Corona- Splitter (10)

Dazwischen

Im Moment lebe ich in einer Zwischenzeit oder anders gesagt, der Zeit zwischen den Lockdowns. Nein, nein es gibt noch keine vierte Welle, aber manchmal habe ich das Gefühl, sie wird von der Presse regelrecht herbeigeredet. Die Inzidenz in unserer Stadt liegt heute bei 2,9, also 2,9 Neuerkrankungen auf 100 000 Einwohner, davon ca. 30% mit Delta-Variante des Virus. Ich bin weder Arzt noch Virologe noch Epidemiologe und kann nicht einschätzen, was das genau bedeutet. Natürlich hatte ich in der Schule Prozentrechnung, bin mir aber nicht sicher, ob das heute noch gilt und was jetzt mit wem und womit ins Verhältnis gesetzt wird.
Einschätzen kann ich aber das momentane Lebensgefühl, das sich fantastisch anfühlt. Der Sommer an der Küste meint es gut mit uns in diesem Jahr, die Ostsee ist 19,1 Grad warm und der erste Kinobesuch liegt hinter mir.
Die Kultur startet und damit auch die Eröffnungen von Ausstellungen, die ich früher gemeinsam mit dem Gatten besuchte oder die er selber gestaltete. Es hat deshalb etwas gefehlt in seinem Leben. Eines seiner Hobbys ist Fotografieren und es war in der Vergangenheit schön, wenn er seine Fotos in verschiedenen Lokalitäten ausstellen durfte.
Letzte Woche kam ein Anruf aus Güstrow mit der Frage, ob er denn wieder eine Ausstellung gestalten will. Riesenfreude! Ja, klar möchte er und wenn möglich, sofort!
Da zeigt es sich, man muss nur lange genug einen Wunsch haben , dann klappt es auch mit der Erfüllung.
Aufgeregt fragte er mich, welche Fotos er denn nehmen soll?
Für mich war klar: Südfrankreich!Diese Ausstellung war zwar schon einmal in Bad Doberan zu sehen, aber das Publikum wäre diesmal ein anderes.
Drei Tage später hängten wir die Fotos gemeinsam mit Frau Schröder von der Kulturabteilung der Kreisverhaltung des Landkreises Rostock auf.
Inzwischen sind wir mit ihr ein eingespieltes Team und waren relativ schnell fertig.

Probe-Auswahl

Zu meiner spontanen Entscheidung für Südfrankreich trug seine damalige lebhafte Reisebeschreibung bei. Es war eine seiner ersten Fotoreisen, die von Berlin über Paris nach Nizza führte. Dort trafen sich die acht männlichen Teilnehmer der Fotogruppe in einem Ferienhaus und wollten unter Anleitung des Reiseleiters, eines selbständigen Fotografen, den Süden Frankreichs erkunden. Sehr schöne Bilder entstanden. Der Reiseleiter aus Bayern hatte zu diesem Zeit eine neue Lebensgefährtin aus der Ukraine, die einige Jahre älter war und wesentlich mehr Lebenserfahrung hatte als er. Er wollte noch viel lernen. Von ihr! Deshalb verschob sich der Tagesbeginn ab und an für alle Teilnehmer. Einkaufen und kochen, die Hauptaufgaben der Ukrainerin, schaffte sie manchmal nicht, da sie sich am Tage ausruhte und von Hause auch etwas träge war. Der Stimmung tat das nicht gut. Morgens fuhr die Gruppe auf Motivsuche los. Manchmal hungrig!
In einer Boulangerie aßen sie dann ein Croissant, tranken Kaffee und freuten sich auf das Abendessen. Immerhin war man in einem Gourmetland. Abends, wenn alle müde ankamen, gab es manchmal nur ganz einfache, eher deutsche als französische Kost. Ein Teilnehmer aus Franken regte sich darüber maßlos auf.
Die Aufregung blieb allerdings ein »Sturm im Wasserglas«. Ein Grund dafür war, dass es der Reiseleiter immer wieder mit viel Charme schaffte, dass sich die Franzosen unterwegs problemlos fotografieren ließen. Hinzu kam, dass er sehr oft im Süden Frankreichs war und dadurch genau wusste, wo die schönsten Fotomotive waren. Die Gruppe musste sich also tagsüber zwischen ihren knurrenden Mägen und den fantastischen Fotomotiven entscheiden. Natürlich kannte der Reiseleiter viele kleine Restaurants und Bistros, die zu Aufhellung der Stimmung beitrugen und das DAZWISCHEN angenehm machte.
Das Leben ist eben manchmal nicht so ganz einfach und spielt sich ‚dazwischen‘ ab.
Die Ausstellung befindet sich in Güstrow, dem Klein-Paris des Nordens und liegt zwischen Rostock und Berlin.

Corona-Splitter (9)

Haltbarkeit

Heute morgen beunruhigten mich zwei Meldungen: 1.Die Löw-Zeit ist unrühmlich vorbei und 2.eine Inzidenz von 1,6 in MVP!

Mit ersterem kann ich gut umgehen, da ich vom Fußball eh nichts verstehe. Aber wenn die Pandemie vorbei ist, müsste ich mir eine neue Überschrift ausdenken, denn ,Corona-Splitter‘ funktionieren dann nicht, weil sie nicht mehr piksen.
Nachdem ich die OZ aufschlug, war alles wieder gut. Frau S., unsere Ministerpräsidentin aus Schwerin, sagt, wir müssen aufpassen, die vierte Welle kommt! Wenn wir nicht nach Bali oder Malle fahren, sondern nach Rügen oder Hiddensee, ist die Gefahr gering. Ob das alle wissen oder einfach nur wieder unbeschwert verreisen wollen? Ich denke mir, wenn man den Leuten diese Alternativen anbieten würde, nähmen viele dieses Angebot an.
Viel wichtiger ist das Thema ‚Gendern‘, erfuhr ich nach der Lektüre der OZ-Ausgabe Rostock.
Also, wenn im Rathaus eine Mahnung verschickt, weil Strafzettel nicht bezahlt wird, dann kommt vorher ein Anschreiben mit der Frage: Wie wollen Sie angesprochen werden? Mit Herr oder Frau, nur mit dem Namen oder einem einfachen „Hallo“?
Am besten wäre es, wenn sich die dänische Methode durchsetzen würde, also kollektives Duzen, das ein Geschlecht ausschließt. Alle sind gleich!
Der Mann, mit dem ich zusammenlebe, ist auf dem Emanzipationstrip und will wahrscheinlich auch noch wissen, wie hoch sein Gender-Anteil ist.
Er inspizierte den Kühlschrank. Warum auch immer. Und wurde tatsächlich fündig!
Triumphierend hielt er mir eine Tube Sardellenpaste vor die Augen mit einem Haltbarkeitshinweis: 17.10.2015 und der Frage, ob er denn nun auch noch die Hausarbeit in der Küche übernehmen soll?

„Und“, fragte ich lässig „schon verdorben oder noch gut?“
Es war genießbar, sicherlich nicht frisch, aber keine Bombage und nur leichte Geschmacksveränderung.
Es ist eine Paste, wo wenig Sauerstoff für eine Oxidation eindringen kann. Hier lag sie etwas versteckt, gekühlt und es kam keinerlei Sauerstoff in die Tube.
„Mindestens haltbar bis … heißt nicht … zu verbrauchen bis …“, belehrte ich ihn „und diese Anforderungen hat die Paste erfüllt.“
Bis zum 17.10.2015 war sie haltbar.
„Wo ist dein Problem?“, fragte ich nach.
Es gab keins. Für mich.

Das einzige Problem, dass ich sah, war, dass Männer auf Emanzipation verzichten sollen. Auch Gendern ist nicht für alle geeignet. Wenn einer jahrelang als Mann gelebt hat, dann sollte er es dabei belassen. Auch als Rentner. Der geringe Anteil weiblicher Hormone muss nicht ausgelebt werden.
Der Mann in meinem Haushalt verschwand leicht beleidigt in seinem Zimmer, um die Weichen seiner Eisenbahn neu zu stellen.

Ich entsorgte die Paste.
Ich will ja, dass es ihm gut geht. Trotz abgelaufenen Verbrauchsdatums …

Corona-Splitter (8)

Geöffnet
Zumindest einen Spalt hat ‚Königin Manu‘ in MeckPomm die Tür zu den Grundrechten geöffnet. Vorerst auf Zeit.
Mehrere Lockerungen mit erhobenem Zeigefinger sind vorgesehen. Nicht, dass wir übermütig werden und den nächsten Lockdown, verursacht durch die Delta-Variante des Corona-Virus, aus dem Auge verlieren.
Erst einmal ist aber Sommer, der hier im Norden eine kleine Sonnenpause eingelegt hat. Im Süden Deutschlands toben Unwetter mit Überschwemmungen und eiergrossen Hagelkörnern, die einschlagen wie Geschosse.
Bei uns ist es nur bewölkt und um die zwanzig Grad warm. Die Aussenplätze der Restaurants und Cafés sind gut besucht, im Ort viele Leute unterwegs. Demnächst entfällt die Maskenpflicht im Freien. In Restaurants und Museen/ Galerien wird bei Besuchen die Testpflicht und das Alkoholverbot bei Veranstaltungen überall aufgehoben.
Die beste Info für mich ist, dass ab 1.7. die Kinos in Rostock wieder öffnen. Die Testpflicht entfällt, rechts und links bleiben jeweils zwei Plätze frei, d.h., die freie Sicht ist gewährleistet. Hurra!
Erste Ankündigungen von geplanten Filmen lassen mein Herz höher schlagen: “Der Rausch“ mit Mads Mikkelsen, der Film von Maria Schrader „Ich bin dein Mensch“ mit ihr als Regisseurin und nicht zuletzt „Nomadland“ mit Frances McDormand, die mich in jedem ihrer Filme begeisterte.
Es kann losgehen!
Auf der Straße tobt inzwischen das pralle Leben und ich war gespannt, was nun angezogen wird, wie der Dresscode sein wird. Glamourös und körperbetont? Eher nicht, dafür gibt es noch zu wenige Anlässe. Wir müssen uns langsam wieder aneinander heranschleichen. Das eine oder andere Corona-Pfund muss versteckt werden und auch ich überlege, was dafür geeignet ist. Beim Wühlen nach passender Kleidung fiel mir ein Poncho in die Hände. Darin könnte ich mich verstecken.

A b e r – eigentlich waren wir schon im Lockdown unsichtbar, deshalb jetzt zeigen, was man hat und die Zeit der Lockerungen nutzen.
Als ich gestern nach dem Baden im Dämmerlicht auf der Promenade langfuhr, hörte ich Tangomusik und hielt an. Die Musik kam aus einem Hotelzimmer, das hell erleuchtet war und ich sah ein Pärchen Tango tanzen. Sie in einem eng anliegendem Kleid und er ganz in schwarz – ein schönes Paar. Fasziniert hörte und sah ich zu, um dann beschwingt weiterzufahren.
Ich lächelte vor mich hin und weiss, es werden wieder richtig unbeschwerte Zeiten kommen. Irgendwann.

Corona-Splitter (7)


Sommer-Feeling

Der Sommer ist da.
Seinen ersten großen Auftritt wird er in den nächsten Tagen mit über dreißig Grad haben. Im Fischerdorf sind die Urlauber und Tagesgäste zurück und bevölkern Straßen, Restaurents, Geschäfte und den Strand. Endlich wieder Leben im Ort! Am meisten freuen sich die Möwen, denn eine harte Zeit liegt hinter ihnen. Lange waren keine Touristen mit Bockwürsten oder Fischbrötchen in Sicht. Die Sommerzeit gilt es für sie zu nutzen, denn eine eventuelle vierte Welle könnte den Ort wieder einsam werden lassen.

Am Strand haben die altbekannten Spanner wieder Postion bezogen und glotzen. Die Diskussionen darüber, ob FKK-oder Textilstrand oder doch gemischt, halten an. Die FKKler kämpfen um ihr Revier und lehnen Mischstrand ab. Der Ortsbeirat wird noch viele Male tagen und im Herbst nach Saisonende sicher einen Beschluss fassen.

