Corona-Splitter (4)

Spitzkohl

Die Pandemie teilt die Menschen für mich in zwei Gruppen, in eine, die gern kocht und eine andere, die dem Kochen nichts abgewinnen kann. Der eine Teil wartet, dass die Restaurants wieder öffnen und der andere probiert sich am Herd aus.
Ich gehöre zur zweiten Gruppe und koche jeden Tag, auch deshalb, um dem Alltag etwas Struktur zu geben. Ich gestehe, dass ich neuerdings gern mal eine Kochshow ansehe. Es überrascht mich immer wieder, wie ein Hobbykoch in 30 Minuten ein Essen kochen kann. Das auch noch schmeckt. Ich ertappe mich, dass ich denke, da wird bestimmt geschummelt, denn bei mir klappt das nie!
Wobei- ich hab es noch nie probiert.
Am Kochen fasziniert mich die relative Ungenauigkeit und der Mangel an Disziplin. Sollte ich hier in der Küche versagen, sind die Folgen nicht schlimm: Enttäuschung, vielleicht ein Anflug von selten geäußerter Unzufriedenheit. Ich mag Kochbuchautoren, die von einer ’Handvoll’ reden, eine ’Prise’, davon dieses oder jenes großzügig untermengen. Die Autoren geben alternative Zutaten an und ermuntern zu Experimenten. Ich bin nicht die ordentliche Köchin und koche meist nach Gefühl. Der Erfolg gibt mir Recht. Ich mag es , wenn Gäste mitkochen und wir ein Glas Wein trinken. Wir betrinken uns nicht, sondern es inspiriert zu einem lockeren Umgang mit den Zutaten.
Zur Zeit spricht man viel von Nachhaltigkeit und auch davon, Produkte aus der Region zu verarbeiten. Eines meiner Lieblingsgerichte sind Spaghetti mit Pesto, dick mit geriebenem Parmesan bestreut und dazu gegrillten Lachs. Köstlich! Okay, nicht unbedingt Produkte aus der Region, außer die Spagetti, die sind vom EDEKA am Kirchenplatz.
Gilt das?
Neulich hörte ich, dass Spitzkohl angesagt ist, den ich noch nie verarbeitet habe. Ich erinnere mich, dass es früher in der Betriebsküche Krautgulasch gab.
Meine persönliche Challenge ist es jetzt, eine Art Krautgulasch alá Jutta zu kreieren.

Als erste Zutat fällt mir Chorizo ein, eine feste, grobkörnige mit Paprika und Knoblauch gewürzte Rohwurst. Früher nahmen wir Knacker, aber der Kohl soll etwas Flair haben, so, als hätte er die Welt gesehen und nicht nur eine deutsche Ackerfurche. Dazu Kartoffelbrei, nein, Kartoffelstampf heißt das jetzt.
Die Kartoffeln werden nicht mehr total zermanscht, sondern mit warmer Milch gestampft und haben noch Struktur. Kalte Butter wird untergemischt, damit etwas Sämiggkeit entsteht. Bisher kochte ich die Kartoffeln, zerdrückte sie und rührte heiße Milch mit aufgelöster Butter hinein. Abgeschmeckt mit Pfeffer, etwas Vanille und Salz ist es perfekter Kartoffelbrei. Ob ich zu dem Spitzkohl Stampf oder Brei oder Salzkartoffeln gebe, entscheide ich später.
Chorizo gibt es nur als Scheiben in unserem Dorfkonsum namens EDEKA, hm, gut oder doch nicht gut? Auf jeden Fall nicht zu ändern, also werde ich die Scheiben einzeln braten. Spitzkohl schmeckt feiner und dezenter mit seinen zarten Blättern, feiner als Weißkohl, lese ich im Kochbuch. Er soll der verträglichste aller Kohlsorten sein. Und, sehr wichtig, er bläht nicht!
In Teile geschnitten, den Strunk entfernt, brate ich den Spitzkohl in Butter an, gebe etwas Senf, Zucker, Meersalz, Zitrone und Sahne dazu, lasse es köcheln, bis er bissfest ist. Die knusprigen Chorizoscheiben richte ich um den Kohl an. Der Geruch ist köstlich und Geschmack auch. Dazu gibt es Salzkartoffeln, die ich in dem Fett der Chorizo geschwenkt habe.
Ein Riesling aus dem Rheingau ist das passende Getränk.
Wie pflegt der Norddeutsche beim Anstoßen zu sagen:
»Nicht lang schnacken- Kopf in’n Nacken!«
Der Gatte schenkt ein und das Essen kann beginnen.

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