Corona-Splitter (3)

Kino

Etwas, was ich in diesen Zeiten so richtig vermisse, ist das Kino. Wieder einmal in den Sessel sinken, die fünf Bonbons essen, den Vorspann ansehen und dann in den Film eintauchen- das wär’s!

Ich habe immer genau fünf Bonbons mit und wenn der Hauptfilm startet, sind sie alle, ein Ritual. Schon in ganz frühen Jahren ging ich ins Kino. Wir wohnten auf dem Dorf, wo einmal im Monat im Dorfgasthof ein Film vorgeführt wurde. Nachmittags die Kindervorstellung und später noch zwei weitere Vorstellungen. Eine Kinokarte kostete 25 Pfennig und manchmal war selbst dieses Geld knapp, da wir sehr viele waren. Wenn ich kein Geld für die Karte bekam, lungerte ich vor dem Gasthof, bis der Vorführer, der mich schon kannte, sagte:

„Nun komm schon rein!“

1961

Ansonsten kaufte ich mir eine Karte und lief zur ersten Reihe. Ich sass immer in der ersten Reihe und wenn der Film begann, hatte ich die Kinokarte vor Aufregung aufgegessen. Begann der Film, vergass ich alles um mich herum und tauchte in eine fremde Welt ein. Die Bilder faszinierten mich und weckten Sehnsüchte nach fernen Ländern und einem anderen Leben.

Mein erster Erwachsenen-Film, in den mich meine Mutter mitnahm, war Anfang der sechziger Jahre VERGESST MIR MEINE TRAUDEL NICHT mit Eva Maria Hagen in der Hauptrolle. So richtig verstanden habe ich ihn nicht, es war eher das Gefühl, das man im Leben alles erreichen kann. Die 18jährige Traudel läuft aus einem Heim davon und hat nur einen Zettel bei sich, auf dem obiger Satz steht. Selbst fast noch ein Kind kommt sie mit Charme und Witz durchs Leben. Das gefiel mir.

Ende der 60iger Jahre kam der Film MANCHE MÖGEN’S HEISS in die Kinos. Auch nach Riesa! Ich schaute ihn dreimal an, an drei Tagen hintereinander. Einfach ein grandioser Film! Insgesamt sah ich ihn bestimmt über 20x und wenn er heute im TV kommt, schaue ich ihn wieder an. Inzwischen kann ich die Dialoge auswendig, klar. Und immer wieder amüsiere ich mich köstlich über den Wortwitz der Akteure.

Auf einer Rundreise durch Kalifornien besuchten wir das Hotel Coronado, wo einige Szenen des Filmes gedreht wurden.

Mir fällt bei der Erinnerung auf, dass ich sehr oft allein im Kino war. Es war für mich ein kurzes Vergessen des Alltages, den ich auch mit dem Lesen erreichte.

Ein Film, der mein Lebensgefühl absolut traf, war DIE LEGENDE VON PAUL UND PAULA. Inzwischen studierte ich in Berlin und die Kinos waren grösser und moderner. Dieser Film lief 1973 im Kino International in der Karl-Marx-Allee. Ich sah den Film 6x, an sechs Tagen hintereinander. Die Musik der Puhdys und die Texte der Lieder gingen unter die Haut, das Spiel von Angelika Domröse und Winfried Glatzeder war absolut authentisch, zwei Menschen, die sich in einer Zeit begegnen, in der sie einander brauchen, die nicht viel fragen. Die Fragen kommen erst, als aus dem Verliebtsein Liebe wird.

1971
Einer meiner ersten Filme im CAPITOL in Rostock war der Film EINER FLOG ÜBER’S KUCKUCKSNEST. Es war November, eisiger Wind pfiff durch die Breite Strasse und als ich aus dem Kino kam, fror ich noch mehr. Die Vortäuschung einer psychiatrischen Erkrankung, um dem Arbeitsdienst im Gefängnis zu entgehen, wird von Jack Nicholson gespielt und endet tragisch. Ich denke, diesen Film hat fast jeder gesehen.
1982

Ich gehöre zu denen, die nah am Wasser gebaut haben und natürlich im Kino weinen. Inzwischen so, dass die Tränen rinnen, aber kein Schluchzer ertönt. Stimmt nicht ganz!

