensgefühl absolut traf, war DIE LEGENDE VON PAUL UND PAULA. Inzwischen studierte ich in Berlin und die Kinos waren grösser und moderner. Dieser Film lief 1973 im Kino International in der Karl-Marx-Allee. Ich sah den Film 6x, an sechs Tagen hintereinander. Die Musik der Puhdys und die Texte der Lieder gingen unter die Haut, das Spiel von Angelika Domröse und Winfried Glatzeder war absolut authentisch, zwei Menschen, die sich in einer Zeit begegnen, in der sie einander brauchen, die nicht viel fragen. Die Fragen kommen erst, als aus dem Verliebtsein Liebe wird.

1971

Einer meiner ersten Filme im CAPITOL in Rostock war der Film EINER FLOG ÜBER’S KUCKUCKSNEST. Es war November, eisiger Wind pfiff durch die Breite Strasse und als ich aus dem Kino kam, fror ich noch mehr. Die Vortäuschung einer psychiatrischen Erkrankung, um dem Arbeitsdienst im Gefängnis zu entgehen, wird von Jack Nicholson gespielt und endet tragisch. Ich denke, diesen Film hat fast jeder gesehen.

1982

Ich gehöre zu denen, die nah am Wasser gebaut haben und natürlich im Kino weinen. Inzwischen so, dass die Tränen rinnen, aber kein Schluchzer ertönt. Stimmt nicht ganz!

Im Film WEISSER OLEANDER mit Michelle Pfeiffer musste ich fast von Anfang an weinen. Sie spielt in diesem Film eine alleinerziehende Mutter, die ihren Mann, der sie enttäuschte, vergiftet. Vom Gefängnis aus führt sie Korrespndenz mit ihrer Tochter, die in verschiedenen Pflegefamilien, teils im Heim aufwächst. Eine psychologische Studie, die brillant gespielt wurde und unter die Haut ging.

Neben mir sass damals ein Mann, der genauso heulte und schluchzte wie ich. Ich kannte ihn nicht, fand das aber sympathisch. Das Kino war mässig besetzt, ein Glück!

Nachdem die Tränen getrocknet waren, wir uns im Dämmerlicht scheu gemustert hatten, beschlossen wir, bei einem Glas Wein den Film auszuwerten. Es war ein langer Abend, denn es gab viele Parallelen in unserem Film-Konsum.

Inzwischen bevorzuge ich die Programmkinos aus einem banalen Grund heraus: es gibt kein Popkorn und die Filme sind anspruchsvoller.

Ich wurde irgendwann einmal gefragt, wie ich Filme auswähle und musste erst einmal überlegen. Krimis mag ich nicht so gern, weil ich Spannung schlecht aushalte. Diese schaue ich lieber Zuhause an, weil ich dort ständig das Zimmer verlassen kann. Filme mit Tiefgang, psychologisch angehaucht, ja, das mag ich. Sehr gern französische Filme, die auch der Gatte gern mag. Er kommt mit ins Kino, sofern es keine amerikanischen Filme und Psychodramas sind. Hat halt jeder eine Vorliebe.

Nun warte ich darauf, dass bald ein Kinobesuch möglich sein wird. Mit der Alternative Netflix und Streaming kann ich mich schlecht anfreunden, weil die Atmosphäre fehlt, diese Stimmung, wenn das Licht langsam ausgeht,das letzte Flüstern verstummt, es ganz dunkel wird und dann der Film beginnt.

Ich verstehe bis heute nicht, warum Kinos geschlossen sind und EDEKA in Warnemünde, wo man beim Einkaufen fast Hautkontakt hat, öffnen darf. Die Hygienregeln wurden mehr als eingehalten, jede zweite Reihe frei, zwei Plätze rechts und links ebenfalls frei. Es sei denn, man hatte mit dem direkten Nachbarn ein Verhältnis oder Beziehung oder gab es vor, dann durfte man nebeneinander sitzen.

PS. Eben kam die Nachricht, dass nächste Woche die Kinos in den USA unter bestimmten Bedingungen öffnen können. Das lässt hoffen! Wenn Amerika, nunmehr mit Präsident Biden, etwas vorgibt, ist es gut und Deutschland greift es auf.

Oder doch nicht?

3j21w

Corona-Splitter (2)

Erste Schritte

Der Lockdown ist seit heute vorbei, sagen wir besser, etwas vorbei, etwa 20 %, was jeder anders sieht. Die fehlenden 80% sind bei mir Kino, Theater, Konzert und Gruppentreffen.
Mich lockte heute der Zahnarzt nach Rostock, der an meinem Gebiss eine größere Reparatur durchführen will. Natürlich habe ich wieder Schiss!
Die ist S-Bahn voller als sonst. In der Straßenbahn ist jeder zweite Platz besetzt, im Gang dazwischen hat hat man fast Hautkontakt. Die Breite Straße und Kröpeliner Strasse sind nicht stark frequentiert. Schlangen sind nur vor dem Kaufhof, H&M und C&A, alles übersichtlich.

Völlig verkrampft sitze ich dann auf dem Stuhl, scherze mit dem Zahnarzt. Noch wird gelacht. Dann erzählt er, dass ein Verwandter von ihm früher bei CLOSED (Konfektionsfirma) gearbeitet, dabei viel zu sagen hatte und er immer Jeans aus dem Westen bekam. Die natürlich nie passten, vor allem hinten nicht.
Er hatte keinen richtigen, optisch gut sichtbaren Po in der Hose!
Nun, antwortete ich aus der schlechten Position heraus, wo nichts ist, kann auch die Hose nichts machen!
Kurzes Schweigen und dann Gelächter.
„Gerade wollte ich die Spritze aufziehen, aber das lass ich nun“, meinte er verschmitzt. Darauf konnte ich nicht antworten, denn der Mund stand wieder offen.