Inzwischen sind die Hotels wieder geöffnet und ab morgen braucht’s nur noch einen Willkommens-Test für den gesamten Aufenthalt. Es wird über die Maskenpflicht diskutiert und sicher gibt es bald weitere Lockerungen. Nun wurde von offizieller Seite gesagt, dass das Virus nicht verschwinden wird, sondern wir uns auf ein Zusammenleben einstellen müssen, so ähnlich wie mit dem ‚Influenzio‘.
Welch eine Erkenntnis!
Unser »normales« Leben ohne Maske wird erst einmal ungewohnt sein, wenn wir uns begegnen. Wie wird es sein mit den Umarmungen und Küssen zur Begrüßung?
Ehrlich gesagt, wenn das alles wegfällt, wäre es absolut in meinem Interesse. Ich mochte die Art der Verbrüderungen nicht. Vielleicht auch deshalb nicht, weil ich nie wusste, wie die Regeln dafür sind. Erst rechts, dann links? Oder doch umgekehrt? Was macht man mit den Händen? Den anderen umarmen, auf die Schulter legen? Gibt es hierbei Sympathieabstufungen? Bei welchen Gelegenheiten ist richtiges Drücken erlaubt? Es war schwierig für mich.
Wenn ich mich an früher, also vor 1989, erinnere, gab es keine Umarmungen außerhalb der Familie. In französischen und italienischen Filmen umarmten sich die Leute immerzu, was ich nie hinterfragt habe, sondern als gegeben hinnahm. Natürlich hätte ich mich von Marcello Mastroianni gern einmal umarmen und küssen lassen. Rechts oder links zuerst oder umgekehrt wäre dabei egal gewesen. Das waren wohlige Gedanken, mehr nicht.
Dann steht die Frage: Hände wieder zur Begrüßung reichen oder nicht? Ich finde ja, dass man am Händedruck schon etwas auf den Anderen und sein Wesen schließen kann. Wenn ich Jemandem mit laschen, feuchtem Händedruck begegne, dann, ja, also, dann ist das so. Und dann gibt es Männer, die meinen, die Hand ist eine Zitrone und muss ausgedrückt werden. Ich bin mit Händeschütteln zur Begrüßung sozialisiert. Auch jetzt ertappe ich mich, dass ich die Hand bei einer Begegnung ausstrecke und sie dann aber reflexartig zurückziehe wegen Keimübertragung und so.
Ich bin echt gespannt, wie sich das entwickeln wird.
Ich weiß aber auch ganz genau, dass ich meine engen Freunde zur Begrüßung weiterhin umarmen werde, genauso, wie sie mich umarmen. Natürlich ohne Maske.
Jetzt gehe ich aber erst einmal an den Strand, auch ohne Maske und lasse mich von den warmen Sonnenstrahlen und dem etwas kälteren Wasser einlullen.

Corona-Splitter (6)

ZUFÄLLE

Manchmal frage ich mich,
ob es Zufälle gibt. Immer dann, wenn ich auf etwas treffe, das absolut in mein Leben passt, so perfekt, als hätte ich darauf gewartet. Arthur Schopenhauer, ein deutscher Philosoph, hat es so ausgedrückt:
“Die Bestimmung eines Individuums wird sich unvermeidlich an das Schicksal eines anderen Individuums anpassen, und jeder ist der Protagonist seines eigenen Theaterstücks, während er gleichzeitig eine Rolle im Stück seines Mitmenschen spielt. Es handelt sich hierbei um etwas, was unsere Fähigkeit des Verstehens übersteigt.”
Gut, das klingt etwas kompliziert und ich bleibe bei der einfachen Variante, die ihren Anfang im Frühjahr nahm. Im Haus stand eine Reparatur an, die für den Hausherrn zu kompliziert war. Ein Handwerker aus einem Dorf weiter musste her, der auch relativ schnell einen Termin freihatte. Der Chef kam selber. Er war nicht das erste Mal bei uns. Bei früheren Aufträgen kam er, die Absprache wurde geführt, keinerlei Smalltalk und nach ganz kurzer Zeit war er wieder weg.
Wie auf der Flucht!
An diesem Tage war er jedoch gesprächig, vielleicht coronabedingt, ich weiß es nicht. Was ich aber weiß, ist, dass er erzählte, er spiele seit einiger Zeit Tischtennis. Ich war wie elektrisiert, da ich leidenschaftlich gern TT spiele. Okay, es lag schon eine Weile zurück, dass ich an der Platte stand. Es war im Kinderferienlager und wir spielten ‚chinesisch‘, rannten wie besessen um die Platten und versuchten, den Ball zu treffen.

Nun hatte ich also das Spielparadies direkt vor Augen!
Ich fragte sofort nach, ob noch eine Spielerin gebraucht werde. Zufällig hatte gerade einer aufgehört und es wurde eine vierte Person für gemischtes Doppel gesucht. Ein Glückstag, mein Glückstag!
Mit etwas skeptischen Blick meinte er:
»Kommen Sie am Freitag 16 Uhr in die Werkstatt und dann schauen wir mal!«
Schauen? Nein, spielen, ich wollte spielen.

Inzwischen spielen wir schon seit ein paar Wochen ein Dorf weiter, duzen uns und wissen, wer in unserer Rentner-Gang der Champ ist. Die Stimmung ist immer gut und der Freitag wird von allen sehnlich erwartet.
Die Platte wird in einer der Werkstätten aufgebaut und dann geht es los. Würde man den Raum in einem Katalog beschreiben, dann stände dort: Flair, ein Raum mit morbidem Charme der Arbeitsgeräte aus vergangener Zeit und in der Mitte eine Tischtennisplatte.
Der Champ möchte den kleinen Ball immerzu schmettern, was dem Chef nicht so ganz gefällt. Natürlich sagt er nichts, sondern kommuniziert über Körpersprache, die ein-eindeutig ist. Die Schmetterbälle werden weniger. Bis der Spieler wieder im Flow ist. Dann holt er jeden Ball auf die Platte und wenn er sich vergisst, schmettert er.
Marion, die zweite Frau neben mir, ist ihm auf der Spur und konnte im Einzel schon gegen ihn gewinnen. Ich auch! Aber meist nur einen Satz, die anderen beiden gewinnt er immer.
Die Doppelbesetzungen wechseln, so dass keiner sagen kann, wer besser ist. Ich, zum Beispiel, erziele mit der Rückhand mehr Punkte als mit der Vorhand.
Wenn ich fleißig übe, kann sich das noch ändern.
Inzwischen weiß ich, dass diese Idee, Tischtennis in der Werkstatt zu spielen, Corona geschuldet ist. Sport fiel aufgrund der Maßnahmen für alle weg und der Chef mochte nicht immer im Küstenwald hin-und zurücklaufen. Neue Ideen waren gefragt.
In unserer kleinen Gruppe haben wir die Herdenimmunität erreicht:
Drei sind geimpft! Eine ist gesund.
Die Aussichten sind gut, dass wir in der fünften Rentner-Liga spielen können.
Nur unser Chef nicht, der ist 10 Jahre zu jung.

Corona-Splitter (5)

Pfingstausflug

Seit gestern gibt es in MVP weitere Lockerungen im öffentlichen Leben. Ein Besuch in Restaurants ist möglich, mit Test. Die Aussengastronomie darf ohne Test und ohne Impfung genutzt werden. Wobei für mich, der Frau mit der schwachen Blase, die Frage steht:
Darf ich die Toilette im Innenraum benutzen?
Ich bin gesund, nicht genesen, nicht geimpft, nicht übergewichtig, halte mich an die Regeln. Was darf ich alles?
Auf jeden Fall dürfen wir einen Fahrradausflug nach Rosenort, Richtung Graal Müritz an den Strand unternehmen.

Der Pfingstmontag verspricht, schön zu werden. Schäfchenwolken am Himmel, etwas kalter Wind und immer wieder Sonne. Es ist Mai und da ist einfach nicht mehr zu erwarten. Bisher war es kalt und regnerisch und wir haben erst den dritten Tag in diesem Monat, der wärmer ist.
Der Weg führt über die Warnow, wo wir mit der Fähre übersetzen und weiter über Markgrafenheide durch den Wald. Saubere, klare Luft und satte Farben- der Mai hält im Allgemeinen, was er verspricht.
Während der Fahrt driften meine Gedanken ab in die tiefe, in die ganz tiefe Vergangenheit über vierzig Jahre zuvor. Schon einmal waren wir Ende Mai zusammen unterwegs, allerdings per Fuß und Richtung Westen. Das Wetter an jenem Tage war wie an dem heutigen: etwas kalter Wind und Sonne, die regelmäßig von Wolken verdeckt wurde. Michael und ich kannten uns ein halbes Jahr, waren aber immer nur kurz aufeinander getroffen, da ich in Berlin und er in Rostock lebte. An jenem Maitag hatte er frei, ich zufällig einen Termin in Rostock und wir beschlossen, eine kleine Wanderung entlang der Küste Richtung Kühlungsborn zu unternehmen.
Es war aufregend.
Jedes Wort hatte eine besondere Bedeutung, die Luft vibrierte von den Sehnsüchten und Hoffnungen. Als das Meer vor uns auftauchte, war der Strand ganz leer. Es war ein normaler Wochentag, an dem die meisten beschäftigt waren. Die Jugendlichen hielten sich an belebteren Stränden auf, ging es doch für sie ums Sehen und Gesehen werden.
Wir waren allein und verschwanden mit unserer Lust aufeinander relativ schnell in den Dünen. Ich erinnerte mich, dass die Sonne heiß auf das nackte Hinterteil brannte, das jedoch immer mal wieder von einem kalten Windstoß abgekühlt wurde. Die feinen Sandkörner rieben die Haut auf. Es störte uns alles nicht.
Als das Meer heute in der Ferne auftaucht, die Räder angeschlossen sind, frage ich:
„Erinnerst du dich?“

Auch er erinnert sich und ich sehe das Glitzern in seinen Augen. Der Strand ist relativ leer. Vereinzelt sieht man Windschützer an den schrägen Dünen und noch vereinzelter Spaziergänger direkt am Meer.
Wir schauen, lächeln und verschwinden wieder sofort in den Dünen. Das gleiche Gefühl überkommt uns.
Wir lächeln etwas verlegen, als wir denken:
„Wollen wir? In unserem Alter?“
Ich gebe ihm lachend einen Schubs und er fällt in den Sand. Es ist anders, aber immer noch besonders,
Der Gedanke an das Alter ist so flüchtig.

Später laufe ich am Strand entlang, in der Hoffnung, einen Hühnergott zu finden. Diese Steine, in die das Meer ein Loch gewaschen hatte, faszinieren mich von jeher. Selten habe ich einen gefunden, mich aber immer über die Leute gewundert, die einmal am Meer entlang liefen und -zig Götter fanden!
Der Gatte ist im Sand eingeschlafen und erschrickt, als er meine euphorische Stimme hört:
„Los, rate mal, wie viele Götter ich in meiner Hand habe!Sieben Götter habe ich!“
Dann bestaunen wir gemeinsam die sechs Steine, die ich in der Hand halte.
Was für ein schöner Tag, denke ich,
Pfingsten eben.
Zurück, auf auf der Fähre mit starkem Wind im Gesicht, ertönt die Stimme aus dem Lautsprecher:
„Bitte denken Sie daran, die Maske zu tragen, um Ihre Mitmenschen zu schützen!“

Der Alltag hat uns wieder.