Im Film WEISSER OLEANDER mit Michelle Pfeiffer musste ich fast von Anfang an weinen. Sie spielt in diesem Film eine alleinerziehende Mutter, die ihren Mann, der sie enttäuschte, vergiftet. Vom Gefängnis aus führt sie Korrespndenz mit ihrer Tochter, die in verschiedenen Pflegefamilien, teils im Heim aufwächst. Eine psychologische Studie, die brillant gespielt wurde und unter die Haut ging.

Neben mir sass damals ein Mann, der genauso heulte und schluchzte wie ich. Ich kannte ihn nicht, fand das aber sympathisch. Das Kino war mässig besetzt, ein Glück!

Nachdem die Tränen getrocknet waren, wir uns im Dämmerlicht scheu gemustert hatten, beschlossen wir, bei einem Glas Wein den Film auszuwerten. Es war ein langer Abend, denn es gab viele Parallelen in unserem Film-Konsum.

Inzwischen bevorzuge ich die Programmkinos aus einem banalen Grund heraus: es gibt kein Popkorn und die Filme sind anspruchsvoller.

Ich wurde irgendwann einmal gefragt, wie ich Filme auswähle und musste erst einmal überlegen. Krimis mag ich nicht so gern, weil ich Spannung schlecht aushalte. Diese schaue ich lieber Zuhause an, weil ich dort ständig das Zimmer verlassen kann. Filme mit Tiefgang, psychologisch angehaucht, ja, das mag ich. Sehr gern französische Filme, die auch der Gatte gern mag. Er kommt mit ins Kino, sofern es keine amerikanischen Filme und Psychodramas sind. Hat halt jeder eine Vorliebe.

Nun warte ich darauf, dass bald ein Kinobesuch möglich sein wird. Mit der Alternative Netflix und Streaming kann ich mich schlecht anfreunden, weil die Atmosphäre fehlt, diese Stimmung, wenn das Licht langsam ausgeht,das letzte Flüstern verstummt, es ganz dunkel wird und dann der Film beginnt.

Ich verstehe bis heute nicht, warum Kinos geschlossen sind und EDEKA in Warnemünde, wo man beim Einkaufen fast Hautkontakt hat, öffnen darf. Die Hygienregeln wurden mehr als eingehalten, jede zweite Reihe frei, zwei Plätze rechts und links ebenfalls frei. Es sei denn, man hatte mit dem direkten Nachbarn ein Verhältnis oder Beziehung oder gab es vor, dann durfte man nebeneinander sitzen.

PS. Eben kam die Nachricht, dass nächste Woche die Kinos in den USA unter bestimmten Bedingungen öffnen können. Das lässt hoffen! Wenn Amerika, nunmehr mit Präsident Biden, etwas vorgibt, ist es gut und Deutschland greift es auf.

Oder doch nicht?

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4 Kommentare zu „Corona-Splitter (3)

  1. Hallo Rita, es ist immer schön, auf Jemanden zu treffen, der meine Leidenschaft versteht. Ich denke, dass jeder etwas hat, wo er entspannen und vielleicht den Alltag vergessen kann. Bei uns ist es das Kino👍 …lG

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  2. Jutta, Liebe, wie immer tief aus meiner Seele…. hätte ich (beinahe) schreiben können. Der Dorfgasthof in Altenburg-Rasephas war mein Kino-Coming-out. Mein erster Erwachsenenfilm im Ostseeurlaub in Boltenhagen im Zeltkino, ich weiß nicht mehr den Titel, ein dänischer Film oder Schwedisch über eine junge Frau, die sich die Haut zerkratzte.
    Aber ich blieb infiziert. Und ich freue mich auf weitere Kinoerlebnisse, die durch nichts ersetzbar sind! LG – schreib weiter!

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