Nach dem Zahnarztbesuch eine Shoppingtour durch Rostock. Sehr kurze Tour! Am Eingang muss ein Vordruck mit Adresse ausgefüllt werden. Noch nichts mit LUCA-App! War es nur ein Schwatzen des Herrn Madsen?
Unabhängig davon, ich kaufe erst wieder ein, wenn die Spiegel in den Umkleidekabinen ausgetauscht sind. Ich habe mich irgendwie ganz anders in Erinnerung

Corona-Splitter (1)

Jutta, der Jammerlappen

Ich vermisse Kinos und Theater. Ich vermisse das Fitnesstudio mit der Sauna und Schwimmhalle. Zum Joggen im Regen oder zu Turnübungen vor dem Computer kann ich mich nicht aufraffen. Es reicht nur zum Frühsport. Ich vermisse die Galerien, den Besuch in der Kunsthalle. Ich vermisse das Reisen, einfach in ein warmes Land abhauen zu können. Ich vermisse es, durch Läden ohne Maske zu streifen.
Jammern hilft mir, auch, wenn keiner zuhört. Wenn ich eine Weile gejammert habe, geht es mir meistens besser. Nein, ich will nicht hören, dass es anderen viel schlechter geht, was sicher auch stimmt. Nur- was hilft mir das?
Stellt euch vor, ein Mann oder Frau ist gerade vom Fahrrad gefallen, hat sich die Hand gebrochen, Fuss verstaucht, brüllt vor Schmerzen, da sage ich ja auch nicht:
“ Sie haben Glück gehabt, nur eine Hand gebrochen. Das Rad ist auch noch heil. Nun machen Sie mal nicht so ein Theater!“
Das wäre unsensibel.
Ich aber will Trost, Verständnis, Zuwendung- das ist es, was ich will. Wenigstens kann mir keiner sagen, dass ich selber Schuld habe. Ich habe keine infizierte Fledermaus gegessen, deshalb bin ich unschuldig.
Ich will auch nicht politisieren und über Sinn und Unsinn einiger Massnahmen nachdenken und vielleicht sogar darüber zu diskutieren. Dazu bräuchte es Kraft, Energie, Hoffnung auf bessere Zeiten und das habe ich gerade wenig. Ich schaffe es gerade noch, zu sagen: Es ist zur Zeit nicht schön hier und früher war alles besser! Zumindest vor zwei Jahren.
Arbeiten, Essen, Kaufen, Kopulation und Netflix sind erlaubt. Immerhin.
Ich könnte mir einen Döner holen, denn auch zum Kochen fehlt mir manchmal die Lust. Bis ich Zuhause bin, wäre er kalt. Ich könnte mich in irgendeinen Hausflur stellen, wo es nicht so windig ist und den Döner heisshungrig runterschlingen. Müsste nur aufpassen, dass die Knoblauchsosse nicht runtertropft, Treppen verschmiert und ein zufällig daherkommender Hausbewohner mich anschnauzt. Irgendwie haben viele schlechte Laune. Ich vermisse die gute Laune, das Glück und werde dabei immer dicker.
Am schlimmsten ist für mich, dass sich wegen der Maske die Brille ständig beschlägt. Egal, wie ich den Maskenbügel biege, es funktioniert nicht. Wenn ich dann an der Kasse stehe und sehe, dass ich nicht den Spinat mit dem Blubb sondern den gehäckselten im Korb habe, bin ich meist zu faul, umzukehren.
Soll ich weiterjammern?
Wenn ich das nicht mehr dürfte, wäre das ein sehr, sehr grosser Verlust.
Prost!

Eine schusslige Rentnerin?

Dem gemeinen Rentner*in an sich
geht es gut in Zeiten mit Pandemie. Rente kommt pünktlich, Termine, wenn überhaupt, sind überschaubar und Kontakte meist steuerbar. Das einzige, was zu schaffen macht oder machen könnte, ist er/sie selber und der Stand seiner/ihrer eventuell beginnenden Demenz.
Ich spreche jetzt von mir!
Samstags stelle ich mir den Wecker, vertraue nicht auf das natürliche Erwachen, denn es ist Markttag. Direkt vor der Haustür werden gesunde und nicht so ganz gesunde Waren nebst Blumen/Sträuchern angeboten. Frische Eier, gelegt von Hühnern mit nachweisbarer Vita, gehören zum Standardangebot.
Ein Besuch ist Pflicht!
Seit der Gatte, mit extremen Ehrgeiz, einen Teil der Hausarbeit nebst Einkaufen übernommen hat, ist mein Anteil daran überschaubar geworden. An den Stand mit Wildfleisch kann ich ihn noch nicht allein lassen, da fehlt ihm schlicht die Fachkenntnis. Immer wieder will er allein hingehen und beweisen, dass er schon „gross“ ist und es schafft, das Richtige zu kaufen. Milde lächelnd nehme ich dann seine gekauften Produkte entgegen und überlege gleichzeitig, was daraus gemacht werden könnte.
Allein- der Wille zählt.
Heute ist ein trister Tag, kalt, neblig, ungemütlich. Schnell über den Markt gehuscht, das Übliche gekauft, Lebensmittel zuhause gebunkert, die Tasche gegen eine andere ausgetauscht. Nächster Weg, nunmehr mit Rad, zum Fischkauf an den Hafen. Nur Heringe im Angebot! Wird spontan abgelehnt nach einem prägenden Erlebnis. Briet vor Jahren Heringe in der Wohnung, Freundin besuchte mich eine Woche später und meinte: „Oh! Riecht das lecker bei dir, hast du HEUTE Heringe gebraten?“
Eine Woche Fischgeruch in der Wohnung will keiner. Ich auch nicht.
Weiterfahrt zum REWE!
Während der Fahrt Umdisponieren des Mittagessens von Fisch auf Porree, Kartoffeln und Salsiccia (italienische Bratwurst). Das Glück ist mir hold, drei Sorten der Wurst im Angebot! Ich entscheide mich für Fenchel, passt gut zu Porree.
Kurz vor der Kasse greife ich locker in die Tasche zum Geldbeutel- nichts! Ich wühle in der Tasche, immer noch nichts. Also kein Geld mit und kurze Überlegung, wieso ich auf dem Markt bezahlen konnte und nun nicht mehr? Keinerlei Erinnerung. Egal! Umschauen, wer mir Geld leihen könnte. Das ist der Vorteil, wenn man auf dem Dorf wohnt, einen kennt man immer.
Nur eben heute nicht.
Also Wurst wieder ins Regal, das andere Beiwerk auch und zurück, Geld holen. Stopp!
Da steht Frau P. und verstaut ihren Rieseneinkauf im Mercedes-Cabrio. Auf meine Frage, ob sie mir 10€ leihen kann, lacht sie laut auf und meint:“Wer hat denn heute noch Bargeld?“ Sie jedenfalls nicht.
Oh! Da kommt Ehepaar B., ebenfalls voll beladen, aber nicht vom REWE, sondern vom ALDI. Auch hier meine Frage nach 10€.
„Also, ich habe gar kein Geld mehr, seit ich Zuhause bin, das macht mein Mann“, tönt es von Frau B., „… er macht inzwischen alles!“
Herr B. schleppt zwei schwere Taschen mit Gemüse und anderen leckeren Dingen. Wieso kauft er das nicht auf dem Markt?, schiesst kurz ein Gedanke durch mein Hirn. Bargeld habe ich auch keins, meint er, aber ich soll mal warten und beginnt in all seinen Taschen zu wühlen. Tatsächlich, er findet zwei 5€-Scheine. Glück gehabt! Wir quatschen noch über die aktuelle Corona-Situation, was alles geht und was nicht, bis seine Frau meint, er solle die Maske aufsetzen, wenn er mit mir spricht, daran denken, dass sie heute noch ein Paket erwartet und langsam mit dem Gequatsche, das eh nichts bringt, aufhören. Klare Ansage!
Ich setze ebenfalls die Maske auf, laufe zurück ins Geschäft, hole die Wurst und mit Rad geht es zurück ins warme Nest. Nach wie vor eisig kalt. Zuhause angekommen, merke ich, dass ich immer noch die Maske trage. Wie doof ist das denn? Auf dem Fahrrad mit Maske!
Immerhin- sie hat den kalten Wind abgehalten. Schade, dass es keiner gesehen hat, wie systemrelevant ich mich verhalte.
Im Gang zum Haus steht die Tasche vom Markt und griffbereit daneben liegt der Geldbeutel!!
Ist das nun eine Form von Demenz oder nur Schussligkeit?