Corona-Splitter (4)

Spitzkohl

Die Pandemie teilt die Menschen für mich in zwei Gruppen, in eine, die gern kocht und eine andere, die dem Kochen nichts abgewinnen kann. Der eine Teil wartet, dass die Restaurants wieder öffnen und der andere probiert sich am Herd aus.
Ich gehöre zur zweiten Gruppe und koche jeden Tag, auch deshalb, um dem Alltag etwas Struktur zu geben. Ich gestehe, dass ich neuerdings gern mal eine Kochshow ansehe. Es überrascht mich immer wieder, wie ein Hobbykoch in 30 Minuten ein Essen kochen kann. Das auch noch schmeckt. Ich ertappe mich, dass ich denke, da wird bestimmt geschummelt, denn bei mir klappt das nie!
Wobei- ich hab es noch nie probiert.
Am Kochen fasziniert mich die relative Ungenauigkeit und der Mangel an Disziplin. Sollte ich hier in der Küche versagen, sind die Folgen nicht schlimm: Enttäuschung, vielleicht ein Anflug von selten geäußerter Unzufriedenheit. Ich mag Kochbuchautoren, die von einer ’Handvoll’ reden, eine ’Prise’, davon dieses oder jenes großzügig untermengen. Die Autoren geben alternative Zutaten an und ermuntern zu Experimenten. Ich bin nicht die ordentliche Köchin und koche meist nach Gefühl. Der Erfolg gibt mir Recht. Ich mag es , wenn Gäste mitkochen und wir ein Glas Wein trinken. Wir betrinken uns nicht, sondern es inspiriert zu einem lockeren Umgang mit den Zutaten.
Zur Zeit spricht man viel von Nachhaltigkeit und auch davon, Produkte aus der Region zu verarbeiten. Eines meiner Lieblingsgerichte sind Spaghetti mit Pesto, dick mit geriebenem Parmesan bestreut und dazu gegrillten Lachs. Köstlich! Okay, nicht unbedingt Produkte aus der Region, außer die Spagetti, die sind vom EDEKA am Kirchenplatz.
Gilt das?
Neulich hörte ich, dass Spitzkohl angesagt ist, den ich noch nie verarbeitet habe. Ich erinnere mich, dass es früher in der Betriebsküche Krautgulasch gab.
Meine persönliche Challenge ist es jetzt, eine Art Krautgulasch alá Jutta zu kreieren.

Als erste Zutat fällt mir Chorizo ein, eine feste, grobkörnige mit Paprika und Knoblauch gewürzte Rohwurst. Früher nahmen wir Knacker, aber der Kohl soll etwas Flair haben, so, als hätte er die Welt gesehen und nicht nur eine deutsche Ackerfurche. Dazu Kartoffelbrei, nein, Kartoffelstampf heißt das jetzt.
Die Kartoffeln werden nicht mehr total zermanscht, sondern mit warmer Milch gestampft und haben noch Struktur. Kalte Butter wird untergemischt, damit etwas Sämiggkeit entsteht. Bisher kochte ich die Kartoffeln, zerdrückte sie und rührte heiße Milch mit aufgelöster Butter hinein. Abgeschmeckt mit Pfeffer, etwas Vanille und Salz ist es perfekter Kartoffelbrei. Ob ich zu dem Spitzkohl Stampf oder Brei oder Salzkartoffeln gebe, entscheide ich später.
Chorizo gibt es nur als Scheiben in unserem Dorfkonsum namens EDEKA, hm, gut oder doch nicht gut? Auf jeden Fall nicht zu ändern, also werde ich die Scheiben einzeln braten. Spitzkohl schmeckt feiner und dezenter mit seinen zarten Blättern, feiner als Weißkohl, lese ich im Kochbuch. Er soll der verträglichste aller Kohlsorten sein. Und, sehr wichtig, er bläht nicht!
In Teile geschnitten, den Strunk entfernt, brate ich den Spitzkohl in Butter an, gebe etwas Senf, Zucker, Meersalz, Zitrone und Sahne dazu, lasse es köcheln, bis er bissfest ist. Die knusprigen Chorizoscheiben richte ich um den Kohl an. Der Geruch ist köstlich und Geschmack auch. Dazu gibt es Salzkartoffeln, die ich in dem Fett der Chorizo geschwenkt habe.
Ein Riesling aus dem Rheingau ist das passende Getränk.
Wie pflegt der Norddeutsche beim Anstoßen zu sagen:
»Nicht lang schnacken- Kopf in’n Nacken!«
Der Gatte schenkt ein und das Essen kann beginnen.

Corona-Splitter (3)

Kino

Etwas, was ich in diesen Zeiten so richtig vermisse, ist das Kino. Wieder einmal in den Sessel sinken, die fünf Bonbons essen, den Vorspann ansehen und dann in den Film eintauchen- das wär’s!

Ich habe immer genau fünf Bonbons mit und wenn der Hauptfilm startet, sind sie alle, ein Ritual. Schon in ganz frühen Jahren ging ich ins Kino. Wir wohnten auf dem Dorf, wo einmal im Monat im Dorfgasthof ein Film vorgeführt wurde. Nachmittags die Kindervorstellung und später noch zwei weitere Vorstellungen. Eine Kinokarte kostete 25 Pfennig und manchmal war selbst dieses Geld knapp, da wir sehr viele waren. Wenn ich kein Geld für die Karte bekam, lungerte ich vor dem Gasthof, bis der Vorführer, der mich schon kannte, sagte:

„Nun komm schon rein!“

1961

Ansonsten kaufte ich mir eine Karte und lief zur ersten Reihe. Ich sass immer in der ersten Reihe und wenn der Film begann, hatte ich die Kinokarte vor Aufregung aufgegessen. Begann der Film, vergass ich alles um mich herum und tauchte in eine fremde Welt ein. Die Bilder faszinierten mich und weckten Sehnsüchte nach fernen Ländern und einem anderen Leben.

Mein erster Erwachsenen-Film, in den mich meine Mutter mitnahm, war Anfang der sechziger Jahre VERGESST MIR MEINE TRAUDEL NICHT mit Eva Maria Hagen in der Hauptrolle. So richtig verstanden habe ich ihn nicht, es war eher das Gefühl, das man im Leben alles erreichen kann. Die 18jährige Traudel läuft aus einem Heim davon und hat nur einen Zettel bei sich, auf dem obiger Satz steht. Selbst fast noch ein Kind kommt sie mit Charme und Witz durchs Leben. Das gefiel mir.

Ende der 60iger Jahre kam der Film MANCHE MÖGEN’S HEISS in die Kinos. Auch nach Riesa! Ich schaute ihn dreimal an, an drei Tagen hintereinander. Einfach ein grandioser Film! Insgesamt sah ich ihn bestimmt über 20x und wenn er heute im TV kommt, schaue ich ihn wieder an. Inzwischen kann ich die Dialoge auswendig, klar. Und immer wieder amüsiere ich mich köstlich über den Wortwitz der Akteure.

Auf einer Rundreise durch Kalifornien besuchten wir das Hotel Coronado, wo einige Szenen des Filmes gedreht wurden.

Mir fällt bei der Erinnerung auf, dass ich sehr oft allein im Kino war. Es war für mich ein kurzes Vergessen des Alltages, den ich auch mit dem Lesen erreichte.

Ein Film, der mein Lebensgefühl absolut traf, war DIE LEGENDE VON PAUL UND PAULA. Inzwischen studierte ich in Berlin und die Kinos waren grösser und moderner. Dieser Film lief 1973 im Kino International in der Karl-Marx-Allee. Ich sah den Film 6x, an sechs Tagen hintereinander. Die Musik der Puhdys und die Texte der Lieder gingen unter die Haut, das Spiel von Angelika Domröse und Winfried Glatzeder war absolut authentisch, zwei Menschen, die sich in einer Zeit begegnen, in der sie einander brauchen, die nicht viel fragen. Die Fragen kommen erst, als aus dem Verliebtsein Liebe wird.

1971

Einer meiner ersten Filme im CAPITOL in Rostock war der Film EINER FLOG ÜBER’S KUCKUCKSNEST. Es war November, eisiger Wind pfiff durch die Breite Strasse und als ich aus dem Kino kam, fror ich noch mehr. Die Vortäuschung einer psychiatrischen Erkrankung, um dem Arbeitsdienst im Gefängnis zu entgehen, wird von Jack Nicholson gespielt und endet tragisch. Ich denke, diesen Film hat fast jeder gesehen.

1982

Ich gehöre zu denen, die nah am Wasser gebaut haben und natürlich im Kino weinen. Inzwischen so, dass die Tränen rinnen, aber kein Schluchzer ertönt. Stimmt nicht ganz!

Im Film WEISSER OLEANDER mit Michelle Pfeiffer musste ich fast von Anfang an weinen. Sie spielt in diesem Film eine alleinerziehende Mutter, die ihren Mann, der sie enttäuschte, vergiftet. Vom Gefängnis aus führt sie Korrespndenz mit ihrer Tochter, die in verschiedenen Pflegefamilien, teils im Heim aufwächst. Eine psychologische Studie, die brillant gespielt wurde und unter die Haut ging.

Neben mir sass damals ein Mann, der genauso heulte und schluchzte wie ich. Ich kannte ihn nicht, fand das aber sympathisch. Das Kino war mässig besetzt, ein Glück!

Nachdem die Tränen getrocknet waren, wir uns im Dämmerlicht scheu gemustert hatten, beschlossen wir, bei einem Glas Wein den Film auszuwerten. Es war ein langer Abend, denn es gab viele Parallelen in unserem Film-Konsum.

Inzwischen bevorzuge ich die Programmkinos aus einem banalen Grund heraus: es gibt kein Popkorn und die Filme sind anspruchsvoller.

Ich wurde irgendwann einmal gefragt, wie ich Filme auswähle und musste erst einmal überlegen. Krimis mag ich nicht so gern, weil ich Spannung schlecht aushalte. Diese schaue ich lieber Zuhause an, weil ich dort ständig das Zimmer verlassen kann. Filme mit Tiefgang, psychologisch angehaucht, ja, das mag ich. Sehr gern französische Filme, die auch der Gatte gern mag. Er kommt mit ins Kino, sofern es keine amerikanischen Filme und Psychodramas sind. Hat halt jeder eine Vorliebe.

Nun warte ich darauf, dass bald ein Kinobesuch möglich sein wird. Mit der Alternative Netflix und Streaming kann ich mich schlecht anfreunden, weil die Atmosphäre fehlt, diese Stimmung, wenn das Licht langsam ausgeht,das letzte Flüstern verstummt, es ganz dunkel wird und dann der Film beginnt.

Ich verstehe bis heute nicht, warum Kinos geschlossen sind und EDEKA in Warnemünde, wo man beim Einkaufen fast Hautkontakt hat, öffnen darf. Die Hygienregeln wurden mehr als eingehalten, jede zweite Reihe frei, zwei Plätze rechts und links ebenfalls frei. Es sei denn, man hatte mit dem direkten Nachbarn ein Verhältnis oder Beziehung oder gab es vor, dann durfte man nebeneinander sitzen.

PS. Eben kam die Nachricht, dass nächste Woche die Kinos in den USA unter bestimmten Bedingungen öffnen können. Das lässt hoffen! Wenn Amerika, nunmehr mit Präsident Biden, etwas vorgibt, ist es gut und Deutschland greift es auf.

Oder doch nicht?

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Corona-Splitter (2)

Erste Schritte

Der Lockdown ist seit heute vorbei, sagen wir besser, etwas vorbei, etwa 20 %, was jeder anders sieht. Die fehlenden 80% sind bei mir Kino, Theater, Konzert und Gruppentreffen.
Mich lockte heute der Zahnarzt nach Rostock, der an meinem Gebiss eine größere Reparatur durchführen will. Natürlich habe ich wieder Schiss!
Die ist S-Bahn voller als sonst. In der Straßenbahn ist jeder zweite Platz besetzt, im Gang dazwischen hat hat man fast Hautkontakt. Die Breite Straße und Kröpeliner Strasse sind nicht stark frequentiert. Schlangen sind nur vor dem Kaufhof, H&M und C&A, alles übersichtlich.

