Corona-Splitter (1)

Jutta, der Jammerlappen

Ich vermisse Kinos und Theater. Ich vermisse das Fitnesstudio mit der Sauna und Schwimmhalle. Zum Joggen im Regen oder zu Turnübungen vor dem Computer kann ich mich nicht aufraffen. Es reicht nur zum Frühsport. Ich vermisse die Galerien, den Besuch in der Kunsthalle. Ich vermisse das Reisen, einfach in ein warmes Land abhauen zu können. Ich vermisse es, durch Läden ohne Maske zu streifen.
Jammern hilft mir, auch, wenn keiner zuhört. Wenn ich eine Weile gejammert habe, geht es mir meistens besser. Nein, ich will nicht hören, dass es anderen viel schlechter geht, was sicher auch stimmt. Nur- was hilft mir das?
Stellt euch vor, ein Mann oder Frau ist gerade vom Fahrrad gefallen, hat sich die Hand gebrochen, Fuss verstaucht, brüllt vor Schmerzen, da sage ich ja auch nicht:
“ Sie haben Glück gehabt, nur eine Hand gebrochen. Das Rad ist auch noch heil. Nun machen Sie mal nicht so ein Theater!“
Das wäre unsensibel.
Ich aber will Trost, Verständnis, Zuwendung- das ist es, was ich will. Wenigstens kann mir keiner sagen, dass ich selber Schuld habe. Ich habe keine infizierte Fledermaus gegessen, deshalb bin ich unschuldig.
Ich will auch nicht politisieren und über Sinn und Unsinn einiger Massnahmen nachdenken und vielleicht sogar darüber zu diskutieren. Dazu bräuchte es Kraft, Energie, Hoffnung auf bessere Zeiten und das habe ich gerade wenig. Ich schaffe es gerade noch, zu sagen: Es ist zur Zeit nicht schön hier und früher war alles besser! Zumindest vor zwei Jahren.
Arbeiten, Essen, Kaufen, Kopulation und Netflix sind erlaubt. Immerhin.
Ich könnte mir einen Döner holen, denn auch zum Kochen fehlt mir manchmal die Lust. Bis ich Zuhause bin, wäre er kalt. Ich könnte mich in irgendeinen Hausflur stellen, wo es nicht so windig ist und den Döner heisshungrig runterschlingen. Müsste nur aufpassen, dass die Knoblauchsosse nicht runtertropft, Treppen verschmiert und ein zufällig daherkommender Hausbewohner mich anschnauzt. Irgendwie haben viele schlechte Laune. Ich vermisse die gute Laune, das Glück und werde dabei immer dicker.
Am schlimmsten ist für mich, dass sich wegen der Maske die Brille ständig beschlägt. Egal, wie ich den Maskenbügel biege, es funktioniert nicht. Wenn ich dann an der Kasse stehe und sehe, dass ich nicht den Spinat mit dem Blubb sondern den gehäckselten im Korb habe, bin ich meist zu faul, umzukehren.
Soll ich weiterjammern?
Wenn ich das nicht mehr dürfte, wäre das ein sehr, sehr grosser Verlust.
Prost!

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