Lakrids by Bülow

Heute hatte ich ein Erlebnis der besonderen Art!
Kürzlich erzählte mir eine Bekannte, dass ihr Mann einen Weihnachtskalender mit Produkten von ‚Lakrids by Bülow‘ geschenkt bekommen hat.
Sofort war ich aufmerksam! Lakritz liebe ich schon immer, erinnerte mich an das aus Island und natürlich Amsterdam.
Wo gab es LAKRIDS by Bülow?
Ich musste es haben!
Google sagte, im eigenen Online-Shop von LAKRIDS und Geschäften in großen Städten wie HH bzw. Berlin. Also nicht bei uns auf dem Land. Enttäuschung breitete sich aus.
Auf meinem Pandemie-Spaziergang zum Schutz vor Corvid 19 lief ich durch die Straße Am Leuchtturm und stolperte fast über einen Fahrradständer. Nein, ich war nicht betrunken, es war nur dunkel. Was ich dann als Werbung auf dem Ständer las, entzückte mich: LAKRIDS by Bülow! Leider war es nach 18 Uhr und das Geschäft geschlossen.
Am nächsten Tag um 11 Uhr stand ich auf der Matte und tatsächlich, der BASSETTI-Laden führt neben vielen schönen Textilien und Dingen für das Auge und die Haptik auch besagte Lakritzerzeugnisse.
Sehr nette Beratung durch die Chefin, Frau von der Thüsen, mit Verkostung und nach einer halben Stunde hatte ich meine zwei Dosen LAKRIDS, einmal mit gesalzenem Karamell und einmal mit Kaffee/Schokolade ummantelt.
Die Schokolade außen mit Kaffee-bzw. Karamellgeschmack schmeckte einfach nur köstlich. Von dem Lakritzkern war ich enttäuscht, fand ihn zu lasch, einfach zu mild.
Ich ging deshalb nochmals zu Frau ‚Bassetti’, um ihr mein Problemchen vorzutragen. Sie wusste sofort, wovon ich sprach und meinte, viele mögen eher den milden Geschmack. Richtig ‚scharf‘ sind die Salmiakkugeln mit Schokolade. Sie gab mir eine. Tatsächlich!
Genau das war der Geschmack, den ich wollte. Damit ich wirklich sicher war, gab es noch drei andere Kugeln zum Vergleich- sehr großzügig.
Ich gestand ihr, dass ich den Inhalt einer Dose sofort aufgegessen hatte. Trotzdem es nicht so war, wie ich es mir vorgestellt hatte. Aber die Schokolade außen war einfach nur köstlich. „Möchten Sie noch eine Dose von den Salmiakkugeln mit Schokolade mitnehmen?“, fragte sie.
Ich wollte, hatte aber kein Geld mit.
„Das macht nichts“, meinte sie „bringen Sie es morgen oder übermorgen vorbei!“
Wow! Welch ein Vertrauen.
Ich steckte die Dose ein und sie sah auf meine Uhr, erzählte, ihre Schwester habe auch so eine und dass bei ihr selbst der erste Wert beim Blutdruck extrem hoch und der zweite sehr niedrig sei. Der Blutsauerstoff sei auch zu niedrig.
Das war mein Stichwort und Startschuss!
Sofort nahm ich meine Uhr ab, band sie ihr um und dann, siehe da: 94% Sauerstoffgehalt im Blut!
Sie zufrieden mit ihrem Sauerstoff, ich zufrieden mit den Salmiakkugeln in Schokolade und bereit für einen neuen Gourmet-Abend im Sessel.

Impressionen Sommer 2020

Susi lacht

Wenn ich morgens das Haus Richtung Strand verlasse, steht manchmal ein weisses Rad vor dem Hauseingang. Nicht immer, aber ziemlich oft. Es ist ein weisses SCOTT-Rad, etwas Besonderes nicht nur in der Farbe sondern auch rein technisch gesehen. Wer fährt schon ein weisses Rad, das gepflegt werden will? Ich kenne keinen ausser Frau W. aus W., die einen “Fahrrad-Pfleger” hat, der ab und an mosert, warum es ein weisses Rad sein musste.
Das Rad vor der Tür gehört Susi, die es günstig erstanden und schon einen Teil ihres grossen Gehaltes in Durchsichten und Reperaturen investiert hat.
Laufe ich morgens an der Tür zur Zimmervermittlung vorbei, wo sie beschäftigt ist, dann lacht sie und winkt. Genau wie ich. Lachen und winken.
Morgens ist die Welt in Ordnung.
Susi kommt aus Magdeburg und hat sich irgendwann in den Norden verliebt. Nun teilt sie ihre Gunst zwischen dem Norden und der Mitte von Deutschland. Natürlich hat sie einen Freund, den Stefan, der aber nicht in den Norden will. Gern für ein Wochenende oder etwas mehr am Meer, aber nicht für immer.
Susi ist immer modisch gekleidet und kann so ziemlich alles tragen. Ausser schwere Wassereimer, aber die trägt ja der Stefan. Neulich postete Susi Bilder vom Strand, auf dem ein Stuhl mit einer gelben Tasche zu sehen war.