Völlig verkrampft sitze ich dann auf dem Stuhl, scherze mit dem Zahnarzt. Noch wird gelacht. Dann erzählt er, dass ein Verwandter von ihm früher bei CLOSED (Konfektionsfirma) gearbeitet, dabei viel zu sagen hatte und er immer Jeans aus dem Westen bekam. Die natürlich nie passten, vor allem hinten nicht.
Er hatte keinen richtigen, optisch gut sichtbaren Po in der Hose!
Nun, antwortete ich aus der schlechten Position heraus, wo nichts ist, kann auch die Hose nichts machen!
Kurzes Schweigen und dann Gelächter.
„Gerade wollte ich die Spritze aufziehen, aber das lass ich nun“, meinte er verschmitzt. Darauf konnte ich nicht antworten, denn der Mund stand wieder offen.


Nach dem Zahnarztbesuch eine Shoppingtour durch Rostock. Sehr kurze Tour! Am Eingang muss ein Vordruck mit Adresse ausgefüllt werden. Noch nichts mit LUCA-App! War es nur ein Schwatzen des Herrn Madsen?
Unabhängig davon, ich kaufe erst wieder ein, wenn die Spiegel in den Umkleidekabinen ausgetauscht sind. Ich habe mich irgendwie ganz anders in Erinnerung

Corona-Splitter (1)

Jutta, der Jammerlappen

Ich vermisse Kinos und Theater. Ich vermisse das Fitnesstudio mit der Sauna und Schwimmhalle. Zum Joggen im Regen oder zu Turnübungen vor dem Computer kann ich mich nicht aufraffen. Es reicht nur zum Frühsport. Ich vermisse die Galerien, den Besuch in der Kunsthalle. Ich vermisse das Reisen, einfach in ein warmes Land abhauen zu können. Ich vermisse es, durch Läden ohne Maske zu streifen.
Jammern hilft mir, auch, wenn keiner zuhört. Wenn ich eine Weile gejammert habe, geht es mir meistens besser. Nein, ich will nicht hören, dass es anderen viel schlechter geht, was sicher auch stimmt. Nur- was hilft mir das?
Stellt euch vor, ein Mann oder Frau ist gerade vom Fahrrad gefallen, hat sich die Hand gebrochen, Fuss verstaucht, brüllt vor Schmerzen, da sage ich ja auch nicht:
“ Sie haben Glück gehabt, nur eine Hand gebrochen. Das Rad ist auch noch heil. Nun machen Sie mal nicht so ein Theater!“
Das wäre unsensibel.
Ich aber will Trost, Verständnis, Zuwendung- das ist es, was ich will. Wenigstens kann mir keiner sagen, dass ich selber Schuld habe. Ich habe keine infizierte Fledermaus gegessen, deshalb bin ich unschuldig.
Ich will auch nicht politisieren und über Sinn und Unsinn einiger Massnahmen nachdenken und vielleicht sogar darüber zu diskutieren. Dazu bräuchte es Kraft, Energie, Hoffnung auf bessere Zeiten und das habe ich gerade wenig. Ich schaffe es gerade noch, zu sagen: Es ist zur Zeit nicht schön hier und früher war alles besser! Zumindest vor zwei Jahren.
Arbeiten, Essen, Kaufen, Kopulation und Netflix sind erlaubt. Immerhin.
Ich könnte mir einen Döner holen, denn auch zum Kochen fehlt mir manchmal die Lust. Bis ich Zuhause bin, wäre er kalt. Ich könnte mich in irgendeinen Hausflur stellen, wo es nicht so windig ist und den Döner heisshungrig runterschlingen. Müsste nur aufpassen, dass die Knoblauchsosse nicht runtertropft, Treppen verschmiert und ein zufällig daherkommender Hausbewohner mich anschnauzt. Irgendwie haben viele schlechte Laune. Ich vermisse die gute Laune, das Glück und werde dabei immer dicker.
Am schlimmsten ist für mich, dass sich wegen der Maske die Brille ständig beschlägt. Egal, wie ich den Maskenbügel biege, es funktioniert nicht. Wenn ich dann an der Kasse stehe und sehe, dass ich nicht den Spinat mit dem Blubb sondern den gehäckselten im Korb habe, bin ich meist zu faul, umzukehren.
Soll ich weiterjammern?
Wenn ich das nicht mehr dürfte, wäre das ein sehr, sehr grosser Verlust.
Prost!

Eine schusslige Rentnerin?

Dem gemeinen Rentner*in an sich
geht es gut in Zeiten mit Pandemie. Rente kommt pünktlich, Termine, wenn überhaupt, sind überschaubar und Kontakte meist steuerbar. Das einzige, was zu schaffen macht oder machen könnte, ist er/sie selber und der Stand seiner/ihrer eventuell beginnenden Demenz.
Ich spreche jetzt von mir!
Samstags stelle ich mir den Wecker, vertraue nicht auf das natürliche Erwachen, denn es ist Markttag. Direkt vor der Haustür werden gesunde und nicht so ganz gesunde Waren nebst Blumen/Sträuchern angeboten. Frische Eier, gelegt von Hühnern mit nachweisbarer Vita, gehören zum Standardangebot.
Ein Besuch ist Pflicht!
Seit der Gatte, mit extremen Ehrgeiz, einen Teil der Hausarbeit nebst Einkaufen übernommen hat, ist mein Anteil daran überschaubar geworden. An den Stand mit Wildfleisch kann ich ihn noch nicht allein lassen, da fehlt ihm schlicht die Fachkenntnis. Immer wieder will er allein hingehen und beweisen, dass er schon „gross“ ist und es schafft, das Richtige zu kaufen. Milde lächelnd nehme ich dann seine gekauften Produkte entgegen und überlege gleichzeitig, was daraus gemacht werden könnte.
Allein- der Wille zählt.
Heute ist ein trister Tag, kalt, neblig, ungemütlich. Schnell über den Markt gehuscht, das Übliche gekauft, Lebensmittel zuhause gebunkert, die Tasche gegen eine andere ausgetauscht. Nächster Weg, nunmehr mit Rad, zum Fischkauf an den Hafen. Nur Heringe im Angebot! Wird spontan abgelehnt nach einem prägenden Erlebnis. Briet vor Jahren Heringe in der Wohnung, Freundin besuchte mich eine Woche später und meinte: „Oh! Riecht das lecker bei dir, hast du HEUTE Heringe gebraten?“
Eine Woche Fischgeruch in der Wohnung will keiner. Ich auch nicht.
Weiterfahrt zum REWE!
Während der Fahrt Umdisponieren des Mittagessens von Fisch auf Porree, Kartoffeln und Salsiccia (italienische Bratwurst). Das Glück ist mir hold, drei Sorten der Wurst im Angebot! Ich entscheide mich für Fenchel, passt gut zu Porree.
Kurz vor der Kasse greife ich locker in die Tasche zum Geldbeutel- nichts! Ich wühle in der Tasche, immer noch nichts. Also kein Geld mit und kurze Überlegung, wieso ich auf dem Markt bezahlen konnte und nun nicht mehr? Keinerlei Erinnerung. Egal! Umschauen, wer mir Geld leihen könnte. Das ist der Vorteil, wenn man auf dem Dorf wohnt, einen kennt man immer.
Nur eben heute nicht.
Also Wurst wieder ins Regal, das andere Beiwerk auch und zurück, Geld holen. Stopp!
Da steht Frau P. und verstaut ihren Rieseneinkauf im Mercedes-Cabrio. Auf meine Frage, ob sie mir 10€ leihen kann, lacht sie laut auf und meint:“Wer hat denn heute noch Bargeld?“ Sie jedenfalls nicht.
Oh! Da kommt Ehepaar B., ebenfalls voll beladen, aber nicht vom REWE, sondern vom ALDI. Auch hier meine Frage nach 10€.
„Also, ich habe gar kein Geld mehr, seit ich Zuhause bin, das macht mein Mann“, tönt es von Frau B., „… er macht inzwischen alles!“
Herr B. schleppt zwei schwere Taschen mit Gemüse und anderen leckeren Dingen. Wieso kauft er das nicht auf dem Markt?, schiesst kurz ein Gedanke durch mein Hirn. Bargeld habe ich auch keins, meint er, aber ich soll mal warten und beginnt in all seinen Taschen zu wühlen. Tatsächlich, er findet zwei 5€-Scheine. Glück gehabt! Wir quatschen noch über die aktuelle Corona-Situation, was alles geht und was nicht, bis seine Frau meint, er solle die Maske aufsetzen, wenn er mit mir spricht, daran denken, dass sie heute noch ein Paket erwartet und langsam mit dem Gequatsche, das eh nichts bringt, aufhören. Klare Ansage!
Ich setze ebenfalls die Maske auf, laufe zurück ins Geschäft, hole die Wurst und mit Rad geht es zurück ins warme Nest. Nach wie vor eisig kalt. Zuhause angekommen, merke ich, dass ich immer noch die Maske trage. Wie doof ist das denn? Auf dem Fahrrad mit Maske!
Immerhin- sie hat den kalten Wind abgehalten. Schade, dass es keiner gesehen hat, wie systemrelevant ich mich verhalte.
Im Gang zum Haus steht die Tasche vom Markt und griffbereit daneben liegt der Geldbeutel!!
Ist das nun eine Form von Demenz oder nur Schussligkeit?

Lakrids by Bülow

Heute hatte ich ein Erlebnis der besonderen Art!
Kürzlich erzählte mir eine Bekannte, dass ihr Mann einen Weihnachtskalender mit Produkten von ‚Lakrids by Bülow‘ geschenkt bekommen hat.
Sofort war ich aufmerksam! Lakritz liebe ich schon immer, erinnerte mich an das aus Island und natürlich Amsterdam.
Wo gab es LAKRIDS by Bülow?
Ich musste es haben!
Google sagte, im eigenen Online-Shop von LAKRIDS und Geschäften in großen Städten wie HH bzw. Berlin. Also nicht bei uns auf dem Land. Enttäuschung breitete sich aus.
Auf meinem Pandemie-Spaziergang zum Schutz vor Corvid 19 lief ich durch die Straße Am Leuchtturm und stolperte fast über einen Fahrradständer. Nein, ich war nicht betrunken, es war nur dunkel. Was ich dann als Werbung auf dem Ständer las, entzückte mich: LAKRIDS by Bülow! Leider war es nach 18 Uhr und das Geschäft geschlossen.
Am nächsten Tag um 11 Uhr stand ich auf der Matte und tatsächlich, der BASSETTI-Laden führt neben vielen schönen Textilien und Dingen für das Auge und die Haptik auch besagte Lakritzerzeugnisse.
Sehr nette Beratung durch die Chefin, Frau von der Thüsen, mit Verkostung und nach einer halben Stunde hatte ich meine zwei Dosen LAKRIDS, einmal mit gesalzenem Karamell und einmal mit Kaffee/Schokolade ummantelt.
Die Schokolade außen mit Kaffee-bzw. Karamellgeschmack schmeckte einfach nur köstlich. Von dem Lakritzkern war ich enttäuscht, fand ihn zu lasch, einfach zu mild.
Ich ging deshalb nochmals zu Frau ‚Bassetti’, um ihr mein Problemchen vorzutragen. Sie wusste sofort, wovon ich sprach und meinte, viele mögen eher den milden Geschmack. Richtig ‚scharf‘ sind die Salmiakkugeln mit Schokolade. Sie gab mir eine. Tatsächlich!
Genau das war der Geschmack, den ich wollte. Damit ich wirklich sicher war, gab es noch drei andere Kugeln zum Vergleich- sehr großzügig.
Ich gestand ihr, dass ich den Inhalt einer Dose sofort aufgegessen hatte. Trotzdem es nicht so war, wie ich es mir vorgestellt hatte. Aber die Schokolade außen war einfach nur köstlich. „Möchten Sie noch eine Dose von den Salmiakkugeln mit Schokolade mitnehmen?“, fragte sie.
Ich wollte, hatte aber kein Geld mit.
„Das macht nichts“, meinte sie „bringen Sie es morgen oder übermorgen vorbei!“
Wow! Welch ein Vertrauen.
Ich steckte die Dose ein und sie sah auf meine Uhr, erzählte, ihre Schwester habe auch so eine und dass bei ihr selbst der erste Wert beim Blutdruck extrem hoch und der zweite sehr niedrig sei. Der Blutsauerstoff sei auch zu niedrig.
Das war mein Stichwort und Startschuss!
Sofort nahm ich meine Uhr ab, band sie ihr um und dann, siehe da: 94% Sauerstoffgehalt im Blut!
Sie zufrieden mit ihrem Sauerstoff, ich zufrieden mit den Salmiakkugeln in Schokolade und bereit für einen neuen Gourmet-Abend im Sessel.

