Eine schusslige Rentnerin?

Dem gemeinen Rentner*in an sich
geht es gut in Zeiten mit Pandemie. Rente kommt pünktlich, Termine, wenn überhaupt, sind überschaubar und Kontakte meist steuerbar. Das einzige, was zu schaffen macht oder machen könnte, ist er/sie selber und der Stand seiner/ihrer eventuell beginnenden Demenz.
Ich spreche jetzt von mir!
Samstags stelle ich mir den Wecker, vertraue nicht auf das natürliche Erwachen, denn es ist Markttag. Direkt vor der Haustür werden gesunde und nicht so ganz gesunde Waren nebst Blumen/Sträuchern angeboten. Frische Eier, gelegt von Hühnern mit nachweisbarer Vita, gehören zum Standardangebot.
Ein Besuch ist Pflicht!
Seit der Gatte, mit extremen Ehrgeiz, einen Teil der Hausarbeit nebst Einkaufen übernommen hat, ist mein Anteil daran überschaubar geworden. An den Stand mit Wildfleisch kann ich ihn noch nicht allein lassen, da fehlt ihm schlicht die Fachkenntnis. Immer wieder will er allein hingehen und beweisen, dass er schon „gross“ ist und es schafft, das Richtige zu kaufen. Milde lächelnd nehme ich dann seine gekauften Produkte entgegen und überlege gleichzeitig, was daraus gemacht werden könnte.
Allein- der Wille zählt.
Heute ist ein trister Tag, kalt, neblig, ungemütlich. Schnell über den Markt gehuscht, das Übliche gekauft, Lebensmittel zuhause gebunkert, die Tasche gegen eine andere ausgetauscht. Nächster Weg, nunmehr mit Rad, zum Fischkauf an den Hafen. Nur Heringe im Angebot! Wird spontan abgelehnt nach einem prägenden Erlebnis. Briet vor Jahren Heringe in der Wohnung, Freundin besuchte mich eine Woche später und meinte: „Oh! Riecht das lecker bei dir, hast du HEUTE Heringe gebraten?“
Eine Woche Fischgeruch in der Wohnung will keiner. Ich auch nicht.
Weiterfahrt zum REWE!
Während der Fahrt Umdisponieren des Mittagessens von Fisch auf Porree, Kartoffeln und Salsiccia (italienische Bratwurst). Das Glück ist mir hold, drei Sorten der Wurst im Angebot! Ich entscheide mich für Fenchel, passt gut zu Porree.
Kurz vor der Kasse greife ich locker in die Tasche zum Geldbeutel- nichts! Ich wühle in der Tasche, immer noch nichts. Also kein Geld mit und kurze Überlegung, wieso ich auf dem Markt bezahlen konnte und nun nicht mehr? Keinerlei Erinnerung. Egal! Umschauen, wer mir Geld leihen könnte. Das ist der Vorteil, wenn man auf dem Dorf wohnt, einen kennt man immer.
Nur eben heute nicht.
Also Wurst wieder ins Regal, das andere Beiwerk auch und zurück, Geld holen. Stopp!
Da steht Frau P. und verstaut ihren Rieseneinkauf im Mercedes-Cabrio. Auf meine Frage, ob sie mir 10€ leihen kann, lacht sie laut auf und meint:“Wer hat denn heute noch Bargeld?“ Sie jedenfalls nicht.
Oh! Da kommt Ehepaar B., ebenfalls voll beladen, aber nicht vom REWE, sondern vom ALDI. Auch hier meine Frage nach 10€.
„Also, ich habe gar kein Geld mehr, seit ich Zuhause bin, das macht mein Mann“, tönt es von Frau B., „… er macht inzwischen alles!“
Herr B. schleppt zwei schwere Taschen mit Gemüse und anderen leckeren Dingen. Wieso kauft er das nicht auf dem Markt?, schiesst kurz ein Gedanke durch mein Hirn. Bargeld habe ich auch keins, meint er, aber ich soll mal warten und beginnt in all seinen Taschen zu wühlen. Tatsächlich, er findet zwei 5€-Scheine. Glück gehabt! Wir quatschen noch über die aktuelle Corona-Situation, was alles geht und was nicht, bis seine Frau meint, er solle die Maske aufsetzen, wenn er mit mir spricht, daran denken, dass sie heute noch ein Paket erwartet und langsam mit dem Gequatsche, das eh nichts bringt, aufhören. Klare Ansage!
Ich setze ebenfalls die Maske auf, laufe zurück ins Geschäft, hole die Wurst und mit Rad geht es zurück ins warme Nest. Nach wie vor eisig kalt. Zuhause angekommen, merke ich, dass ich immer noch die Maske trage. Wie doof ist das denn? Auf dem Fahrrad mit Maske!
Immerhin- sie hat den kalten Wind abgehalten. Schade, dass es keiner gesehen hat, wie systemrelevant ich mich verhalte.
Im Gang zum Haus steht die Tasche vom Markt und griffbereit daneben liegt der Geldbeutel!!
Ist das nun eine Form von Demenz oder nur Schussligkeit?

2 Kommentare zu „Eine schusslige Rentnerin?

  1. Ich habe deine kolumne mit viel Vergnügen gelesen. Allerdings glaube ich daraufhin, dass wir alle demenzerscheinungen haben…mehr oder weniger. Beneidenswert, deine neue Haushaltshilfe…😜 Schönen Sonntag, Sehe mir jetzt gundermann bei laura an.

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