Wow! Der Designer muss beim Kreieren der Form und Farbe ein Bild von einer Frau wie Susi vor Augen gehabt haben. Gross, blond, schlank und immer ein Lachen im Gesicht! Dazu das Meer, das als Kontrast im Hintergrund leuchtet. Ist die Tasche praktisch? Auf jeden Fall, denn sie ist gross. Als ich das Bild sah, hätte ich gern die Tasche gefragt, wo sie schon überall war. Am Mittelmeer? Oder doch nur am Strand der Ostsee? Am Badesee? Oder vielleicht wurde sie zum schnellen Einkauf bei EDEKA missbraucht?
Man weiss es nicht.
Tagsüber herrscht reger Betrieb bei der Zimmervermittlung bzw. es wird unentwegt telefoniert. Warnemünde ist ein gefragter Ort und in Zeiten der Pandemie noch mehr. Nun lacht Susi nicht mehr so viel, denn bei einigen Kunden vergeht ihr das Lachen. Ihr Gesicht ziert jetzt ein Lächeln, dass weisse Zähne ahnen aber nicht sehen lässt.
Um 17 Uhr hat sie Schluss und radelt zurück nach Nienhagen. Sicher etwas gemächlicher als am Morgen. Hält sie unterwegs an und springt in die Ostsee? Und wen lacht sie unterwegs an? Oder wird sie angelacht? Wird sie angeflirtet und flirtet zurück?
Man weiss auch das nicht.
Ich weiss nur, dass es sehr erfrischend ist, wenn Susi lacht, sich freut und diese Lebensfreude an andere weitergibt.
07j20w

Vernissage und Gespräch

Die neue Ausstellung „Werkschau“ in der Kunsthalle Rostock ist den Fotografen Ute und Werner Mahler gewidmet.

Schon eine Stunde vor Beginn der Vernissage habe ich mir einen Platz gesichert. Wider Erwarten darf die Ausstellung vorher nicht besichtigt werden. Nur die Kultur- Ministerin durfte vorher schauen, weil sie zum Theaterball Schwerin am gleichen Abend eingeladen ist. Entsprechend kurz und geistreich ist ihre Rede, nachdem Herr Neumann die Eröffnungsworte gesprochen hat. Auch er im dunklen Anzug, dunkles Hemd und rote Fliege. Nein, nein, beeilt er sich zu sagen, er gehe nicht auf den Ball.

Es sind viele Besucher gekommen, sehr viele sogar. Die Stimmung ist gut, es wird viel geklatscht, zwischendurch immer mal wieder laut gelacht, als Ingo Taubhorn, der Kurator aus Hamburg, in Form eines Briefes den Lebensweg der Beiden schildert. Die neugierige Spannung auf die Ausstellung ist spürbar.

Werner und Ute Mahler

Als ob die Redner das wissen, halten sie sich kurz in ihren Ausführungen, da es am nächsten Tag ein öffentliches Gespräch mit den Künstlern und Kuratoren geben wird. Wir dürfen nun in die Ausstellungsräume.

Serie „Kleinstadt“, das Geschenk der Mahlers an die Kunsthalle

Als ich in Berlin lebte und studierte, wohnte ich im 2.Hinterhof im Prenzlauer Berg. Im Vorderhaus wohnte ein Grafiker, der u.a. das Layout für die SYBILLE machte. Wir hatten uns angefreundet. Ich besuchte ihn ab und an und sah dort eines Tages Ute Mahler. Ich war blutjung, schüchtern, schaute nur, beteiligte mich nicht am Gespräch. An diese Begegnung muss ich während der Reden denken.

Die WERKSCHAU zeigt eindrucksvolle dokumentarische Serien wie beispielsweise „Berka«, »Abiturienten«, »Gefängnis Hoheneck«, »Zusammenleben«, »Erotikprogramm« und »Porträts«. Darüberhinaus sind Landschafts- und Modeaufnahmen zu sehen. Die Anordnung der Fotos, die die Künstler gemeinsam mit den Kuratoren vornahmen, ist fantastisch. Selten habe ich ein so schöne bildliche und textliche Darstellung der Biografie der Künstler gesehen.

Auf den gezeigten Fotos werden Situationen aus dem Alltag in schwarz-weiß dargestellt. Sie wirken nicht gestellt.

Gut gefiel mir die Serie »Abiturienten«.

1977 entstanden die ersten Fotos für die Serie „Abiturienten“von Werner Mahler. Alle 5-7 Jahre fotografierte er sie erneut in ihrer heimischen Umgebung, so, als wollte er die Zeit visualisieren.

Ich stehe in Gedanken versunken davor, als eine Frau mit einem Kameramann im Schlepptau auf mich zukommt.

„Sie schauen so versunken auf die Bilder, was empfinden Sie beim Betrachten?«, höre ich sie fragen. Ich erschrecke, als ich sehe, wie sich die Kamera auf mich richtet. Oje, was empfinde ich?

»Ich musste gerade daran denken, dass in diesem Jahr mein Abitur 50 Jahre zurückliegt. Wir würden auch alle so aussehen, hätte man uns fotografiert. Daran denke ich gerade.«, stottere ich etwas. „Wie gefällt Ihnen die Ausstellung?«, fragt sie weiter. Ich bin nun richtig aufgeregt und weiß gar nicht moehr, was ich sage. Auf jeden Fall, dass ich beeindruckt bin, wie sie die alltäglichen Situationen eingefangen haben besonders die Serie im Gefängnis.

Serie „Gefängnis“

Am nächsten Tag findet um 14 Uhr das Künstlergespräch statt, moderiert von den Kuratoren der Deichtorhallen Hamburg, Brigitte Woischnik und Ingo Taubhorn.

Wie schon so oft funktionieren die Mikrofone nicht. Zu Anfang wird darüber gelacht, später das Gesicht verzogen. Gleich zu Anfang schlägt Herr Taubhorn vor, dass er Zettel rumreichen wird, auf denen jeder Fragen notieren kann, die er dann vorliest.

Was fragt man da? Fragt man überhaupt? Ja, Frau W. schreibt eine Frage auf: Sie sind beide ein Leben lang zusammen. Gab es Zeiten in Ihrer Beziehung, wo sie in Ihrem Denken/Handeln -privat oder beruflich- gar nicht mehr übereinstimmten und es zu einer Sprachlosigkeit zwischen Ihnen kam? (Ich wollte nur wissen, ob sie ständig das »Doppelpack« geben.)

Im Gespräch erfahren wir ihren Werdegang, wer und was sie geprägt hat. Seit vielen Jahrzehnten sind sie ein Paar, zwei herausragende Fotografen, die zu DDR-Zeiten zu den stilprägenden Fotografen des Ostens zählten und immer eine humanistische Sicht auf die Welt hatten, die sie bis heute in ihren Fotoprojekten realisieren. Beide arbeiten u.a. als freiberufliche Fotografen für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften (FÜR DICH, SYBILLE, nach der Wende auch STERN).

Sie erzählen über ihren Alltag in der DDR, wie leicht oder schwer es war, einen Studienplatz zu bekommen und darüber, dass das Leben mit Kind, Mann im Studium, sie schon mit Aufträgen, relativ leicht bewältigt wurde. Auf familiäre Hilfe konnte zurückgegriffen werden.