Impressionen Sommer 2020

Susi lacht

Wenn ich morgens das Haus Richtung Strand verlasse, steht manchmal ein weisses Rad vor dem Hauseingang. Nicht immer, aber ziemlich oft. Es ist ein weisses SCOTT-Rad, etwas Besonderes nicht nur in der Farbe sondern auch rein technisch gesehen. Wer fährt schon ein weisses Rad, das gepflegt werden will? Ich kenne keinen ausser Frau W. aus W., die einen “Fahrrad-Pfleger” hat, der ab und an mosert, warum es ein weisses Rad sein musste.
Das Rad vor der Tür gehört Susi, die es günstig erstanden und schon einen Teil ihres grossen Gehaltes in Durchsichten und Reperaturen investiert hat.
Laufe ich morgens an der Tür zur Zimmervermittlung vorbei, wo sie beschäftigt ist, dann lacht sie und winkt. Genau wie ich. Lachen und winken.
Morgens ist die Welt in Ordnung.
Susi kommt aus Magdeburg und hat sich irgendwann in den Norden verliebt. Nun teilt sie ihre Gunst zwischen dem Norden und der Mitte von Deutschland. Natürlich hat sie einen Freund, den Stefan, der aber nicht in den Norden will. Gern für ein Wochenende oder etwas mehr am Meer, aber nicht für immer.
Susi ist immer modisch gekleidet und kann so ziemlich alles tragen. Ausser schwere Wassereimer, aber die trägt ja der Stefan. Neulich postete Susi Bilder vom Strand, auf dem ein Stuhl mit einer gelben Tasche zu sehen war.

Wow! Der Designer muss beim Kreieren der Form und Farbe ein Bild von einer Frau wie Susi vor Augen gehabt haben. Gross, blond, schlank und immer ein Lachen im Gesicht! Dazu das Meer, das als Kontrast im Hintergrund leuchtet. Ist die Tasche praktisch? Auf jeden Fall, denn sie ist gross. Als ich das Bild sah, hätte ich gern die Tasche gefragt, wo sie schon überall war. Am Mittelmeer? Oder doch nur am Strand der Ostsee? Am Badesee? Oder vielleicht wurde sie zum schnellen Einkauf bei EDEKA missbraucht?
Man weiss es nicht.
Tagsüber herrscht reger Betrieb bei der Zimmervermittlung bzw. es wird unentwegt telefoniert. Warnemünde ist ein gefragter Ort und in Zeiten der Pandemie noch mehr. Nun lacht Susi nicht mehr so viel, denn bei einigen Kunden vergeht ihr das Lachen. Ihr Gesicht ziert jetzt ein Lächeln, dass weisse Zähne ahnen aber nicht sehen lässt.
Um 17 Uhr hat sie Schluss und radelt zurück nach Nienhagen. Sicher etwas gemächlicher als am Morgen. Hält sie unterwegs an und springt in die Ostsee? Und wen lacht sie unterwegs an? Oder wird sie angelacht? Wird sie angeflirtet und flirtet zurück?
Man weiss auch das nicht.
Ich weiss nur, dass es sehr erfrischend ist, wenn Susi lacht, sich freut und diese Lebensfreude an andere weitergibt.
07j20w

Vernissage und Gespräch

Die neue Ausstellung „Werkschau“ in der Kunsthalle Rostock ist den Fotografen Ute und Werner Mahler gewidmet.

Schon eine Stunde vor Beginn der Vernissage habe ich mir einen Platz gesichert. Wider Erwarten darf die Ausstellung vorher nicht besichtigt werden. Nur die Kultur- Ministerin durfte vorher schauen, weil sie zum Theaterball Schwerin am gleichen Abend eingeladen ist. Entsprechend kurz und geistreich ist ihre Rede, nachdem Herr Neumann die Eröffnungsworte gesprochen hat. Auch er im dunklen Anzug, dunkles Hemd und rote Fliege. Nein, nein, beeilt er sich zu sagen, er gehe nicht auf den Ball.

Es sind viele Besucher gekommen, sehr viele sogar. Die Stimmung ist gut, es wird viel geklatscht, zwischendurch immer mal wieder laut gelacht, als Ingo Taubhorn, der Kurator aus Hamburg, in Form eines Briefes den Lebensweg der Beiden schildert. Die neugierige Spannung auf die Ausstellung ist spürbar.

Werner und Ute Mahler

Als ob die Redner das wissen, halten sie sich kurz in ihren Ausführungen, da es am nächsten Tag ein öffentliches Gespräch mit den Künstlern und Kuratoren geben wird. Wir dürfen nun in die Ausstellungsräume.

Serie „Kleinstadt“, das Geschenk der Mahlers an die Kunsthalle

Als ich in Berlin lebte und studierte, wohnte ich im 2.Hinterhof im Prenzlauer Berg. Im Vorderhaus wohnte ein Grafiker, der u.a. das Layout für die SYBILLE machte. Wir hatten uns angefreundet. Ich besuchte ihn ab und an und sah dort eines Tages Ute Mahler. Ich war blutjung, schüchtern, schaute nur, beteiligte mich nicht am Gespräch. An diese Begegnung muss ich während der Reden denken.

Die WERKSCHAU zeigt eindrucksvolle dokumentarische Serien wie beispielsweise „Berka«, »Abiturienten«, »Gefängnis Hoheneck«, »Zusammenleben«, »Erotikprogramm« und »Porträts«. Darüberhinaus sind Landschafts- und Modeaufnahmen zu sehen. Die Anordnung der Fotos, die die Künstler gemeinsam mit den Kuratoren vornahmen, ist fantastisch. Selten habe ich ein so schöne bildliche und textliche Darstellung der Biografie der Künstler gesehen.

Auf den gezeigten Fotos werden Situationen aus dem Alltag in schwarz-weiß dargestellt. Sie wirken nicht gestellt.

Gut gefiel mir die Serie »Abiturienten«.

1977 entstanden die ersten Fotos für die Serie „Abiturienten“von Werner Mahler. Alle 5-7 Jahre fotografierte er sie erneut in ihrer heimischen Umgebung, so, als wollte er die Zeit visualisieren.

Ich stehe in Gedanken versunken davor, als eine Frau mit einem Kameramann im Schlepptau auf mich zukommt.

„Sie schauen so versunken auf die Bilder, was empfinden Sie beim Betrachten?«, höre ich sie fragen. Ich erschrecke, als ich sehe, wie sich die Kamera auf mich richtet. Oje, was empfinde ich?

»Ich musste gerade daran denken, dass in diesem Jahr mein Abitur 50 Jahre zurückliegt. Wir würden auch alle so aussehen, hätte man uns fotografiert. Daran denke ich gerade.«, stottere ich etwas. „Wie gefällt Ihnen die Ausstellung?«, fragt sie weiter. Ich bin nun richtig aufgeregt und weiß gar nicht moehr, was ich sage. Auf jeden Fall, dass ich beeindruckt bin, wie sie die alltäglichen Situationen eingefangen haben besonders die Serie im Gefängnis.

Serie „Gefängnis“

Am nächsten Tag findet um 14 Uhr das Künstlergespräch statt, moderiert von den Kuratoren der Deichtorhallen Hamburg, Brigitte Woischnik und Ingo Taubhorn.

Wie schon so oft funktionieren die Mikrofone nicht. Zu Anfang wird darüber gelacht, später das Gesicht verzogen. Gleich zu Anfang schlägt Herr Taubhorn vor, dass er Zettel rumreichen wird, auf denen jeder Fragen notieren kann, die er dann vorliest.

Was fragt man da? Fragt man überhaupt? Ja, Frau W. schreibt eine Frage auf: Sie sind beide ein Leben lang zusammen. Gab es Zeiten in Ihrer Beziehung, wo sie in Ihrem Denken/Handeln -privat oder beruflich- gar nicht mehr übereinstimmten und es zu einer Sprachlosigkeit zwischen Ihnen kam? (Ich wollte nur wissen, ob sie ständig das »Doppelpack« geben.)

Im Gespräch erfahren wir ihren Werdegang, wer und was sie geprägt hat. Seit vielen Jahrzehnten sind sie ein Paar, zwei herausragende Fotografen, die zu DDR-Zeiten zu den stilprägenden Fotografen des Ostens zählten und immer eine humanistische Sicht auf die Welt hatten, die sie bis heute in ihren Fotoprojekten realisieren. Beide arbeiten u.a. als freiberufliche Fotografen für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften (FÜR DICH, SYBILLE, nach der Wende auch STERN).

Sie erzählen über ihren Alltag in der DDR, wie leicht oder schwer es war, einen Studienplatz zu bekommen und darüber, dass das Leben mit Kind, Mann im Studium, sie schon mit Aufträgen, relativ leicht bewältigt wurde. Auf familiäre Hilfe konnte zurückgegriffen werden.

Ute Mahler

Als Gewinnerin des Fotowettbewerbs der PHOTOKINA bekam Ute Mahler 1979 einen Gutschein für eine Flugreise ihrer Wahl. Sie wählte ihren Sehnsuchtsort Paris und bereitete damit der Staatsmacht ein Problem. Ein Freund empfahl ihr, die neun Tage in Paris zu genießen und den Fotoapparat zu Hause zu lassen, da es unzählige Fotos von Paris gibt. Sie aber wollte für ihren Mann fotografieren, um ihm zu zeigen, wie schön die Stadt ist, die sie gar nicht so schön fand. Sie empfand sie langweilig. Dadurch verfiel sie nicht der westlichen Kultur-Schickeria und erarbeitet sich ihren eigenen fotografischen Stil. Nach der Wende gründeten sie zusammen die Fotoagentur Ostkreuz. Wir erfahren ihre Motivation für die Serien und auch, dass die Ideen dafür ’aus dem Alltag zu ihnen’ kommen. Insgesamt ein sehr interessantes Gespräch mit viel persönlichen Informationen.

Zum Abschluss wurden die aufgeschriebenen Fragen beantwortet. Ich gestehe, dass ich meine Frage fast zurückgenommen hätte, wäre eine Möglichkeit gewesen. Die Beiden erscheinen mir perfekt. Dann die Überraschung! Herr Laubhorn hat sich meine Frage zum Schluss aufgehoben und meint, dass er genau solche Fragen mag. Er fragt in das Publikum, wer denn diese Frage gestellt habe. Ich bin feige und melde mich nicht. Beide sind etwas überrascht über diese persönliche Frage, sagen dann aber, dass es natürlich auch in ihrer Beziehung „kracht“ und dass jeder seine Freiräume braucht. Und auch einfordert.

Bitte, genau das wollte ich wissen.

j01w20

Reise in die Normandie

Frankreich stand immer ganz oben auf meiner Reisewunschliste, wurde aber immer durch eine Fernreise verdrängt.

„… wenn wir alt sind, erkunden wir Europa…“, sagten wir uns und plötzlich sind wir alt. Ein etwas unsanfter Plumps in die Wirklichkeit!

Die Zukunft wird in der eigenen Vorstellungskraft merklich kürzer, aber damit leben wir, leben bewusster mit den Einschlägen im Freundes- und Bekanntenkreis und verplempern weniger Zeit. Wenn der Alltag nicht bewusst und abwechslungsreich gestaltet wird, fließt die Zeit einfach weg. Jeden Tag etwas machen, einen fremden Gedanken zulassen, mit anderen Leuten reden, diese neuen Erfahrungen dehnen die Zeit. Eine Art Lebensverlängerung, zumindest eine gefühlte.

Nun also in Europa, in der Normandie, unterwegs.

Der VOLVO, inzwischen 27 Jahre alt, wird mit Fahrrädern und Gepäck beladen und die Reise kann beginnen.