Ute Mahler

Als Gewinnerin des Fotowettbewerbs der PHOTOKINA bekam Ute Mahler 1979 einen Gutschein für eine Flugreise ihrer Wahl. Sie wählte ihren Sehnsuchtsort Paris und bereitete damit der Staatsmacht ein Problem. Ein Freund empfahl ihr, die neun Tage in Paris zu genießen und den Fotoapparat zu Hause zu lassen, da es unzählige Fotos von Paris gibt. Sie aber wollte für ihren Mann fotografieren, um ihm zu zeigen, wie schön die Stadt ist, die sie gar nicht so schön fand. Sie empfand sie langweilig. Dadurch verfiel sie nicht der westlichen Kultur-Schickeria und erarbeitet sich ihren eigenen fotografischen Stil. Nach der Wende gründeten sie zusammen die Fotoagentur Ostkreuz. Wir erfahren ihre Motivation für die Serien und auch, dass die Ideen dafür ’aus dem Alltag zu ihnen’ kommen. Insgesamt ein sehr interessantes Gespräch mit viel persönlichen Informationen.

Zum Abschluss wurden die aufgeschriebenen Fragen beantwortet. Ich gestehe, dass ich meine Frage fast zurückgenommen hätte, wäre eine Möglichkeit gewesen. Die Beiden erscheinen mir perfekt. Dann die Überraschung! Herr Laubhorn hat sich meine Frage zum Schluss aufgehoben und meint, dass er genau solche Fragen mag. Er fragt in das Publikum, wer denn diese Frage gestellt habe. Ich bin feige und melde mich nicht. Beide sind etwas überrascht über diese persönliche Frage, sagen dann aber, dass es natürlich auch in ihrer Beziehung „kracht“ und dass jeder seine Freiräume braucht. Und auch einfordert.

Bitte, genau das wollte ich wissen.

j01w20

Reise in die Normandie

Frankreich stand immer ganz oben auf meiner Reisewunschliste, wurde aber immer durch eine Fernreise verdrängt.

„… wenn wir alt sind, erkunden wir Europa…“, sagten wir uns und plötzlich sind wir alt. Ein etwas unsanfter Plumps in die Wirklichkeit!

Die Zukunft wird in der eigenen Vorstellungskraft merklich kürzer, aber damit leben wir, leben bewusster mit den Einschlägen im Freundes- und Bekanntenkreis und verplempern weniger Zeit. Wenn der Alltag nicht bewusst und abwechslungsreich gestaltet wird, fließt die Zeit einfach weg. Jeden Tag etwas machen, einen fremden Gedanken zulassen, mit anderen Leuten reden, diese neuen Erfahrungen dehnen die Zeit. Eine Art Lebensverlängerung, zumindest eine gefühlte.

Nun also in Europa, in der Normandie, unterwegs.

Der VOLVO, inzwischen 27 Jahre alt, wird mit Fahrrädern und Gepäck beladen und die Reise kann beginnen.

Wir sind nicht die grossen Autofahrer und müssen uns nichts beweisen, deshalb übernachten wir auf halber Strecke in Venlo. Dieses Bed&Breakfast hatte ich vorgebucht, alle anderen buchen wir von unterwegs über Booking.com, da wir mit diesem Anbieter gute Erfahrungen bei anderen Reisen gemacht haben. Drei Dinge sind bei einer Buchung für uns wichtig:

Parkplatz, kostenlose Stornierung und Frühstück.

Gleich die erste Unterkunft ist ein Glückstreffer!

Liebevolle Einrichtung und sehr netter Empfang mit Cappuccino.

Das Ehepaar hat ein ehemaliges Hundeheim zu einem B&B umgebaut. Eine Wahnsinnsarbeit, den Erzählungen des sympathischen Ehepaares nach zu urteilen. Am frühen Abend wandern wir durch den kleinen Ort Baarlo an der Maas, erfreuen uns an den fantastischen Vorgärten und trinken zum Abendessen belgisches Bier.

Am nächsten Tag geht’s weiter nach Rouen.

Die Geschwindigkeit auf den Autobahnen ist auf max. 120km/h begrenzt, was ein flüssiges Fahren garantiert. Keiner „hockt“ auf der Heckscheibe und drängelt.

Vor jeder Autofahrt steht die Frage, was nehmen wir für CDs mit? Es sind nie die richtigen, da unser Musikgeschmack unterschiedlich ist. Ich brauche eigentlich gar keine Unterhaltung durch das Radio/Musik, da ich mich während der Fahrten meinen Gedanken/Fantasien überlasse und mich gern über alles mögliche unterhalte. Unsere Welt ist in Ordnung, manchmal erscheint sie leer, was aber eher subjektiv ist, weil wir sie sehr viel besser kennen als vor 40 Jahren. Das Leben einfach nur schön zu finden, fällt schwerer als früher. Natürlich langweilen wir uns ab und an miteinander, lachen aber immer noch über die Späße des anderen. Wir wünschen uns, das vieles bleibt wie es ist, nur- war das schon alles?

Die Sonne scheint und im Auto ist es warm. Eine Klimaanlage wäre nicht schlecht, gibt es aber nicht. Also Fenster auf, Lärmpegel steigt und Unterhaltung wird auf ein Minimum reduziert.

Inzwischen in Frankreich, schlägt das Wetter um, der angekündigte Regen setzt ein.

Plötzlich die Info von Michael, dass die gesamte Elektrik ausgefallen ist. Was heisst das?

Es heisst, das der Keilriemen oder die Lichtmaschine kaputt sind. Nun nur nicht den Motor ausgehen lassen, denn ein Neustart funktioniert nicht. Noch 45 km bis Rouen! Ich suche nach der nächsten Werkstatt, werde fündig und- geschlossen!

Wir fragen, d.h., versuchen uns bei drei Passanten, die zufällig auf der Strasse stehen, verständlich zu machen. Schwierig! Kurzerhand führt uns einer der drei zur nächsten Werkstatt, wo man uns die Kohlebürsten in der Lichtmaschine auswechselt.

Glück gehabt! Ein Handkuss für den Fahrer, der erwidert wird.

R O U E N

Ankunft in Rouen bei strömendem Regen, was uns nicht daran hindert, die Innenstadt kurz zu besichtigen. Die Cathédrale Notre-Dame, grösste Kathedrale Frankreichs, beeindruckt auch bei Regen. Der Wir starten am nächsten Morgen nach einem sehr gutem Frühstück zu unserer ausführlichen Stadtbesichtigung bei leichtem Regen. Die Kathedrale und die anderen Kirchen werden von innen besichtigt, auf den Uhrturm geklettert, über den Wochenmarkt geschlendert und den Gelbwesten bei der Demonstration zugeschaut. In einem Strassencafé essen wir Galettes und trinken das erste Mal Cidre. Ein köstliches Mahl!