Wir sind nicht die grossen Autofahrer und müssen uns nichts beweisen, deshalb übernachten wir auf halber Strecke in Venlo. Dieses Bed&Breakfast hatte ich vorgebucht, alle anderen buchen wir von unterwegs über Booking.com, da wir mit diesem Anbieter gute Erfahrungen bei anderen Reisen gemacht haben. Drei Dinge sind bei einer Buchung für uns wichtig:

Parkplatz, kostenlose Stornierung und Frühstück.

Gleich die erste Unterkunft ist ein Glückstreffer!

Liebevolle Einrichtung und sehr netter Empfang mit Cappuccino.

Das Ehepaar hat ein ehemaliges Hundeheim zu einem B&B umgebaut. Eine Wahnsinnsarbeit, den Erzählungen des sympathischen Ehepaares nach zu urteilen. Am frühen Abend wandern wir durch den kleinen Ort Baarlo an der Maas, erfreuen uns an den fantastischen Vorgärten und trinken zum Abendessen belgisches Bier.

Am nächsten Tag geht’s weiter nach Rouen.

Die Geschwindigkeit auf den Autobahnen ist auf max. 120km/h begrenzt, was ein flüssiges Fahren garantiert. Keiner „hockt“ auf der Heckscheibe und drängelt.

Vor jeder Autofahrt steht die Frage, was nehmen wir für CDs mit? Es sind nie die richtigen, da unser Musikgeschmack unterschiedlich ist. Ich brauche eigentlich gar keine Unterhaltung durch das Radio/Musik, da ich mich während der Fahrten meinen Gedanken/Fantasien überlasse und mich gern über alles mögliche unterhalte. Unsere Welt ist in Ordnung, manchmal erscheint sie leer, was aber eher subjektiv ist, weil wir sie sehr viel besser kennen als vor 40 Jahren. Das Leben einfach nur schön zu finden, fällt schwerer als früher. Natürlich langweilen wir uns ab und an miteinander, lachen aber immer noch über die Späße des anderen. Wir wünschen uns, das vieles bleibt wie es ist, nur- war das schon alles?

Die Sonne scheint und im Auto ist es warm. Eine Klimaanlage wäre nicht schlecht, gibt es aber nicht. Also Fenster auf, Lärmpegel steigt und Unterhaltung wird auf ein Minimum reduziert.

Inzwischen in Frankreich, schlägt das Wetter um, der angekündigte Regen setzt ein.

Plötzlich die Info von Michael, dass die gesamte Elektrik ausgefallen ist. Was heisst das?

Es heisst, das der Keilriemen oder die Lichtmaschine kaputt sind. Nun nur nicht den Motor ausgehen lassen, denn ein Neustart funktioniert nicht. Noch 45 km bis Rouen! Ich suche nach der nächsten Werkstatt, werde fündig und- geschlossen!

Wir fragen, d.h., versuchen uns bei drei Passanten, die zufällig auf der Strasse stehen, verständlich zu machen. Schwierig! Kurzerhand führt uns einer der drei zur nächsten Werkstatt, wo man uns die Kohlebürsten in der Lichtmaschine auswechselt.

Glück gehabt! Ein Handkuss für den Fahrer, der erwidert wird.

R O U E N

Ankunft in Rouen bei strömendem Regen, was uns nicht daran hindert, die Innenstadt kurz zu besichtigen. Die Cathédrale Notre-Dame, grösste Kathedrale Frankreichs, beeindruckt auch bei Regen. Der Wir starten am nächsten Morgen nach einem sehr gutem Frühstück zu unserer ausführlichen Stadtbesichtigung bei leichtem Regen. Die Kathedrale und die anderen Kirchen werden von innen besichtigt, auf den Uhrturm geklettert, über den Wochenmarkt geschlendert und den Gelbwesten bei der Demonstration zugeschaut. In einem Strassencafé essen wir Galettes und trinken das erste Mal Cidre. Ein köstliches Mahl!

Inzwischen scheint die Sonne und wir trennen uns für eine Stunde. Ich möchte durch die Gassen schlendern, Geschäfte anschauen, mich am Strassenpublikum erfreuen und Michael möchte unbedingt die Brücke fotografieren. Am Ende des Tages sind wir 14,8 km gelaufen- Klasse!

G I V E R N Y

Nach einer Stunde Fahrt erreichen wir Giverny und begeben uns auf die Spuren von Claude Monet. Wir haben beide das Bild vom Seerosenteich vor Augen, das wir im Original in der MoMa New York sahen.

Die Idee, heute hierher zu kommen, hatten sehr viele Leute und es heisst: anstehen!

Dann Spaziergang durch den Garten, der üppig blüht. Es ist Mai und die Frühblüher, und hier auch schon vereinzelt Rosen, blühen extrem farbenfroh und leuchtend. Die Seerosen sind noch nicht erblüht, was den Eindruck nicht mindert. Im Hause von Monet, das er 1883 mietete und das sehr gut erhalten ist und gepflegt wird, kann man viele Bilder anschauen und sein Mobilar bewundern.

Es ging ihm gut.

M O N T – S T – M I C H E L

Am frühen Nachmittag fahren wir weiter nach Beauvoir in ein sehr schönes B&B. Vom Fenster kann ich ganz weit hinten den Mont-St-Michel (MSM) sehen. Die Wirtin gibt uns einen Tipp, wo man im Ort gut essen kann und im Anschluss daran radeln wir zum MSM. Beeindruckendes Bauwerk! Ein ehemaliges Kloster, wo heute der historische Teil besichtigt werden kann. Es gibt ein Hotel, viel Gastronomie und viele Geschäfte.

Wir radeln im Dämmerlicht zurück und sind vom Licht der Normandie begeistert. Es ist besonders und besonders schön und ich kann gut nachfühlen, das viele Impressionisten ihre Staffeleien in der freien Natur aufgestellt haben.

Am nächsten Tag besichtigen wir ausführlich den historischen Teil des MSM, wandern um das Kloster herum und radeln gemütlich zurück. Im Ort gibt es ein Geschäft mit Spezialitäten aus der Normandie und wir beschließen, heute selbstversorgt zu essen mit Blick auf das Kloster und die herrliche Natur.

C Ô T E d’N A C R E

Die nächsten zwei Tage widmen wir dem 75. Jahrestag der Landung der Alliierten in Frankreich.

Wir fahren die Küste entlang, machen Station in dem Ort, wo die ersten Soldaten am Morgen des 6. Junis 1944, bekannt als „Operation Overlord“ an Land gingen. Die Truppen landeten an den Küsten Utah und Omaha. Schon auf dem Weg dahin und auch auf der ganzen Strecke sind an Lichtmasten Fotos von gefallenen und vermissten Soldaten angebracht. Das ist beeindruckend und der Gedanke macht mich demütig, dass diese Soldaten wussten, dass sie ihr Leben riskieren. Überall findet man Hinweise auf die geplanten Feierlichkeiten.

In St-Laurent-sur-Mer besichtigen wir den Soldatenfriedhof und sind sehr ergriffen.

Unsere Unterkunft an diesem Abend liegt versteckt an der Steilküste. Wir haben etwas Mühe, sie zu finden, werden dafür sehr herzlich empfangen.

Die Gegend, durch die wir nun fahren, ist eher bescheiden, sehr grün, keine „Luxusausschläge“, kleine Autos auf den Strassen, kleine Geschäfte. Auffallend sind die vielen Kirchen. Man kann sagen, jedes Dorf hat seine eigene Kirche!

Am Abend wollen wir eine Strandwanderung machen, aber der Zugang zum Strand führt über morsche Holzstufen und wir verzichten darauf.

Am nächsten Tag besichtigen wir Bayeux mit seiner schönen Kathedrale und essen das erste Mal Muscheln. Die Sonne brennt heiss vom Himmel und lässt ahnen, wie der Sommer wird.

Zurück in der Unterkunft breiten wir unsere kulinarischen Schätze, die wir unterwegs kauften, auf dem Gartentisch aus und geniessen die Abendluft.

C R I C Q U E B ΠU F

Nunmehr sind wir an der Blumenküste -Côte Fleurie- unterwegs.

Wir fahren weiter durch die Orte entlang der Küste, halten an, wo es uns gefällt, trinken Kaffee, essen Croissants oder Crepes mit Karamellcreme. Es ist Vorsaison, wenige sind Leute unterwegs, die Strände leer. Der Himmel ist bedeckt, aber warme Luft umfängt uns.

Diese Orte sind bescheiden und erinnern Michael an das Warnemünde aus den 60iger Jahren, ein gewisser morbider Charme ist überall zu spüren, da die Häuser teils in ihrem ursprünglichen Zustand belassen werden. Unterwegs sieht man weidende Kühe, blühende Rapsfelder und Obstbäume.

Die neue Unterkunft ist sehr schön.

Ein renoviertes Haus mit individuell gestalteten Zimmern. Wir bekommen das grosse mit Balkon, den wir aber nicht nutzen können. Das Wetter hat sich verschlechtert, inzwischen ist es regnerisch und sehr windig. Das Frühstück ist hervorragend! Selbstgekochte Aprikosenmarmelade, Baguettes, Croissants und Crepes mit Karamellsauce. Herrlich!

Leider bricht sich die Wirtin die Hand und mit den Crepes ist es vorbei. Aber sie gibt uns sehr gute Hinweise, was man in der Gegend alles besichtigen kann. Allein hätten wir das nie gefunden. U.a. weist sie auf einen grossen Trödelmarkt hin, der mir sehr gut gefällt.

Wir besuchen die beiden Orte Trouville und Deauville, die etwas moderner und auch teuer sind.

In Trouville laufen wir die grosse Runde über Fischmarkt, schlürfen frische Austern, dann über die Promenade durch die Gassen zurück. Ein schöner Ort! Der mondäne „Schwester-Ort“ ist Deauville. Luxusort pur! Am Casino wird ein Film gedreht, Statisten werden gesucht, ich melde mich! Leider werden Frauen mit Charakter gesucht 😉

Nun steht der dritte Ort auf dem Plan, Honfleur, eine der reizvollsten Hafenstädte der Normandie, gern von den Gästen der Luxusliner als Ausflugsziel gewählt. Wir buchen eine Schiffsfahrt und fahren zur Normandie-Brücke. Doch regnet es und die Sicht ist schlecht. Die Stadt ist voller Menschen. Wir leihen uns einen Audio-Guide und erkunden so den Ort. Die älteste Holzkirche Frankreichs findet man hier. Viele kleine Gassen mit den verschiedensten, kleinen Geschäften erfreuen das Auge.

Schon am zweiten Tag in dieser schönen Unterkunft habe ich „Insektenstiche“ bemerkt, sie aber den Mücken zugeordnet. Komischerweise habe ich nicht eine Mücke gesehen oder Summen gehört. Am Abfahrtstag bin ich völlig zerstochen. Als ich die nette Herbergsfrau daraufhin anspreche, wird sie nervös, beharrt aber darauf, dass das Moskitos sind!

Zum Abschied schenkt sie mir eine Flasche Rotwein. Hä? Die Gastgeberin beschenkt den Gast?

Im Laufe des Vormittags werden die Stiche grösser und röter, so dass ich in eine Apotheke gehe.

Das Ergebnis ist nicht lustig: Bettwanzen!

Michael wurde nicht einmal gestochen!

C Ô T E d‘ A L B Â T R E

Wir fahren weiter über die Normandiebrücke nach Le Havre, machen dort nur kurz Station. Irgendwie erinnert mich die Stadt an die DDR. Wie sagte eine Freundin, als ich ihr als erzählte? Reutershagen 2! und wir lachen. Gewisse Ähnlichkeit ist durchaus vorhanden. Die Stadt war zu 80 % zerstört und wurde neu aufgebaut.

Dieser Teil der Normandie, die Alabasterküste, begeisterte mich sehr. Der Name kommt von den vielen Kalkfelsen und dem milchigen Wasser zwischen Le Havre und Le Tréport. Die beeindruckenden Falaise d‘ Aval in Etratat schauten wir uns am frühen Abend im diffusen Licht an. Sehr, sehr schön! Der eine Felsen sieht aus wie ein Elefant, der seine Rüssel ins Meer taucht.