Inzwischen scheint die Sonne und wir trennen uns für eine Stunde. Ich möchte durch die Gassen schlendern, Geschäfte anschauen, mich am Strassenpublikum erfreuen und Michael möchte unbedingt die Brücke fotografieren. Am Ende des Tages sind wir 14,8 km gelaufen- Klasse!

G I V E R N Y

Nach einer Stunde Fahrt erreichen wir Giverny und begeben uns auf die Spuren von Claude Monet. Wir haben beide das Bild vom Seerosenteich vor Augen, das wir im Original in der MoMa New York sahen.

Die Idee, heute hierher zu kommen, hatten sehr viele Leute und es heisst: anstehen!

Dann Spaziergang durch den Garten, der üppig blüht. Es ist Mai und die Frühblüher, und hier auch schon vereinzelt Rosen, blühen extrem farbenfroh und leuchtend. Die Seerosen sind noch nicht erblüht, was den Eindruck nicht mindert. Im Hause von Monet, das er 1883 mietete und das sehr gut erhalten ist und gepflegt wird, kann man viele Bilder anschauen und sein Mobilar bewundern.

Es ging ihm gut.

M O N T – S T – M I C H E L

Am frühen Nachmittag fahren wir weiter nach Beauvoir in ein sehr schönes B&B. Vom Fenster kann ich ganz weit hinten den Mont-St-Michel (MSM) sehen. Die Wirtin gibt uns einen Tipp, wo man im Ort gut essen kann und im Anschluss daran radeln wir zum MSM. Beeindruckendes Bauwerk! Ein ehemaliges Kloster, wo heute der historische Teil besichtigt werden kann. Es gibt ein Hotel, viel Gastronomie und viele Geschäfte.

Wir radeln im Dämmerlicht zurück und sind vom Licht der Normandie begeistert. Es ist besonders und besonders schön und ich kann gut nachfühlen, das viele Impressionisten ihre Staffeleien in der freien Natur aufgestellt haben.

Am nächsten Tag besichtigen wir ausführlich den historischen Teil des MSM, wandern um das Kloster herum und radeln gemütlich zurück. Im Ort gibt es ein Geschäft mit Spezialitäten aus der Normandie und wir beschließen, heute selbstversorgt zu essen mit Blick auf das Kloster und die herrliche Natur.

C Ô T E d’N A C R E

Die nächsten zwei Tage widmen wir dem 75. Jahrestag der Landung der Alliierten in Frankreich.

Wir fahren die Küste entlang, machen Station in dem Ort, wo die ersten Soldaten am Morgen des 6. Junis 1944, bekannt als „Operation Overlord“ an Land gingen. Die Truppen landeten an den Küsten Utah und Omaha. Schon auf dem Weg dahin und auch auf der ganzen Strecke sind an Lichtmasten Fotos von gefallenen und vermissten Soldaten angebracht. Das ist beeindruckend und der Gedanke macht mich demütig, dass diese Soldaten wussten, dass sie ihr Leben riskieren. Überall findet man Hinweise auf die geplanten Feierlichkeiten.

In St-Laurent-sur-Mer besichtigen wir den Soldatenfriedhof und sind sehr ergriffen.

Unsere Unterkunft an diesem Abend liegt versteckt an der Steilküste. Wir haben etwas Mühe, sie zu finden, werden dafür sehr herzlich empfangen.

Die Gegend, durch die wir nun fahren, ist eher bescheiden, sehr grün, keine „Luxusausschläge“, kleine Autos auf den Strassen, kleine Geschäfte. Auffallend sind die vielen Kirchen. Man kann sagen, jedes Dorf hat seine eigene Kirche!

Am Abend wollen wir eine Strandwanderung machen, aber der Zugang zum Strand führt über morsche Holzstufen und wir verzichten darauf.

Am nächsten Tag besichtigen wir Bayeux mit seiner schönen Kathedrale und essen das erste Mal Muscheln. Die Sonne brennt heiss vom Himmel und lässt ahnen, wie der Sommer wird.

Zurück in der Unterkunft breiten wir unsere kulinarischen Schätze, die wir unterwegs kauften, auf dem Gartentisch aus und geniessen die Abendluft.

C R I C Q U E B ΠU F

Nunmehr sind wir an der Blumenküste -Côte Fleurie- unterwegs.

Wir fahren weiter durch die Orte entlang der Küste, halten an, wo es uns gefällt, trinken Kaffee, essen Croissants oder Crepes mit Karamellcreme. Es ist Vorsaison, wenige sind Leute unterwegs, die Strände leer. Der Himmel ist bedeckt, aber warme Luft umfängt uns.

Diese Orte sind bescheiden und erinnern Michael an das Warnemünde aus den 60iger Jahren, ein gewisser morbider Charme ist überall zu spüren, da die Häuser teils in ihrem ursprünglichen Zustand belassen werden. Unterwegs sieht man weidende Kühe, blühende Rapsfelder und Obstbäume.

Die neue Unterkunft ist sehr schön.

Ein renoviertes Haus mit individuell gestalteten Zimmern. Wir bekommen das grosse mit Balkon, den wir aber nicht nutzen können. Das Wetter hat sich verschlechtert, inzwischen ist es regnerisch und sehr windig. Das Frühstück ist hervorragend! Selbstgekochte Aprikosenmarmelade, Baguettes, Croissants und Crepes mit Karamellsauce. Herrlich!

Leider bricht sich die Wirtin die Hand und mit den Crepes ist es vorbei. Aber sie gibt uns sehr gute Hinweise, was man in der Gegend alles besichtigen kann. Allein hätten wir das nie gefunden. U.a. weist sie auf einen grossen Trödelmarkt hin, der mir sehr gut gefällt.

Wir besuchen die beiden Orte Trouville und Deauville, die etwas moderner und auch teuer sind.

In Trouville laufen wir die grosse Runde über Fischmarkt, schlürfen frische Austern, dann über die Promenade durch die Gassen zurück. Ein schöner Ort! Der mondäne „Schwester-Ort“ ist Deauville. Luxusort pur! Am Casino wird ein Film gedreht, Statisten werden gesucht, ich melde mich! Leider werden Frauen mit Charakter gesucht 😉

Nun steht der dritte Ort auf dem Plan, Honfleur, eine der reizvollsten Hafenstädte der Normandie, gern von den Gästen der Luxusliner als Ausflugsziel gewählt. Wir buchen eine Schiffsfahrt und fahren zur Normandie-Brücke. Doch regnet es und die Sicht ist schlecht. Die Stadt ist voller Menschen. Wir leihen uns einen Audio-Guide und erkunden so den Ort. Die älteste Holzkirche Frankreichs findet man hier. Viele kleine Gassen mit den verschiedensten, kleinen Geschäften erfreuen das Auge.