Am nächsten Tag im Sonnenschein haben die Felsen nichts an Faszination verloren. Die letzten zwei Tage sind wir an diesem Küstenabschnitt unterwegs, machen Stopp, wo es schön ist (wo wars eigentlich nicht schön?) genießen die Natur, den Strand und die französische Küche. Besonders gut gefiel uns Yborg, ein kleines pittoreskes Dorf, wo es die ultimativ besten Muscheln gab.

Das Ende der Reise naht und mit ihr unsere letzte Unterkunft.

Das B&B ist ein Haus wie aus dem Film PSYCHO und ich werde das Gefühl nicht los, dass sich gleich die Tür öffnet und Norman Bates herauskommt.

Nein, natürlich nicht Norman, sondern Bill öffnet die Tür, der so aussieht, wie ich mir einen Lebemann oder Lord vorstelle. Ein grosser, eleganter, etwas romantisch aussehender Mann mit einem Hauch Müdigkeit im Gesicht. Er wirkt intelligent, sein Haar ist spröde und unordentlich, die Kleidung nicht übermässig gepflegt.

Er spricht drei Sprachen und schon im Eingangsbereich erfahren wir, dass er in Wien studiert hat. Wie alt kann er sein? Die besten Jahre hat er hinter sich, keine Frage und der Zahn der Zeit hat tüchtig an ihm genagt. Nun geniesst er die guten Jahre, die noch kommen. Später stellt sich heraus , dass er der Vater des Hausbesitzers ist. Dieser kaufte das kleine Jagdschloss Ende der 90iger Jahre und seitdem renoviert er es.

Der verlorene Charme der Bourgeoisie – hier findet man ihn und muss ihn mögen, muss die leichte Unsauberkeit, das abgenutzte Mobiliar und den Geruch nach kaltem Rauch mögen.

Eigentlich hätten wir gleich umkehren sollen, aber der zauberhafte Garten im gleissendem Sonnenlicht hält uns zurück.

Wir schlafen gut und die Erzählungen von Vater/Sohn sind amüsant. Das gebuchte Zimmer, das er uns zeigt, hat viel Plüsch und Teppiche und ich merke, wie ich verkrampfe. Sind die kleinen Tierchen hier auch Zuhause?

Wir bekommen auf unsere Bitte hin ein anderes Zimmer, viel kleiner, wenig Mobiliar. Egal! Kein Plüsch, mehr zählt nicht.

Im Bad muss ich an etwas sehr Schönes denken, mich voll darauf konzentrieren, um den Zustand nicht wahrzunehmen.

Der Schmutz und seine Cousine, das Abgewohnte, hier haben sie ein charmantes Zuhause.

Der Frühstückstisch im Salon ist für 12 Personen gedeckt. Sollte es hier soviele Gäste geben? Nein, nur drei Personen sitzen morgens am Tisch.

Am nächsten Tag bin ich ein Jahr älter.

Gibt es Veränderungen? Nicht unbedingt.

Ich hätte mich -vielleicht- informieren sollen, dass die Haut schlaff und faltig wird, dass das Gesetz der Schwerkraft stärker wirkt, nun unumkehrbar, dass die Augen immer mehr zu Schlitzen mutieren.

Jetzt, in diesem Lebensabschnitt entscheide ich mehr denn je, was und wie ich leben will. Das ist ein Vorteil vom Alt-Sein.

Und, wenn ich ehrlich bin, ich hatte in jedem Alter an mir etwas auszusetzen, mal zu wenig Busen, nun zuviel, Bauch war früher eine Kuhle, heute ist er dominant. Klagen über Zipperlein machen das Leben unnötig schwer. Natürlich gibt es Einschränkungen, das Knie mault, Lesen ohne Brille geht gar nicht mehr, aber werde ich gefragt, geht es mir gut.

Ich denke, Akzeptanz ist das wichtigste und die gelingt im Alter immer besser. Mir klarzumachen, was ich wirklich will, das ist für die Zeit, die bleibt, das Wichtigste.

Ich fühle mich gut, sehr gut sogar.

An diesem besonderen Tage esse ich die ganz grosse Fischplatte und stelle fest, Schnecken aus dem Meer sind so gar nicht mein Ding. Und wenn ich ehrlich bin, auch Cidre nicht. Ich mochte noch nie Apfelsaft! Austern dagegen können öfter auf dem Speiseplan stehen. Am Abend ein Glas Wein im Garten bei untergehender Sonne und dann ist auch dieser Tag vorüber.

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Zwei Dörfer stehen für den letzten Tag auf dem Plan und beide sind sehr schön. Ich finde tatsächlich einen Hühnergott. Mehr Glück geht nicht. Wir steigen an einem Strandabschnitt 232 Stufen hinunter zum Wasser, später wieder hinauf.

Die Küsten und auch die Orte sind sehr sauber. Wir sehen keinen angespülten Müll. Die Kalkfelsen sind sehr fest, keine abbröckelndes Gestein. Im Wasser liegen grosse Steine mit kleinen Höhlen, in denen sich Krebse aufhalten.

Irgendwie erinnert mich die ganze Atmosphäre an frühere Zeiten, an Dörfer, wo nicht viel passierte, zumindest nach aussen hin. Es ist ein diffuses Wohlgefühl, das mich die ganze Reise begleitet. Als ich mit Michael darüber spreche, erzählt er von ähnlichen Empfindungen.

Am späten Nachmittag wird der Himmel dunkel und wir flüchten in ein Lokal, dass uns der „Lord“ empfohlen hat. Sehr einfach und sehr urig! Die junge Wirtin versteht nur französisch und mittels Handy mache ich mich verständlich, sage, dass wir alles essen und uns auf ihren Geschmack verlassen. Sie bringt Cidre als Getränk und Pommes, grünen Salat und eine dicke Scheibe geselchten Schweinebauch! Wir schauen beide überrascht auf den Teller, kosten und stellen fest: ungewöhnlich, aber schmackhaft!

Der Himmel ist inzwischen schwarz und ein Gewitter bricht los. Also ein zweites Glas für mich und einen süssen Nachtisch für Michael.

Am nächsten Tag starten wir gen Warnemünde, machen nochmals in Venlo Station und sagen beide:

Es war sehr schön!

Sehnsüchte

Es gibt Tage, da tauchen Gelüste oder Sehnsüchte auf. Wie aus dem Nichts! Es entsteht ein »Hieper« auf etwas und die Gedanken kreisen nur noch darum, wie man ihn verwirklichen kann. Kennt ihr das auch?

Gestern hatte ich so einen Tag.

Der Wetterbericht sagte wieder Regen voraus, wieder nix mit Frühling. Ich aber wollte Sonne, sofort und diese möglichst in Kombination mit dem Fahrtwind beim Radfahren.

Am frühen Vormittag schien tatsächlich die Sonne und wir fuhren mit dem Fahrrad Richtung IGA-Park in Schmarl. In der Zeitung hatte ich gelesen, dass der Park für Fahrräder und Hunde freigegeben wurde, Eintritt weggefallen ist und sich die Besucherzahl dadurch drastisch erhöht habe.

Der Park ist ziemlich groß und die Wege sind weitläufig. Es machte richtig Spaß, durch den Park zu radeln.

Die Sonne verschwand recht schnell und von warmer Frühlingsluft waren wir weit entfernt. Egal! Einige Bäume zeigten schon grüne Blattspitzen, Krokusse blühten.

Wir fuhren den Weg Richtung Traditionsschiff.

Es waren nur wenige Leute unterwegs.

Sollten meine Gelüste nach Sonne, Rad und frischer Luft abartig sein?

Links vom Schiff befindet sich eine kleine Bootswerft. Michael verschwand sofort dahin und ward nicht mehr gesehen.

Ich schlenderte am Kai entlang, fotografierte und war dann doch neugierig auf die Bootswerft. Dort fand ich den Gatten im Gespräch mit einem Bootsbauern. Ich registrierte für mich, dass er attraktiv und äußerst sympathisch war, was meine Fantasie und Redelust aktivierte.

Vom Bootsbau verstehe ich so gut wie nichts und musste deshalb viel fragen. Auf jede Frage bekam ich eine ausführliche, von einem Lächeln untermauerte Antwort. Uwe Ahlgrimm liebt das Segeln, war jahrelang aktiv in dieser Sportart. Man muss es mögen, das Wasser, den Wind und oftmals die Kälte.

Die Bootswerft auf dem IGA-Gelände untersteht dem Schiffahrtsmuseum Rostock und die Jolle, die hier nachgebaut wird, ist ein historisches Boot. 2017 begannen die Arbeiten, die sich noch eine Weile hinziehen werden.

Das Projekt wird vom Förderkreis des Museums unterstützt und ist auf Spendengelder angewiesen. Immerhin kamen schon 30T€ zusammen.

»Und was gebt ihr Beide?«, fragte Uwe. Ich hatte -wie so oft- gar kein Geld mit und Michael tat, als hörte er nichts. Wir brachen in Gelächter aus und beteuerten, dass es das Erste sei, was wir nachher machen, Geld überweisen!

Uwe erklärte uns die einzelnen Schritte, die zum derzeitigen Stand der Fertigung der Jolle geführt haben. In der Werkstatt hängen historische Fotos, die zeigen, wie das fertige Boot aussehen wird.

Diese Boote wurden früher von den Warnemünder Fischern für die Fischerei und Transport von Sand zum Hafen nach Rostock benutzt. Den Sand benötigte man als Ballast für die Segelschiffe. Mit Einsetzen der Motorisierung kamen die Schiffe für Lustfahrten auf See zum Einsatz. Von den Warnemünder Jollen hat kein Schiff die Zeit überstanden. Der Nachbau gestaltet sich schwierig, da es wenige Unterlagen gibt.

Er zeigte und erklärte die noch funktionierende Schmiede und auch, wo das Holz »gekocht« wird, damit man es biegen kann. Letzteres findet viel Anklang, wenn Schulklassen zur Besichtigung kommen. Wenn die Kinder aus einem Nagel einen Anhänger schmieden dürfen, sind sie begeistert. Ich übrigens auch.

Schmiede

Anlage zum Kochen des Holzes

Man merkt Uwe die Begeisterung für seine Arbeit an.

»Wer hat noch so einen schönen Ausblick, wenn er auf Arbeit ist?«, fragt er lachend und zeigt auf die Warnow. In der Ferne sieht man den Überseehafen und wie zur Bestätigung schippert die Fähre nach Finnland vorbei. Er freut sich auf die künftigen Fahrten nach dem Stapellauf der Jolle. Aber noch ist es nur ein Traum.

Es ist immer schön, wenn man Menschen trifft, die so begeistert von ihrer Arbeit sprechen. Arbeit? Es ist zu einem hohen Anteil Hobby und das macht den Unterschied zur normalen Arbeit. Beneidenswert!

Zurück in Warnemünde regnete es. A b e r die Hoffnung auf Sonne stirbt zuletzt.

Nächste Woche ist Frühlingsanfang👍 und dann solltet ihr in den IGA-Park fahren und Uwes Jolle anschauen.

Es lohnt sich!

PS. Für jedes Bedürfnis ist gesorgt …

Wie entsteht die Wettervorhersage?

Wenn ich im Januar aus dem Fenster schaue, dann erscheint die Welt trist. Es ist oft neblig und diesig. Schneefall? Eher nicht, dazu wohnen wir nicht nördlich und auch nicht südlich genug. Mittendrin also, dort, wo es nicht richtig kalt wird und ich frage mich:

Wer ist eigentlich für das Wetter verantwortlich?

Der liebe Gott? Eher nicht.

Ich denke, das finde ich nicht so einfach heraus oder aber ich müsste mich auf die wissenschaftliche Ebene begeben. Könnte schwierig werden.

Aber wie eine Vorhersage entsteht, das könnte ich herausfinden und zwar mit Sabines Hilfe.