Schon am zweiten Tag in dieser schönen Unterkunft habe ich „Insektenstiche“ bemerkt, sie aber den Mücken zugeordnet. Komischerweise habe ich nicht eine Mücke gesehen oder Summen gehört. Am Abfahrtstag bin ich völlig zerstochen. Als ich die nette Herbergsfrau daraufhin anspreche, wird sie nervös, beharrt aber darauf, dass das Moskitos sind!

Zum Abschied schenkt sie mir eine Flasche Rotwein. Hä? Die Gastgeberin beschenkt den Gast?

Im Laufe des Vormittags werden die Stiche grösser und röter, so dass ich in eine Apotheke gehe.

Das Ergebnis ist nicht lustig: Bettwanzen!

Michael wurde nicht einmal gestochen!

C Ô T E d‘ A L B Â T R E

Wir fahren weiter über die Normandiebrücke nach Le Havre, machen dort nur kurz Station. Irgendwie erinnert mich die Stadt an die DDR. Wie sagte eine Freundin, als ich ihr als erzählte? Reutershagen 2! und wir lachen. Gewisse Ähnlichkeit ist durchaus vorhanden. Die Stadt war zu 80 % zerstört und wurde neu aufgebaut.

Dieser Teil der Normandie, die Alabasterküste, begeisterte mich sehr. Der Name kommt von den vielen Kalkfelsen und dem milchigen Wasser zwischen Le Havre und Le Tréport. Die beeindruckenden Falaise d‘ Aval in Etratat schauten wir uns am frühen Abend im diffusen Licht an. Sehr, sehr schön! Der eine Felsen sieht aus wie ein Elefant, der seine Rüssel ins Meer taucht.

Am nächsten Tag im Sonnenschein haben die Felsen nichts an Faszination verloren. Die letzten zwei Tage sind wir an diesem Küstenabschnitt unterwegs, machen Stopp, wo es schön ist (wo wars eigentlich nicht schön?) genießen die Natur, den Strand und die französische Küche. Besonders gut gefiel uns Yborg, ein kleines pittoreskes Dorf, wo es die ultimativ besten Muscheln gab.

Das Ende der Reise naht und mit ihr unsere letzte Unterkunft.

Das B&B ist ein Haus wie aus dem Film PSYCHO und ich werde das Gefühl nicht los, dass sich gleich die Tür öffnet und Norman Bates herauskommt.

Nein, natürlich nicht Norman, sondern Bill öffnet die Tür, der so aussieht, wie ich mir einen Lebemann oder Lord vorstelle. Ein grosser, eleganter, etwas romantisch aussehender Mann mit einem Hauch Müdigkeit im Gesicht. Er wirkt intelligent, sein Haar ist spröde und unordentlich, die Kleidung nicht übermässig gepflegt.

Er spricht drei Sprachen und schon im Eingangsbereich erfahren wir, dass er in Wien studiert hat. Wie alt kann er sein? Die besten Jahre hat er hinter sich, keine Frage und der Zahn der Zeit hat tüchtig an ihm genagt. Nun geniesst er die guten Jahre, die noch kommen. Später stellt sich heraus , dass er der Vater des Hausbesitzers ist. Dieser kaufte das kleine Jagdschloss Ende der 90iger Jahre und seitdem renoviert er es.

Der verlorene Charme der Bourgeoisie – hier findet man ihn und muss ihn mögen, muss die leichte Unsauberkeit, das abgenutzte Mobiliar und den Geruch nach kaltem Rauch mögen.

Eigentlich hätten wir gleich umkehren sollen, aber der zauberhafte Garten im gleissendem Sonnenlicht hält uns zurück.

Wir schlafen gut und die Erzählungen von Vater/Sohn sind amüsant. Das gebuchte Zimmer, das er uns zeigt, hat viel Plüsch und Teppiche und ich merke, wie ich verkrampfe. Sind die kleinen Tierchen hier auch Zuhause?

Wir bekommen auf unsere Bitte hin ein anderes Zimmer, viel kleiner, wenig Mobiliar. Egal! Kein Plüsch, mehr zählt nicht.

Im Bad muss ich an etwas sehr Schönes denken, mich voll darauf konzentrieren, um den Zustand nicht wahrzunehmen.

Der Schmutz und seine Cousine, das Abgewohnte, hier haben sie ein charmantes Zuhause.

Der Frühstückstisch im Salon ist für 12 Personen gedeckt. Sollte es hier soviele Gäste geben? Nein, nur drei Personen sitzen morgens am Tisch.

Am nächsten Tag bin ich ein Jahr älter.

Gibt es Veränderungen? Nicht unbedingt.

Ich hätte mich -vielleicht- informieren sollen, dass die Haut schlaff und faltig wird, dass das Gesetz der Schwerkraft stärker wirkt, nun unumkehrbar, dass die Augen immer mehr zu Schlitzen mutieren.

Jetzt, in diesem Lebensabschnitt entscheide ich mehr denn je, was und wie ich leben will. Das ist ein Vorteil vom Alt-Sein.

Und, wenn ich ehrlich bin, ich hatte in jedem Alter an mir etwas auszusetzen, mal zu wenig Busen, nun zuviel, Bauch war früher eine Kuhle, heute ist er dominant. Klagen über Zipperlein machen das Leben unnötig schwer. Natürlich gibt es Einschränkungen, das Knie mault, Lesen ohne Brille geht gar nicht mehr, aber werde ich gefragt, geht es mir gut.

Ich denke, Akzeptanz ist das wichtigste und die gelingt im Alter immer besser. Mir klarzumachen, was ich wirklich will, das ist für die Zeit, die bleibt, das Wichtigste.

Ich fühle mich gut, sehr gut sogar.

An diesem besonderen Tage esse ich die ganz grosse Fischplatte und stelle fest, Schnecken aus dem Meer sind so gar nicht mein Ding. Und wenn ich ehrlich bin, auch Cidre nicht. Ich mochte noch nie Apfelsaft! Austern dagegen können öfter auf dem Speiseplan stehen. Am Abend ein Glas Wein im Garten bei untergehender Sonne und dann ist auch dieser Tag vorüber.