Wenn wir uns treffen, gibt sie Auskunft, was uns die nächsten Tage erwartet, ob es sich lohnt, den Grill anzuwerfen oder ob wir besser zuhause bleiben.

Sie ist unsere ‚Wettervorhersagerin‘.

Als technische Assistentin für Meteorologie war sie jahrelang Wetterbeobachterin und Leiterin der Wetterwarte Warnemünde. Seit immerhin 33 Jahren ist sie in ihrem Beruf tätig. Immer wieder betont sie mit leuchtenden Augen, es sei ihr Traumberuf und sie würde ihn immer wieder wählen.

Sie ist also die absolut richtige Ansprechpartnerin für mich.

Die Wetterwarte gehört für mich zu Warnemünde wie der Leuchtturm. Wenn wir im Sommer zum Strand fahren, werfen wir vorher und nachher einen Blick auf die angegebenen Wasser- und Lufttemperaturen. Die gefühlten Temperaturen unterscheiden sich von den angegebenen. Zu Saisonbeginn sind 15 Grad Wasserwärme WARM, während Mitte Juli diese Temperatur als KALT empfunden wird.

Diese Anzeige könnte aber im Rahmen der Automatisierungen bald vorbei, meinte sie.

Das wiederum wäre ausgesprochen schade!

Wir treffen uns an einem kühlen Tag im Januar vor der Wetterwarte.

Als erstes werfen wir einen Blick auf die Erfassung der Daten. Es ist kalt, der Boden ist teils mit Schnee (tatsächlich 0,5 cm!) bedeckt, als wir das Dünenmessfeld, übrigens das einzige in Deutschland, betreten. Sabine erklärt uns die einzelnen Messgeräte, die früher jede Stunde abgelesen wurden. Inzwischen werden die Daten elektronisch übermittelt. Gleichzeitig gibt sie einen Einblick in die Geschichte der Wetterwarte.

Parallel zu den jahrzehntelangen Wetteraufzeichnungen am Standort Rostock gehen die Anfänge in Warnemünde bis ins Jahr 1841 mit ersten sporadischen Windbeobachtungen zurück. Seit 1850 wurden vom jeweiligen wachhabenden Lotsen die Sichtweite, Wolken, Wind, Eisverhältnisse sowie die Temperatur und der Luftdruck für die Deutsche Seewarte Hamburg festgestellt. Vom Lotsenkommandeur St. Jantzen wurden 1877 erstmals Beobachtungen veröffentlicht.

Später befand sich auf dem Flugplatz Warnemünde- Markgrafenheide eine mit Fachmeteorologen besetzte Wetterwarte, die zum 1.1.1939 zu Wetterwarte umbenannt wurde.

Im Februar 1945 wurde der Beobachtungsdienst nach Bombardierung des Flugplatzes eingestellt.

Am 01.05.1946 wurde die Station in der Seestrasse eröffnet, wo sie heute noch ist. Die Ausrüstungen wurden und werden ständig verbessert.

Am 19.09.1990 begann die Automatisierung der Wetterbeobachtung in Warnemünde. Damit wurden die Erdbodentemperaturen 5 bis 100 cm und die Temperatur 5 cm über dem Erdboden nicht mehr im Dünenfeld sondern auf dem Hochmessfeld im Hof der Wetterwarte gemessen. Grund dafür waren häufige Zerstörungen auf dem Dünenmessfeld wie Sandverwehungen. Interessant war die Zeit, als die Stranddiestel unter Naturschutz gestellt wurde. Da war es nicht mehr so einfach, die Pflanzen zu entfernen.

Im Zuge der Wiedervereinigung trat der Meteorologische Dienst am 3.10.1990 dem Deutschen Wetterdienst bei und die Wetterstation Rostock-Warnemünde wurde in das gesamtdeutsche Messnetz integriert.

Am 01.07.2005 wurde die Wetterstation in Wetterwarte Rostock-Warnemünde umbenannt.

Während in früheren Jahren mehrere Mitarbeiter für Datenerfassung verantwortlich waren, sind es heute noch drei, die hauptsächlich Organisationsaufgaben erledigen.

Die Daten, die hier und heute erfasst werden, gehen in nationalen und internationalen Austausch der Weltorganisation für Meteorologie ein.

Früher war die Hauptaufgabe von Sabine, das Wetter zu beobachten. Die Messfelder wurden jede Stunde kontrolliert und die Daten aufgeschrieben. 24h! Fünf Minuten wurden Daten abgelesen und aufgeschrieben. Nachts und im Winter konnten fünf Minuten ganz schön lang werden! Daraus entstand die Wettervorhersage und ergab auch die Anzeige vor der Wetterwarte.

Wie lange kann man eigentlich das Wetter vorhersagen? Das interessiert mich schon lange.

Es ist nunmehr möglich, für jeden Ort eine fundierte Vorhersage für drei Tage zu geben. Aber auch das nicht 100%ig, da es immer Unsicherheitsfaktoren wie zum Beispiel plötzlich auftretender Seenebel oder aber Seewinde geben kann. Ich erinnere mich, dass es im Hochsommer in Rostock heiß war und wenn ich mit der S-Bahn nach Warnemünde kam, war es zehn Grad kälter und total neblig!

Die Reverenzreihe, die für Vergleiche der Jahrestemperturen genutzt wird, ist auf 1960-1990 festgelegt. Dadurch konnte der Anstieg der Jahresmitteltemperatur nachgewiesen werden und auch, dass das Wetter nicht allein für die Klimaveränderung verantwortlich ist.

Man merkt es Sabine an, wie begeistert sie ihren Beruf ausübt. Die stündlichen Abmessungen früher waren anstrengend, aber auch schön. Wer kann schon von sich sagen, alle Wolkenarten, Nordlichter und aufkommende Gewitter en Detail und zu jeder Tages-und Nachtzeit gesehen zu haben?

Ein wenig entschädigt heute der Blick aus dem Fenster der Wetterwarte direkt auf die Ostsee und auf die ein- und auslaufenden Schiffe.

Und wenn es im Sommer so richtig heiss ist, kann sie schnell in der Ostsee abtauchen. Wer kann das schon?

Danke, Sabine, für deine Informationen/Erklärungen und weiterhin viel Freude bei der Arbeit.

2019

Nun ist es schon drei Tage alt, das neue Jahr, das stürmisch kam. Schon in der Silvesternacht gab es starken Wind mit Böen. Wir begrüßten das neue Jahr am Strand und erfreuten uns am Feuerwerk.

Am nächsten Tag wurde der Wind immer stärker und die Veranstalter des Events „Leuchtturm in Flammen“ sagten alles wegen Orkanböen und Sturmwarnung ab. Für das Feuerwerk wurden zehntausende Zuschauer erwartet. Schade, aber die Sicherheit ging vor.

Am nächsten Tag hatte uns das Sturmtief „Zeetje“ voll im Griff! Mecklenburg erlebte eines der schwersten Hochwasser der letzten Jahre. In Warnemünde wurde mit 1,67 Meter über Normal der höchste Pegelstand seit 1954 gemessen. Die Fährverbindungen wurden eingestellt. An den Stränden schlugen Wellen über Strände und Kaikanten.

Ein Naturschauspiel der besonderen Art! Da ich an dem Tage einen Termin in Rostock hatte, kam ich erst am späten Nachmittag nach Warnemünde und lief sofort an den Alten Strom und Strand. Der Wind wehte mich fast um. Der Strom schwappte auf den Fußweg, die Mole wurde von den Wassermassen überspült. Am Strand stand die Rutsche für die Kinder im Wasser. Überall war der Sand zu kleinen Hügeln aufgetürmt.

„Morgen ist alles vorbei und das Wasser wieder weg“, hörte ich eine Stimme sagen und konnte es gar nicht glauben.

So kam es auch. Am dritten Tag war der Alte Strom wieder trocken, Leute tranken Kaffee vor den Cafés und die Mole war voller Menschen. Von der Rutsche fielen die Kinder wieder in den Sand. Das Meer hatte sich zurückgezogen.

Da hat das Jahr 2019 einen rasanten Start hingelegt und ich bin gespannt, was es noch für Überraschungen geben wird.

Wie habt ihr den Jahreswechsel erlebt?

Neues Jahr

Mit diesen Impressionen von einem Spaziergang am Strand und durch den Küstenwald verabschiede ich mich vom Jahr 2018 und sage DANKE für euren Besuch und auch Beiträge auf meinem Blog.

Ich wünsche uns allen ein friedvolles, neues Jahr, das uns Gesundheit bringen und diese erhalten möge, uns überrascht, Neues erleben und Altes vertiefen lässt. Kurz gesagt:

Viel Glück im neuen Jahr!

Knecht Ruprecht

Heute las ich in der Zeitung, dass Knecht Ruprecht nicht mehr zeitgemäß sei. Er passe nicht mehr in das Bild der heutigen Kindererziehung.

Das stimmt. Schon wenn man sieht, mit was für rückschrittlichen Verkehrsmitteln er unterwegs ist. Schlimm! Er kann einfach nicht mithalten, wenn die Kinder mit SUVs zur Schule bzw. ihren Aktivitäten gefahren werden. Er prangert Ungezogenheiten an, verlangt Besserung bei Verfehlungen und will erst dann seine Gaben verteilen. Das geht wirklich gar nicht mehr! Seine Begünstigten sind Kinder oder sollen es sein. Aber immer wieder hört man, dass er auch Erwachsene beglückt. Macht er das aus lauter Freude? Ich nehme es einfach mal an.

Der Nikolaustag hat für mich keine große Bedeutung. Die Enkel werden schon einige Zeit vorher per Post beglückt. Rückmeldungen kommen nicht. Warum sollten sie das bei mir tun? Die kleinen Geschenke kommen ja von IHM, dem grossen Unbekannten, den noch keiner sah.

Er ist ein Nachtmensch. Als ich gestern morgen hektisch die braune Tonne vor die Tür fuhr, sah ich beim Hinauslaufen das viereckige Päckchen in meinem Schuh. Oho! Sollte der Nachtknabe Ruprecht bei mir gewesen sein? Hatte ich das verdient?

Viereckiges Päckchen bedeutet Buch oder Pralinen. Gut, erst einmal die Tonne raus. Keine einzige Tonne auf der Strasse? Also in der Woche geirrt, Kommando zurück, Tonne wieder in den Garten.

Frühstück oder erst Päckchen aufmachen?

Ich bin ja schon groß und kann mich beherrschen. Kaffee ist schnell gemacht. Das Päckchen liegt vor mir. Ich weiss gar nicht, was grösser ist, die Neugier oder die Freude? Das Papier ist schnell aufgerissen. Ein Buch!

Als ich den Titel und den Untertitel lese, merke ich, wie sich die Freude in ein undefinierbares Gefühl verwandelt:

„Kochbuch für die kleine alte Frau“ von Sybil Gräfin Schönfeldt, ein Buch für all jene, die allein leben, aber eine selbstgekochte Mahlzeit lieben.

Könnte es sein, dass sich der Knabe geirrt hat? Ist er selber alt? Oder sollte es ein Hinweis darauf sein, dass sich mein Leben demnächst ändern könnte? Ich grüble und merke, wie sich meine gute Laune verflüchtigt.

Was stört mich am meisten? Die Wörter ‚alte Frau‘ – etwas schon. Klar bin ich alt, mache daraus keinen Hehl und habe damit kein Problem. Das Wort ‚klein‘ relativiert es, macht es etwas sympathischer. Trotzdem! Kochen mag ich gern, stimmt, allerdings so gut wie nie für eine Person.

Der mir Angetraute kommt die Treppe herunter und fragt:“Und?“

Ich gebe zu, dass ich mich nicht so ganz gut unter Kontrolle hatte und die Worte (ich wiederhole sie nicht!) die ich im Affekt über Knecht Ruprechts Geschenkidee äusserte, nicht sehr nett waren. Es war eine schöne Geste. Ich vermute aber, Knecht Ruprecht wird künftig nicht mehr mit einem Geschenk zu mir kommen.

Aber da es sowieso nicht mehr zeitgemäß ist, werde ich es nicht vermissen.