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Zwei Dörfer stehen für den letzten Tag auf dem Plan und beide sind sehr schön. Ich finde tatsächlich einen Hühnergott. Mehr Glück geht nicht. Wir steigen an einem Strandabschnitt 232 Stufen hinunter zum Wasser, später wieder hinauf.

Die Küsten und auch die Orte sind sehr sauber. Wir sehen keinen angespülten Müll. Die Kalkfelsen sind sehr fest, keine abbröckelndes Gestein. Im Wasser liegen grosse Steine mit kleinen Höhlen, in denen sich Krebse aufhalten.

Irgendwie erinnert mich die ganze Atmosphäre an frühere Zeiten, an Dörfer, wo nicht viel passierte, zumindest nach aussen hin. Es ist ein diffuses Wohlgefühl, das mich die ganze Reise begleitet. Als ich mit Michael darüber spreche, erzählt er von ähnlichen Empfindungen.

Am späten Nachmittag wird der Himmel dunkel und wir flüchten in ein Lokal, dass uns der „Lord“ empfohlen hat. Sehr einfach und sehr urig! Die junge Wirtin versteht nur französisch und mittels Handy mache ich mich verständlich, sage, dass wir alles essen und uns auf ihren Geschmack verlassen. Sie bringt Cidre als Getränk und Pommes, grünen Salat und eine dicke Scheibe geselchten Schweinebauch! Wir schauen beide überrascht auf den Teller, kosten und stellen fest: ungewöhnlich, aber schmackhaft!

Der Himmel ist inzwischen schwarz und ein Gewitter bricht los. Also ein zweites Glas für mich und einen süssen Nachtisch für Michael.

Am nächsten Tag starten wir gen Warnemünde, machen nochmals in Venlo Station und sagen beide:

Es war sehr schön!

Sehnsüchte

Es gibt Tage, da tauchen Gelüste oder Sehnsüchte auf. Wie aus dem Nichts! Es entsteht ein »Hieper« auf etwas und die Gedanken kreisen nur noch darum, wie man ihn verwirklichen kann. Kennt ihr das auch?

Gestern hatte ich so einen Tag.

Der Wetterbericht sagte wieder Regen voraus, wieder nix mit Frühling. Ich aber wollte Sonne, sofort und diese möglichst in Kombination mit dem Fahrtwind beim Radfahren.

Am frühen Vormittag schien tatsächlich die Sonne und wir fuhren mit dem Fahrrad Richtung IGA-Park in Schmarl. In der Zeitung hatte ich gelesen, dass der Park für Fahrräder und Hunde freigegeben wurde, Eintritt weggefallen ist und sich die Besucherzahl dadurch drastisch erhöht habe.

Der Park ist ziemlich groß und die Wege sind weitläufig. Es machte richtig Spaß, durch den Park zu radeln.

Die Sonne verschwand recht schnell und von warmer Frühlingsluft waren wir weit entfernt. Egal! Einige Bäume zeigten schon grüne Blattspitzen, Krokusse blühten.

Wir fuhren den Weg Richtung Traditionsschiff.

Es waren nur wenige Leute unterwegs.

Sollten meine Gelüste nach Sonne, Rad und frischer Luft abartig sein?

Links vom Schiff befindet sich eine kleine Bootswerft. Michael verschwand sofort dahin und ward nicht mehr gesehen.

Ich schlenderte am Kai entlang, fotografierte und war dann doch neugierig auf die Bootswerft. Dort fand ich den Gatten im Gespräch mit einem Bootsbauern. Ich registrierte für mich, dass er attraktiv und äußerst sympathisch war, was meine Fantasie und Redelust aktivierte.

Vom Bootsbau verstehe ich so gut wie nichts und musste deshalb viel fragen. Auf jede Frage bekam ich eine ausführliche, von einem Lächeln untermauerte Antwort. Uwe Ahlgrimm liebt das Segeln, war jahrelang aktiv in dieser Sportart. Man muss es mögen, das Wasser, den Wind und oftmals die Kälte.

Die Bootswerft auf dem IGA-Gelände untersteht dem Schiffahrtsmuseum Rostock und die Jolle, die hier nachgebaut wird, ist ein historisches Boot. 2017 begannen die Arbeiten, die sich noch eine Weile hinziehen werden.

Das Projekt wird vom Förderkreis des Museums unterstützt und ist auf Spendengelder angewiesen. Immerhin kamen schon 30T€ zusammen.

»Und was gebt ihr Beide?«, fragte Uwe. Ich hatte -wie so oft- gar kein Geld mit und Michael tat, als hörte er nichts. Wir brachen in Gelächter aus und beteuerten, dass es das Erste sei, was wir nachher machen, Geld überweisen!

Uwe erklärte uns die einzelnen Schritte, die zum derzeitigen Stand der Fertigung der Jolle geführt haben. In der Werkstatt hängen historische Fotos, die zeigen, wie das fertige Boot aussehen wird.

Diese Boote wurden früher von den Warnemünder Fischern für die Fischerei und Transport von Sand zum Hafen nach Rostock benutzt. Den Sand benötigte man als Ballast für die Segelschiffe. Mit Einsetzen der Motorisierung kamen die Schiffe für Lustfahrten auf See zum Einsatz. Von den Warnemünder Jollen hat kein Schiff die Zeit überstanden. Der Nachbau gestaltet sich schwierig, da es wenige Unterlagen gibt.

Er zeigte und erklärte die noch funktionierende Schmiede und auch, wo das Holz »gekocht« wird, damit man es biegen kann. Letzteres findet viel Anklang, wenn Schulklassen zur Besichtigung kommen. Wenn die Kinder aus einem Nagel einen Anhänger schmieden dürfen, sind sie begeistert. Ich übrigens auch.

Schmiede

Anlage zum Kochen des Holzes

Man merkt Uwe die Begeisterung für seine Arbeit an.

»Wer hat noch so einen schönen Ausblick, wenn er auf Arbeit ist?«, fragt er lachend und zeigt auf die Warnow. In der Ferne sieht man den Überseehafen und wie zur Bestätigung schippert die Fähre nach Finnland vorbei. Er freut sich auf die künftigen Fahrten nach dem Stapellauf der Jolle. Aber noch ist es nur ein Traum.

Es ist immer schön, wenn man Menschen trifft, die so begeistert von ihrer Arbeit sprechen. Arbeit? Es ist zu einem hohen Anteil Hobby und das macht den Unterschied zur normalen Arbeit. Beneidenswert!

Zurück in Warnemünde regnete es. A b e r die Hoffnung auf Sonne stirbt zuletzt.

Nächste Woche ist Frühlingsanfang👍 und dann solltet ihr in den IGA-Park fahren und Uwes Jolle anschauen.

Es lohnt sich!

PS. Für jedes Bedürfnis ist gesorgt …